Archiv für den Monat: Oktober 2014

Heilige Misantrophia!

P1000254Getreu dem Motto „Think global, hike lokal“ habe ich mir für heute vorgenommen, auf einer netten kleinen Wanderung durch die regionale Botanik nicht nur meine zugegebenermassen reichlich dürftigen Ortskenntnisse zu verbessern, sondern auch den letzten hartnäckigen Rest-Rotz der just überstandenen Erkältung aus Lungenflügeln und Nebenhöhlen zu vertreiben. Die 16 km-Runde, die ich mir zu diesem Zwecke von Herrn Gpies ausgeborgt habe, liest sich angenehm gefällig und vor allem verlaufsicher, also sattele ich Schusters Rappen, schultere den Rucksack und stapfe los in den Morgennebel.

Der erste flache KilomP1000261eter leitet mich durch ein Wohngebiet über einen asphaltierten Fahradweg und sogleich offenbaren sich die Schattenseiten einer „gefälligen“ Wegführung – zahlreiche Mit-Spaziergänger nämlich, die mich mit ihrer unautorisierter „Jemorje!“-Grüßerei ständig aus meiner kontemplativen Geistesstille reißen. „Knipsen’se für de Rheinzeitung?“ begehrt ein grauhaariger Herr in Begleitung einer bemützten Dame zu wissen, als ich im nassen Gras kniend meine Linse auf eine blühende Wegwarte richte. „Nee, nur für meine innere Zeitung!“ brummele ich dezent unfreundlich und der Herr antwortet verständnisvoll „Och, datt iss ja ooch ma schün, jä?“ Wider Willen muss ich grinsen. Jenau. Datt iss‘ nämlich ooch ma schün. Noch schüner wäre allerdings so’n bißchen Wandersfrauen-Einsamkeit, aber irgendwas ist ja immer.

Scheinbar hat die Zeitumstellung alles aus den Betten geschmissen, was 2 und/oder 4 Beine hat und ich „jemorje!“ mich unwillig über die ersten Kilometer. Noli turbare circulos meos, verflixt nochmal. Das hat man nun von einer „gefälligen“ Strecke – Sonntagsspaziergänger galore. Wenig später wird die Strecke matschiger und in Folge dessen weniger frequentiert, denn „matschig „mag der gemeine Sonntagsspaziergänger nicht so gerne. Glück für mich.

P1000270Die Gesellschaft einer riesigen Schafsherde, die mir plötzlich laut blökend im Weg steht, stört mich im Gegenzug nicht die Bohne. „Jemorje!“ blöke ich den wolligen Vierbeinern entgegen und „Böö-hööööö!“ tönt es zurück. Grasfresser unter sich verstehen sich halt.

Der dazugehörige Schäfer grüsst freundlich mit einem angedeuteten Nicken und ich überlege kurz, ihn zu fragen, ob er noch einen Lehrling braucht und ich mich ihm anschliessen darf.  Mit einer Herde blökender Schafe und zwei riesigen schwarzen Hunden pfeiferauchend und filzbehütet durch die Botanik zu schlendern erscheint mir im Vergleich zu dem drohenden Montagmorgen im Büro gerade äußerst verlockend. Aber angesichts des kommenden Winters entscheide ich mich dann doch für die luxuriöse Büro-Heizung und marschiere weiter.

Ich muss gestehen, so langsam macht mir die stark ansteigende Menschenphobie der letzten Wochen ein wenig Sorgen. Ob es nun eine Art Alterserscheinung ist oder ob meine Sozial-Allergie daher rührt, dass mein Leben außerhalb meiner einsamen Outdoor-Aktivitäten so nervig-hektisch und unerträglich menschenvoll ist, kann ich derzeit noch nicht einschätzen – aber auch heute stöhne ich innerlich jedesmal entnervt auf, wenn ich irgendwo durch die Bäume menschenfleischbefüllte Anoraks ausmache oder Wandersvolk erblicke. Heranwabernde Gesprächsfetzen empfinde ich ausnahmslos als „dämliches Geschwätz“ und lästige Spaziergänger-Erscheinungen finden nur dann meine innere Gnade, wenn sie in vierbeiniger Gesellschaft sind, der ich zumindest kurz durchs nebelfeuchte Fell streicheln darf.

