Archiv für den Monat: April 2015

„Hauptsache, man ist an der frischen Luft…“

Warum zur Hölle latscht man 24 Stunden um einen See? Naja..unter anderem DARUM!


An der Aufgabe, einen Bericht über meinen ersten 24-Stundenlauf zu schreiben, bin ich letztes Jahr grandios gescheitert. Wenn man versucht, sich kurzufassen und nur die groben Fakten runterrasselt, wird selbst das Schreiben stinkelangweilig. Trotzdem wird der Bericht am Ende unangemessen lang, weil 24 Stunden halt einfach 24 Stunden sind und man in dieser Zeit ganz schön viel erleben und ganz schön wichtige Dinge denken kann, die man unbedingt für die Nachwelt festhalten muss.
Wenn man aber alles aufschreibt, was man erwähnenswert findet, bekommt so ein Berichtchen dann auch mal flott Romanlänge und das will dann erst recht keiner lesen. Also habe ich letztes Jahr einfach aufgeben und eben gar nix geschrieben. Aber in diesem Jahr habe ich den Slogan „Aufgeben ist keine Option“ so oft auf mich-überholenden-T-Shirt-Rücken gesehen, dass sich der Satz tief in meine Hirnrinde eingeprägt hat und ich weitergeschrieben habe, obwohl ich selbst fast vor Langeweile eingeschlafen bin. Zum Glück kann ja jeder selbst entscheiden, ob der den ganzen Sermon lesen will oder nicht.


Als ich an diesem viel zu jungen Morgen die Hälfte meines Kleider- und Schuhschranks in den Kofferraum meiner Klapperkiste stopfe und mich auf den Weg in die Höhenlage des Wiedtals mache, habe ich vor allem eins: Keinen Bock!
Meine innere Ummeldung von „Sportiver Ultra-Athletin“ auf „Schluffige Wandersfrau“ hat in den letzten Wochen deutliche Löcher in mein Sportler-Ego geknabbert, und die Wetterprognosen haben mich nun endgültig demoralisiert. Egal, wieviele Wettervorschau-Seiten ich auch abgeklappert habe, sie zeigen unisono 2 Tage Regenwetter in Iserlohn.
24 Stunden nonstop durch den Regen latschen. Watt’n Scheißdreck.

Unter anderen Umständen würde ich mir diese Veranstaltung nach diesen unerfreulichen Vorzeichen vermutlich klemmen und das faule Fleisch im Bett lassen – aber nun ist es halt so. Und auch mit maximaler Unlust am Start sind die kommenden 24 Stunden die beste Möglichkeit, um vergleichsweise schnell viele Taler in die Näpfe notleidender Fellnasen zu spülen. Da beißt die Motivationsmaus keinen Sinnfaden ab.

(Anm. d. Red. – Als einzige Möglichkeit, noch schneller an Geld für den Tierschutz zu kommen, fiel auf der Hinfahrt mal kurz das Stichwort „Spenden-Gangbang“, und dieser Gedanke wurde in der folgenden langen Nacht noch gründlich durchgekaut. Aber bei allem Respekt – selbst mein tierliebes Herz kennt Grenzen.)

Meine Miese-Laune-Mauer bekommt jedoch schon bei der Einfahrt auf das Seilersee-Camp erste Risse – das regnerische Wetter scheint zwar die übliche hektische Betriebsamkeit ein wenig einzutrüben, aber alleine der Blick auf den See reicht schon aus für ein Quentchen Heiterkeit. Zumindest der See ist ja schön – und der kann ja auch gar nix dafür, dass ich Dämel mich dafür angemeldet habe, hier ’nen Tag lang dumm drumrum zu latschen.

Nach und nach stolpern mir auch die ersten bekannten Gesichter über die Wanderfüße und ick freu mir. Ich meine…also diese zahlreichen netten Menschen können jetzt ja auch nix dafür, dass ich mich dafür angemeldet habe, hier ’nen Tag lang dumm…und so. Also – juppheidie!

