Archiv für den Monat: September 2014

Carpe diem (verdammt nochmal, jetzt!)

Wenn man (so wie ich) ständig seinem prallgefüllten Terminkalender hinterhechelt und sich dabei abmüht, den gefühlt meterhohen Stapel „To-Do“-Listen abzuarbeiten und das Handydisplay wie eine 80iger-Jahre-Discobeleuchtung vor sich hinblinkt und ohne Pause „Ruf mich zurück, wichtig, wichtig!“ schreit, neigt man ja leider häufig dazu, die kleinen Gastgeschenke des Lebens als selbstverständlich hinzunehmen oder gar zu übersehen.

Bis Anfang Mai hatte die Lauferei bei mir eher einen „Ach, verdammt, das AUCH noch!“-Pflichterfüllungs-Charakter, weil ich meinen maroden Knochenhaufen zum Miezenmeilen-Spendenlauf in möglichst leistungsfähigen (und somit gewinnbringenden) Zustand trainieren wollte. Der hirnputzende Entspannungseffekt blieb dabei leider öfter mal auf der Strecke. Danach habe ich mir beim Westerwaldlauf aus reinem Übermut mein linkes Kniekehlensehnendingsda geschreddert und konnte plötzlich nicht mehr wie ich wollte, und – wen wundert’s! – plötzlich wollte ich. Und wie. Ist ja logisch, du dummes Hirnstübchen..immer das, was gerade nicht verfügbar ist, gell?

Jaja. Mir brauchste da nix vormachen.

Es folgte einige Wochen mit ultrakurzen Ministrecken, um der zickigen Kniekehle gönnerhaft Zeit zum vollständigen Ausheilen zu lassen – nicht wirklich schlecht, aber auch nicht wirklich gut. „Wenn ich doch…also zumindest mal wieder 10 läppische Kilometerchen am Stück, ohne Zipperleingehpausen…nie-hiiie wieder würde ich mich beklagen.“

Jaja. Schon klar.

Nun hält die reizbare Sehne schon seit einigen Läufchen in Folge ihre ziepende Klappe, und als ich an diesem Samstagmorgen frohgemut und sorgenfrei über die heimischen sonnendurchflutenden Bilderbuchtrails hüpfe, klatscht mir mein Hirn plötzlich wie einen nassen Lappen die Erkenntnis ins schwitzige Anlitz, das genau das hier gerade nicht selbstverständlich ist, sondern ein wunderbarer Luxus:
Frei von Schmerzen und sonstigen Zipperlein (körperlicher wie mentaler Natur) und ganz ohne Zeitdruck durch eine der (meiner unbescheidenen Meinung nach) schönsten Wälder Deutschlands..ach, was sage ich, der ganzen Welt, des gesamten Universums! laufen zu können, und dabei von nichts und niemandem behelligt oder gehetzt zu werden ist einfach nur unfuckingfassbar geil-o-mat. Dieser Luxus in Verbindung mit den vielen großartigen Menschen in meinem Leben (und natürlich den 3 tollsten Miezekatzen der Welt) ergibt eine großartige Summe. Dagegen verblasst doch jeder lästige Terminkalender, jede affige To-Do-Liste und die ganzen großen und kleinen Dramen des Alltags auf der Habenseite in vollkommender Bedeutungslosigkeit.

Also ordne ich mir selbst jetzt mal ein wenig Dankbarkeit an. Dankbarkeit ist befohlen!

Auch wenn das Frollein Übermut in meiner Hirnstube schon wieder leise „10 km sind ja ganz nett, aber so’n Ultra wäre ja auch mal wieder schön“ wispert…aber alles ist gut. So wie es ist. Punkt.

Amen! Und dreimal schwarzer Kater.

(02.08.14)

Being Uschi Uphill

Wie schon im vorigen Beitrag mit vorgespielter Gelassenheit bemängelt, verweigert mein rechtes Kniegelenk derzeit die Kooperation mit dem Rest des maroden Knochenhaufens unterhalb meines Kopfes. Durch intensive Beobachtungen in freier Wildbahn und entsprechenden Feldversuchen bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass Bergauflaufen keinerlei Probleme verursacht, Bergablaufen hingegen nach kürzester Zeit zu einem schmerzhaften Ziehen im äußeren Kniekehlenbereich führt.

Fazit: Ab jetzt wird nur noch bergauf gelaufen. Aber sowatt von.

Irritierenderweise stellt sich in der Praxis recht schnell heraus, dass sämtliche Hometrails nahezu ausschließlich aus Abstiegen zu bestehen scheinen. Diese Beobachtung steht in deutlichem Gegensatz zu meiner bisherigen Annahme, dass es hier fast nur Berge gibt und sind wohl anschauliches Beispiel für die berühmte „selektive Wahrnehmung“. (Oder irgendeine Arschkrampe baut hier ständig die örtlichen Höhenprofile nach Gutdünken um, um mir eine reinzuwürgen. Glaub‘ ich aber eher nicht. Da muss man ja auch mal realistisch sein.)

Für die heutige samstägliche Körperertüchtigung wähle ich also einen kleinen Rundkurs mit „richtig viel Bärsch“ gleich zu Beginn. Während ich die Anhöhe emporschnaufe, fällt mir im wahrsten Wortsinn siedenheiß (aka „Ächz!“) auf, dass ich meine noch nie nennenswert vorhandenen Bergauflauffähigkeiten in den letzten Monaten aus Gründen der persönlichen Wellness doch ziemlich sträflich vernachlässigt habe. Und „von nix“ bekanntermassen auch  „nix kommt“, bin ich nach nur 2 Kilometerchen mit meinem Lungenlatein am Ende. Leckofatz. Das ist nun aber schon so’n bißchen anstrengend, das hier.

