Die Einsamkeit des Langstreckenwanderers

Wandersfrau
„Reisen heißt, an ein Ziel kommen.
Wandern heißt, unterwegs zu sein“.

(Theodor Heuss)


Wandern haftet ja immer ein wenig der dröge Muff von Knickerbockern, Blasenpflastern und Filzhüten an und gäbe es eine Liste der coolsten Trendsportarten, dann würde diese Form der Fortbewegung dort garantiert auf dem untersten Platz dümpeln (knapp geschlagen von Minigolf)

Und das ist auch gut so.iserbach2

Denn hätte irgendein szeniges Marketinggenie „Wandern“ als mögliche neue Geschäftsquelle entdeckt, in „Speedhiking“ oder „Extreme-Marching“ umbenannt und dazu 238 überteuerte Gadgets auf den Markt geschmissen, wären meine Wandertouren der letzten Tage vermutlich nicht so wunderbar einsam und idyllisch gewesen. Auch meine heutige Strecke, die relativ neu vermessene und markierte Iserbachschleife über knapp 21 km, wäre sicherlich von Hipstern überlaufen, die in szenigem Funktionsgewand die „Insidertips“ abhasten und dabei geschäftig Zeiten und Ausrüstung vergleichen würden.

Aber da dem beglückenderweise nicht so ist, starte ich auch heute wieder mutter- sowie vaterseelenallein auf die mit einem unübersehbaren grünen „W“ markierte Wäller-Tour und freue mich auf einen liebevoll gedeckten visuellen Gabentisch von Mutter Natur und vor allem – Ganz. Viel. Ruhe.

Die verschwenderische Fülle von Hinweisschildern lässt mich innerlich lauthals grinsen – noch nicht einmal der sprichwörtliche „Blinde mit’n Krückstock“ würde es schaffen, sich auf diesem großzügig beschilderten Weg zu verlaufen. Würde man dem Wandersmann die Augen verbinden, würde es ihm alleine durch Abtasten der Bäume gelingen, der vorgegebenen Route idiotensicher zu folgen.Vermutlich hat ein schusseliger Wäller-Tour-Azubi versehentlich die doppelte Menge Markierungsschildchen bestellt und wo die Dinger nun eh schon mal da waren, wurden sie halt eben an jedes zweite Bäumchen getackert. Muss ja weg, das Zeug.

IserbachschleifeMein fast schon hämischer Spott amüsiert mich exakt bis zu dem Punkt, an dem es mir dämmert, dass ich schon eine längere Weile keins dieser belächelten Hinweisschilder gesehen habe und augenscheinlich vom rechten Weg abgekommen bin. Hochmut kommt eben auch im Wald vor dem (Ver-)Fall und kleinlaut tappe ich zurück, bis mich wieder ein grünes „W“ am Baum anlacht und wieder auf meinen gewünschten Pfad einnordet. Ich sag‘ ja…vor-bild-lich beschildert, dieser Weg. Ganz vorbildlich. Da gibbet nämlich überhaupt nix zu grinsen, gibbet hier.

Fortan achte ich folgsam auf die Wegweiser und mache mich selbst innerlich über nichts mehr lustig, ist ja auch besser fürs Karma – und werde dafür mit ausladenden grünen Wiesen, maisfeldgesäumten Wegen, tannennadelbedeckten Trails, jeder Menge Schönheit links und rechts des Wegesrands und jeder Menge Ordnung in der Hirnstube belohnt.

Der Laufsport hat natürlich keinen Anlass zu Eifersüchteleien gegenüber der Knickerbockerfraktion in meinem Outdoorherzen – Laufen kann halt das, was Laufen kann…und Wandern kann, was Wandern kann. Laufen und Wandern sind zwei verschiedene Paar Schuhe, obwohl ich natürlich die gleiche Fußbekleidung dabei trage. Und die (wie böse Zungen munkeln, nicht nennenswert langsamere) Art der wandernden Fortbewegung erlaubt nochmal mehr Ruhe, Entspannung, Zeit zum Landschaftbeglotzen, In-Sich-Gehen, Schlaue-Dinge-Denken, Erkenntnisse gewinnen.

In den Vesperpausen, bei denen ich mir ausdauernd bis zur völligen Gefühlslosigkeit den Hintern auf beschaulichen Holzbänken plattsitze und in die kitschigschöne Landschafte hachjaaa!-e, gibt es Käsestullen und Tomate statt High-End-Energy-Speedhiking-Powerbars und ich nehme mir ganz fest vor, zukünftig wieder öfter mal Schusters Rappen zu satteln und die Landschaft zu belatschen, von wegen Entschleunigung und dem ganzes Zappes.

Und dabei werde ich zaghaft hoffen, dass Wandern noch ganz lange uncool und langweilig bleibt.

5 Gedanken zu „Die Einsamkeit des Langstreckenwanderers

  1. Pingback: Hunger, Durst und Tollwut – oder “Ein perfekter Frühlingstag!”mohrblog | mohrblog

  2. mohrblog Beitragsautor

    Jippieh – freut mich 😉 Ich bin ja immer wieder aufs Neue begeistert, wie schön die Gegend bei uns ist…und die Iserbachschleife ist da echt nochmal ein besonderes Juwelchen, finde ich 😉

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  3. Stefan Sperling

    Moin Daniela,

    Danke erst einmal für diesen tollen Tipp. Ich bin die Südschleife am letzten Samstag mal gegen den
    Uhrzeiger gepilgert — fast 4 Stunden leckofatz am Stück!!! Aber stellenweise ist die Strecke auch nicht ohne.
    Aber macht Spaß!

    LG Stefan

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