Plötzlich steht ein Hüne mit Hut vor mir und begrüßt mich winkend, und ich erkenne in ihm Martin Schmitz – in gewissen Kreisen auch als „Strongwalker“ bekannt. Dieser Herr trieb seinerzeit sein Unwesen in einem bekannten Laufforum, und ich konnte mich gottseidank bislang über die Dauer von 11 Jahren immer vor einer persönliche Begegnung drücken. Meiner Einschätzung nach scheint dieser Martin nämlich ein chronischer Dummschwätzer und eine penetrante Rampensau zu sein – und in der Hinsicht bin ich mit mir selbst schon vollkommen ausgelastet. Da braucht’s nicht noch einen von der Sorte. Aber jetzt ist er halt nun mal hier, nützt ja nix – und irgendwie scheint er doch überraschenderweise gar nicht mal so richitg un-nett zu sein. Naja…ist ja noch genug Zeit, um das genauer zu eruieren.

Pünktlich „10 Minuten vor Start“ reißt der Himmel seine Schleusen auf und begießt die anwesenden Kreisel-Willigen mit reichlich Brühe von oben. Und Wind kommt auch noch. Watt’n Scheißdreck. Ich mumpfele mich widerwillig in meine leichte Regenjacke – die eigens für diesen Tag teuer ershoppte wasserdichte Outdoor-Jack in „Loden-Opa Karl“-Optik spare ich mir vorerst für nässere und kältere Zeiten auf. Ist schließlich immer gut, noch ein Jacken-Ass im Ärmel zu haben, für schlechte Zeiten.

Der Startschuß fällt und ich marschiere los. Meine Fellnasenmeilen-Mitstreiterin Verena flitzt mit dem Läuferpulk von dannen, die ist ja schließlich jung und knieschmerzenfrei, die darf laufen. Der Regen tröppelt mit leisem Ping-ping-ping auf meine Kapuze und Martin babbelt fröhlich neben mir herum. Mir bleibt auch nix erspart.

wandern1Nachdem sich die Wettergötter nach kurzem Rasseln ihrer klatschnassen Säbel aber dazu entschlossen haben, uns beim Rundendrehen nur noch mit einigen wenigen Schauern zu stören und sich ansonsten mit ziemlich charmanten Temperaturen zu schmücken, gibt sich mein innerer Miesepeter geschlagen und schickt Frollein Grinsefein zum Lachen vor die Tür. Ist ja gar nicht mal so unschön, das alles hier. Wie gewohnt äußerst liebenswerte Menschen, ein wahrhaft grandioses Futterbuffet und – juchhe! – keine Knieschmerzen. Und Martin entpuppt sich überraschend als wahrhaft witziger Wegbegleiter – vielleicht haben wir auch einfach bloss den gleichen Grad an Bekloppheit, und überhaupt könnte alles viel schlimmer sein. Jedenfalls ergänzen wir uns nach kürzester Zeit perfekt, lachen über den gleichen Blödsinn und marschieren im Gleichschritt. Ich leiste in Gedanken Abbitte für meine fiesen Gedanken im Vorfeld.

Eine bemerkenswert schöne und fröhliche alte Dame mit silberner Duttfrisur beeindruckt mich zutiefst mit ihrer unglaublichen Ausstrahlung und Einsatzfreude – bis in die Nacht steht sie lachend an der Strecke, klatscht und jubelt unermüdlich und lobt uns für unseren Synchron-Wanderschritt. Wenn ich so bedenke, dass bei mir schon regelmässig das Kreuz rebelliert wenn ich mal länger als 1 Stunde irgendwo rumstehen muss und ich vermutlich noch nicht mal über die Gesichtsmuskelkraft verfügen würde, um stundenlang dauerlächeln zu können, finde ich die Leistung der duttigen Dame fast schon grandioser als die der Läufer. Oder zumindest mal genauso grandios. Auf Martins Frage, was sie denn motiviert, sich hier so lange hinzustellen und zu jubeln, antwort sie strahlend „Na ihr alle hier! Was ihr hier leistet, ist doch fabelhaft!“ Wie rührend. Ich will auch so eine schöne und fröhliche alte Dame mit Dutt werden, wenn ich alt bin. Zumindest mit der Fröhlichkeit könnte ich ja schon mal anfangen. Naja, morgen ist ja auch noch ein Tag.