Nachdem ich mich ums SchlossP1000272 Monrepos herum durch Kinderfahrräder und zockelnde Rentner gewunden habe, wird der Weg erneut ein Stück weit einsamer und mein innerer Misantroph atmet erleichtert auf. Zum Dank für meine Tapferkeit (immerhin habe ich niemandem meiner Mitmenschen die Zunge rausgestreckt oder „Igitt, geh‘ aus meinem Sichtfeld!“ gebrüllt) spendiert mir der Forst nochmal eine volle Dröhnung Elfenwald-Lichtstimmung. Und sobald ich daheim bin, werd‘ ich mich mal im Netz über die Karrieremöglichkeiten und Arbeitszeiten von Schäfern erkundigen. Kann ja bestimmt nicht schaden.

 

„Mehr Licht!“ oder „Fuck you, darkness!“

Zeit meines Läuferlebens stehe ich schon auf Kriegsfuß mit der dunklen Jahreszeit und bin des Winters immer eher unwillig unter Abseufzen von „Nützt ja nix!“ wie eine motzige Motte um die funzeligen Straßenlaternen durchs Wohngebiet gezockelt – aber in diesem Jahr bemerkte ich an mir zusätzlich (bedauerlicherweise) eine neue „Das-Glas-ist-halbleer“-Mentalität und die Laternenlauf-Saison wird von mir schon gehasst und gefürchtet, lange bevor sich die ersten frühen Schummerstunden über meine Laufstrecken gelegt haben. Dieses Herumgehusche auf beleuchteten Bürgersteigen und das nervige Ampelgehampel haben so gar nix gemein mit dem seelenerfrischenden Trampelpfadtraben im entzückenden heimischen Forst und auch alternatives Indoor-Laufbandgeschlurfe macht die arme Outdoor-Seele nicht glücklich.

Obwohl sich die Spätsommerstrahlen noch golden und wärmend durch die Baumkronen gruben, murmelte mein innerer Miesmacher oft bereits übellaunig „Ist ja eh bald vorbei, dann kommt der Winter“ und „Dann geht der Scheiss mit dem Bordsteingeschlurfe wieder los, watt’n Mist!“

Und dann – nach Wochen des Vorabgemotzes – klopft die unausweichliche Dunkelheit nun wirklich an meine Läufertüre und ich begegne ihr bockig wie ein kleines Kind und erfinde mit sprühender Kreativität innerliche Ausreden, um heute nun aber wirklich keinen Fuß mehr auf die Bordsteine setzen zu müssen.

Zu spät, zu müde, zu erkältet, zu bockig, zu blöd, zu dunkel, nein, nein, nein, meine Straßenlaternensuppe ess‘ ich nicht!

Aber bekanntermassen ist Nichtlaufen auch keine Lösung – zum einen packt die Konditon ratzfatz die Koffer und fliegt mit den Gänsen in den Süden, und zum anderen leidet der Geist ziemlich fix unter der mangelnden Durchlüftung der Hirnstube. Von rostig-knirschenden Hüftgelenken und knackenden Kniescheiben mal ganz abgesehen. Wenn ich also den Winter nicht als meckernde, übellaunige Körpergroßbaustelle verbringen möchte, muss eine Lösung her…und die brachte mir der Postbote dann nach entsprechender Bestellung in Form zweier leistungsstarker Stirnlampen – eine für mich, eine für Fritzi.

Derart erleuchtet sind wir unabhängig vom Tageslicht und können auch fortan fröhlich den Forst durchflitzen statt mässig motiviert über den Asphalt zu schlurfen. Und siehe da – an dem Tag, der für den Testlauf anberaumt ist, macht sich tatsächlich eine leise Vorfreude breit statt dem üblichen innerlichen Kramen nach neuen Ausreden. Heureka! Der Wald ruft!