Aber da nach einem Hoch erfahrungsgemäß auch immer ein Tief folgt und bei einem Rundkurs die positiven und negativen Höhenmeter gar keine andere Wahl haben, als sich die Waage zu halten, ermuntere ich mich selbst keuchend zum tapferen Durchhalten. Und just bevor meine Lungenflügel auch noch die allerletzten Federn lassen, ist der Berg dann auch geschafft und ein flaches Pfädchen winkt charmant zu meiner Linken.

Flaches Pfädchen, du bist mein Freund.
Dich mag ich.

Nach einer kleinen Weile setzt das Pfädchen allerdings zum Sinkflug an, was mein Knie zeitnah mit einem kurzen, aber empörten Aufschrei quittiert. Folgsam wechsele ich in den Wandermodus und sofort lehnt sich das reizbare Gelenk zufrieden zurück. Mein Hirnkasten, der seit meinen ersten Schritten als Trailrunner mit dem Befehl „Am Berg wird GEGANGEN!“programmiert wurde, findet meine Handlungsweise ein wenig befremdlich und reagiert mit dem Entsenden einer leichten Unbehaglichkeit, die ich aber weitestgehend ignoriere. Nützt ja nix.

Plötzlich erfasst mein Auge einen bisher noch nie wahrgenommenen Singletrail, der sich anmutig und mit deutlicher Tendenz nach ob durch das Gehölz windet. „Na, mein schwitziges Frollein, wie wär’s mit uns beiden?“ lockt der Trampelpfad und zwinkert mit den Tannenzäpflein. Ich überschlage kurz in den Gedanken die Wahrscheinlichkeit, mit der der verführerische kleine Weg in einen mir bekannte Waldautobahn mündet und scharre zögerlich mit den Füßen im Boden. Ganz schön steil, der Kerl.

Aber nützt ja nix. Man muss die Bergfeste feiern, wie sie fallen.

Also reiße ich die Lungenflügel zusammen und schleppe mich japsend den zugegeben ganz reizenden kleinen Pfad hoch, der sich durch Felsen und Fingerhüte schlängelt. Leckofatz. Wie gesagt.

Planmässig lande ich auf dem erwarteten Forstweg, marschiere eine kurze Nicht-so-richtig-aber-sicher-ist-sicher-Downhill-Passage herunter und laufe die letzten beiden Flachlandkilometer fröhlich und frei von Knieweh zurück zu meiner geparkten Blechkutsche. Das Display der Forerunnerin zeigt 7 km, ein kurzes Drehen und Wenden der rechten unteren Extremität zeigt keine Probleme und mich dünkt, dass mein Plan zum Garaus-Machen der Kniepein durchaus aufzugehen scheint.

Und als sich auch Dehnen und Dusche kein Nachweh am Gebein zeigt, schöpfe ich zaghaft die leise Hoffnung, dass eine Verschmelzung von Uschi Uphill und Dörte Downhill in eine einzige Person (nämlich mich) durchaus in greifbare Nähe gerückt sein könnte.

(28.06.14)

„Und, wie läuft’s?“ – Och jo. Es geht.

Wie schon der Volksmund weiß, geht der Krug solange zum Brunnen, bis er bricht. Und mein Läuferkorpus ist nun leider solange zum Ultra-Brunnen gegangen, bis der Kniekrug gebrochen ist….zumindest im übertragenen Sinne, denn gebrochen ist glücklicherweise nichts.

Nach dem zugebenermassen ohne ausreichendes Training abgeschlurften 24-Stundenlauf am Seilersee hätte ich vermutlich eine angemessene Rekonvaleszenz-Zeit geniessen sollen. Hätte, hätte, Fahrradkette. Aber der Westerwaldlauf direkt vor meiner Haustür besticht nicht immer nur durch eine entzückende Streckenführung, sondern auch durch viele liebreizende Teilnehmer, und beides konnte ich mir beim besten Willen nicht entgehen lassen. Man muss die Feste feiern, wie sie fallen, bekanntermassen.

Nun gut, als sich auf den letzten 10 km meine Knie-Außenseite unangenehm zu pochen erdreistete, hätte (hätte, Fahrradkette) ich vermutlich besser mal Tempo (es darf gelacht werden!) rausnehmen oder komplett in den Wandermodus wechseln sollen, aber wie gesagt…Feste, feiern, fallen. So jung wie damals wären wir nie wieder zusammengekommen. Die letzten Kilometer zum Ziel waren dann geprägt von stechenden Schmerzen und einem uneleganten Humpelmodus. Dennoch war der zauberhafte Tag jede Sekunde Schmerz wert und überhaupt fiel das unangenehme Stechen beim Gehen später fast gar nicht mehr auf. Nur längeres Sitzen entlockte mir gelegentlich ein jammerndes „Aaaaah!“.

Nun ja – hinterher hätte man es natürlich wie immer schon vorher gewusst, aber letztlich lässt sich so ein überreiztes Kniegedöns dann auch nicht mehr ändern. Das Gute ist – Trail bleibt Trail, egal ob man läuft oder wandert…und im beherzten Wanderschritt gibt das gereizte Knie dankenswerterweise keinen Mucks von sich. Der idyllische Wald, das reizende Vogelgeplärre und die wunderbar frische Luft entfalten ihre seelenschmeichelnde Wirkung auch im Marschiermodus – und so werde ich halt einfach gehen, bis es wieder läuft. Good things come slow. Und mit „slow“ kenne ich mich aus.

(19.06.14)