In diesem Jahr ist der Anteil der Veganerfraktion erstaunlich hoch – oder vielleicht ist diese Spezies dieses Mal auch einfach nur sendungsbewußter als im letzten Jahr. Rückenaufdrucke wie „Vegan Runner“, „You can’t stop veganism“, „Pflanzenfresser“ oder das Logo von „Laufen gegen Leiden“ flackert gefühlt ständig im Blickfeld. Unter anderem dienen die markigen Slogans im Kreuz wohl darin, zu beweisen, dass man auch mit reiner Pflanzenkost irrsinnig schnell, unfassbar schön und unglaublich ausdauernd sein kann. Ich hingegen bin eher der wandernde Beweis, dass man auch als Pflanzenfresser ganz schön lahmarschig sein kann. Wir überlegen kurz, ob der Slogan „Auch ohne Bratwurst langsam“ sich wohl als Verkaufsschlager entpuppen könnte, verwerfen diese Idee jedoch schnell wieder. Schließlich gibt’s noch jede Menge anderer wichtiger Dinge zu denken und langsam wird die Zeit knapp. Nur noch 20 Stunden.

Die Minuten fliessen so dahin und haben Blasen im Gepäck – bereits vor Erreichen der Marathondistanz macht sich ausgerechnet an meiner Ferse so ein blöder Böller breit, was mich einigermassen empört – das hatte ich ja noch NIE! Also, Blasen jetzt schon, zuhauf sogar – aber nicht in diesen Schuhen. Und nicht an dieser Stelle. Unverschämtheit.

Nach einer weiteren marschierten Runde entscheide ich, meine blasigen Mauke mal den anwesenden Sanitätern zu präsentieren. Dann wird denen auch nicht langweilig. Meinem zaghaft geäußertem Wunsch, das „verfluchte Drecksding“ einfach aufzustechen, wird dort allerdings nicht nachgekommen – wegen der angeblich in meinen duftigen Prinzessinnen-Schühchen hausenden Keime. Was man sich nicht alles anhören muss! Es gibt eine sterile Kompresse und eine Mullbinde zum Fixieren…“Wenn die Blase dann später aufplatzt, ist wenigstens alles steril.“ Ich weiß schon…die Keime. Pöh.

Wenige Runden später reagiert das Blasentier wie von den Sanis angekündigt und platzt unter Zuhilfenahme eines fies-stechenden Schmerzes einfach auf. Also, das hatte ich ja auch noch nie. Aber der Gedanke an die sterile Kompresse inner Ferse beruhigt mich ein bißchen und nach gefühlten zwölfzig Stunden ist der Schmerz dann auch schon wieder weg. Läuft.

Dummerweise scheint das mit den Blasen so zu sein, wie mit dem Sprichwort über Fliegen – „Wenn man eine totschlägt, kommen 10 Verwandte zur Beerdigung.“ Und wenn eine Blase aufplatzt, kommen 10 weitere zum Zugucken und Anfeuern. Bis Mitternacht haben sich noch 3 weitere dieser Biester an dubiosen Stellen gebildet und sich unter leisem „Poff!“ wieder in den Stoff meiner Socken verabschiedet. Ich stehe diesem Phänomen ein wenig hilflos gegenüber und weiß nicht so wirklich, was ich denn nun am besten tun könnte. Besser wird’s wohl eh nicht mehr – also entscheide ich mich vorerst für Zähnezusammenbeißen-Wenn-Nötig und Stoisch-Weiterlatschen-wenn-möglich. Und da sich der Rest der Körperschaft durch komplette Beschwerde- und Schmerzlosigkeit auszeichnet, will ich da auch mal nicht so sein. Was ist schon das Gefühl, einen Pantoffeln aus rohem Fleisch zu tragen, verglichen mit einem einem gebrochenen Bein. Oder einem komplett abgerissenen Bein. Da ist so ein Blasenherd unter’m Fuß ein Mückenschiss dagegen.

Und überhaupt läuft das mit dem Gehen und dem ganzen Rundenmarschier-Dings hier überraschend angenehm. Nachdem selbst weit nach Sonnenuntergang die Temperatur immer noch meilenweit von der grausigen feuchten Kälte aus dem Vorjahr entfernt ist, beginnt sich leise Hoffnung zu regen, dass ich in diesem Jahr vielleicht überhaupt nicht vor Kälte, Schmerz und (gefühlter) Einsamkeit flennend um den See schlurfen muss.