Die ersten Bedenken „Kann man denn mit so ’ner Funzel am Kopp überhaupt genug sehen“ verflüchtigen sich gleich beim ersten Anschalten der Kopfbeleuchtung in Flutlicht-Wohlgefallen….wir „aaaah!-en“ ergriffen und bewundern die überraschende Helligkeit, die von unseren Schädeln in den Hain fliesst. Eine Sekunde später „aaaah!-en“ wir erneut, diesmal vor Schreck, weil wir uns durch gegenseitiges Angucken die Netzhäute verblendet haben und uns erstmal lustige schwarze Punkte durchs Sichtfeld flimmern.
Merke: Mit gleißendem Flutlicht am Kopf niemals dem Laufpartner direkt ins Gesicht gucken. Muss man frau ja auch erstmal wissen, das.

IMG-20141023-WA0046Das Lampenlaufen fühlt sich sofort überraschend gut an, das Funzelgerät am Kopf stört kein Stück und wir freuen uns mehrere apfelgroße Löcher in die funktionsgewandeten Bäuche, dass wir augenscheinlich der öden Laternenlaufrunde „Auf Nimmerwiedersehen, du Arsch!“ sagen können. Und auch die leise Skepsis, dass wir uns so mutter- und vaterseelenalleine im dunklen Walde eventuell ganz fürchterlich gruseln würden, zerquatschen und verkichern wir einfach ins Nirwana. Es ist eh viel zu hell zum Gruseln. Wir fühlen uns unfassbar cool und megalässig und vor allem massivst erleuchtet, als wir munter keuchend zum Auto zurückkommen. Die Frage, warum zur Hölle ich mir nicht schon vor Ja-haaaaren so ein Schädel-Leuchteteil zugelegt habe statt murrend die Straßenlampen zu umflattern, kann ich mir selbst nicht beantworten. Ist ja auch wumpe. Ab jetzt wird geleuchtet.

Trailking! oder „Just another Haferflockenriegel“

Bei möglichst langen Läufen durch den heimischen Forst ist nicht nur die Wahl der richtigen Schuhe und der perfekten Strecke exorbitant wichtig, auch die Verpflegung muss stimmen. Es gibt im Handel mittlerweile zahlreiche durchaus wohlschmeckende Oatkings oder -snacks, teilweise auch in veganer Ausführung – aber hey, DIY rockt doch irgendwie viel mehr als plastikverpackte Riegelchen! Und am allermeisten rockt DIY, wenn man bloss einige wenige Zutaten zusammenpanschen muss und im Nullkommanottich schlichte, köstliche Energieriegel aus dem Ofenrohr ziehen kann.

Für das Grundrezept dieses energiespendenden „Trailkings“ benötigt man nix weiter als:
80 gr. Kokosöl
80 gr. Erdnussbutter
220 gr. Haferflocken (ob zart oder kernig ist Geschmackssache, ich mag’s lieber kernig)
1 mittelgroße, vollreife Banane
1 Teel. Zimt, wer mag
2 Eßl. Ahornsirup

Kokosöl und Erdnussbutter in einem Topf langsam erwärmen, bis beides flüssig ist – die Haferflocken einrühren, Banane pürieren und untermischen und mit Zimt abschmecken.

Eine 25 cm-Kastenform mit einem Streifen Backpapier auslegen, die Haferflockenmasse darin verteilen und ein wenig andrücken. Den Ahornsirup auf der Masse verstreichen und das Ganze im Backofen bei 200 °C ca. 10-15 Minuten backen (nach 10 Minuten sind die Trailkings ein wenig weicher, nach 15 Minuten knackiger).

BTrailkingevor man den Haferflocken-Barren in Riegel oder Würfel schneiden kann, muss er unbedingt (am besten in der Form) komplett auskühlen – danach wickele ich das Teil meistens gleich ins Backpapier ein, in dem es auch gebacken wurde und parke es bis zum Anschnitt und Verzehr im Kühlschrank.

Trailking-de-Luxe-Variation:
Zusätzlich 50 gr. Zartbitterschokolade mit dem Öl und der Erdnussbutter schmelzen, 50 gr. Mandel rösten und grob hacken und alles wie oben beschrieben zusammenrühren, mit Kokosflocken bestreuen und backen.

Cranberries oder ein geraspelter Apfel schmecken auch prima und machen die Trailkings saftiger. 1-2 Eßl. Chiasamen gehen auch immer.

Und jetzt? Rucksack packen und ab innen Wald. Hail to the king