WandernDenn ein weiterer Vorteil der milden Temperaturen zeigt sich alsbald: Im Vergleich zum Vorjahr schleppen sich nicht nur vereinzelte und komplett vermummte Gestalten bibbernd und zähneklappernd über den Asphalt und erinnern sowohl im Anblick wie auch im Sound eher an einen mittelmässiger Zombiefilm als an eine Sportveranstaltung. Im Gegenteil, die Humanfrequentierung ist hoch und die Mitsportler erfreuen sich fast ausnahmslos bester Laune. Ultrasport macht eben auch genügsam – solange man nicht bis ins Knochenmark schockgefrostet und bis unter den Zehennägel durchnässt ist und der Schmerz sich irgendwo  im „Och jo, geht noch!“-Bereich eingependelt hat, ist irgendwie alles Wölkchen. Könnte ja alles schlimmer kommen. Da muss man dann auch mal dankbar sein.
Oder wie Detlev, der Hand-in-Hand mit seiner Herzensdame munter die Nacht durchwandert, treffend bemerkt: „Hauptsache, man ist an der frischen Luft.“ So siehts aus.

Wer „sowas“ noch nie mitgemacht hat, würde überrascht sein, wie hoch die Erlebnisdichte auf schlappen 24 Stunden unter sovielen verschiedenen Leuten sein kann, wie abgedreht die Gesprächsthemen werden wenn die Sauerstoffdichte im Hirn nachlässt, worüber man sich so freuen kann nach wenn man 12 Stunden und mehr auf den Beinen ist und was man so alles erlebt, wenn man nix weiter tut, als Runde um Runde um einen See zu stapfen. Das alles aufzuschreiben und zu erklären, würde wohl eher in einem Roman in Terry-Pratchett-Manier enden, dessen Inhalt ohnehin niemand glauben würde – und überhaupt sagte Betty Mecking im letzten Jahr schon ganz treffend: „What happenend in Iserlohn stays in Iserlohn“
Wer also wissen möchte, warum einem Unterschenkel nix nützen, wenn man keine Oberschenkel hat, wie man am besten Pirouetten beim Wandern choreographiert und warum es ein allerliebstes Kompliment sein kann, wenn man die Bestätigung bekommt, unter den Armen nicht ganz so schlimm wie ein Klärwerk zu riechen, wie man es hinkriegt in 24 Stunden ca. 25.000 Kalorien in sich reinzufuttern, der muss halt einfach nächstes Jahr selbst zum Seilersee kommen. Eins sei versichert und- so oder so isses ein Erlebnis. Auf ’ne Art.

Für mich hat diese lange Nacht sogar eine Erkenntnis: Ich fühle mich auf Schusters Rappen überraschend wohl und vielleicht ist Ultra-Wandern am Ende doch viel mehr mein Ding als Ultra-Laufen. Im Vorfeld war’s mir fast schon ein bißchen peinlich, als Wandersfrau an den Start zu gehen inmitten der ganzen Läufer, aber das Marschieren hat sich von Anfang an super angefühlt. „Richtig“ irgendwie, und kein Stück weniger würdevoll als Laufen. Und überhaupt ist diese ganze Einteilung in Ultraläufer/Trailrunner/Wanderer/Walker/Vollhorst im Grunde doch eh Quatsch. „Hauptsache, man ist an der frischen Luft“.

Allerdings – auch an der frischesten Luft und mit der witzigsten Wandergesellschaft ist es irgendwann kein Spass mehr, mit beinahe komplett offener Fußsohle durch die Botanik zu latschen. In den frühen Morgenstunde ist die Innenseite der rechten Ferse als einzige Stelle blasenfrei und ich wandere – zumindest gefühlt – in einem See aus Blut und sonstigem nicht näher zu definierenden Siffkram. Dennoch – die 100 km liegen in erwanderbarer Nähe und so ’ne 100 macht es ja meinen Sponsoren viel leichter, ihren Spendenbetrag auszurechnen als z.B. eine 82,45 oder so. Und letztlich ist es jetzt auch wurscht.
Interessanterweise tut trotz über 20 Stunden auf den Beinen nix weh außer eben die Fußsohlen und das finde ich ja dennoch ganz schön beachtlich, für meine Verhältnisse. Also Zähne zusammen und weiter geht’s.

Unter Absingen diverser Klagegesänge und begleitet von Martin, der mir die komplette Zeit nicht von der Seite gewichen ist (was nur manchmal ein klitzekleines bißchen doof war, aber ansonsten durchaus angenehm und lustig) und Supporter Josh humpele ich die letzten 3 Runden um den im Sonnenlicht glitzernden See und fühle mich ein bißchen wie ein aufgeplatzter Fahrradreifen, der schon 10 Jahre auf der Müllhalde gelegen hat – aber am Ende steht ’ne 100 auf der Uhr und ich bin trotz allem maximalbegeistert. 100 km sind 100 km. Und über 2.400 Taler im Spendentopf sind..naja..eben über 2.400 Taler und somit ganz viel Hilfe für unsere maunzenden und bellenden Fellnasen.

Das, was ich später dann zuhause unter meiner Fußsohle vorgefunden habe, hat mir zwar noch einen kleinen Abstecher ins Krankenhaus beschert, aber mein Hausarzt meinte heute schon „Das sieht zwar jetzt ziemlich schlimm aus, aber das wird wieder heilen.“

P.S. – Ich habe zwar diffuse Erinnerungen an 2-3 mittlere Sinnkrisen mit Heulen und Zähneknirschen und dem ganzen Zipp und Zapp spät in der Nacht, aber das Bild in meinem Kopf war bereits am Morgen so verblasst wie ein Traum von letzter Woche und so’n paar Tränchen gehören bei mir wohl einfach dazu.
Am Ende zählt doch nur eins:
Hauptsache, man war an der frischen Luft.

(Fotos: Susanne Alexi)


Martin (die alte Labertasche) hat natürlich auch was zum Wandertag zu sagen, und das gibt’s hier zu lesen – http://strongwalker.blogspot.de/2015/04/seilersee-2015-ist-ja-egal-hauptsache.html – der Link ist quasi blind eingefügt und ich hab‘ keine Ahnung, was mich da erwartet. Oder euch. Betreten auf eigene Gefahr 😉

The first cut is the deepest – Mein erster Volkslauf

Die 24 Stunden am Seilersee sind eingetütet – aber der dazugehörige Bericht muss noch ein Weilchen reifen. Zum Einstimmen gibt’s daher heute einen Bericht aus der Mottenkiste 😉

4 km-Jedermannslauf in Mülheim-Kärlich – 27.06.2003

Am Tag davor:
Tja, der Teufel Alkohol – wäre ich an diesem Abend nicht durch den Genuss eines grossen Bieres in der prallen Sonne ein wenig übermütig geworden, hätte ich den anwesenden Ralf (seines Zeichens erfolgreicher Triathlet und Marathoni) wohl niemals gefragt, ob er mit mir den 4km-Jedermannslauf am nächsten Abend laufen will. Und wie hätte ich denn auch ahnen können, das der Kerl ohne zu Zögern „Ja, klar!“ sagt – da sass ich nun in der Volkslauf-Falle und war’s auch noch selber schuld!
Vor lauter Schreck blitzartig ernüchtert guckte ich mir zu Hause im Internet gleich mal die Ergebnislisten vom letzten Jahr an – watt, nur 13 Frauen? Und die allerallerschlechteste mit ner Zeit von 26,5 Minuten? Panik macht sich breit – DATT SCHAFF ICH NIE!!! Mein absoluter Bestzeitenrekord liegt bei 7,20 Minuten auf einem KM, und zwar MORGENS bei kühlem Wetter, ausgeschlafen und auf meiner gewohnten Strecke! Auf der anderen Seite- schaffen würde ich die 4 km wohl schon irgendwie und die Zeit ist ja eigentlich wurscht. Ausserdem muss ja einer den letzten Platz machen und sowieso muss ich es ja niemandem erzählen.  Außer Ralf und dem Herzmann weiß ja niemand, dass ich an dem Lauf teilnehme. Und dabei bleibt es am besten auch.

Am Tag X alias „Doomsday:
Den ganzen Tag auf der Arbeit verbringe ich damit, nervös auf meinem Schreibtischstuhl hin- und herzurutschen und mir Ausreden zu überlegen, wie ich Ralf absagen könnte. Plötzlicher Anfall von PMS.
Tragischer Auto-Unfall.
Treppensturz.
Mir fällt nix Glaubhaftes ein, dabei halte ich mich ja eigentlich für sehr kreativ. Mittlerweile finde ich den Gedanken, als Letzte ins Ziel zu laufen, ziemlich gruselig und versuche mich abzulenken durch…ähm…ARBEIT, deswegen sitz’ ich ja auch hier, oder?
Mein Telefon klingelt – Ralf teilt mir mit, dass er nach der Arbeit noch was erledigen muss, aber pünktlich zurück sein wird, um mich zum Wettkampf abzuholen. So ein Mist, jetzt ist der auch noch zuverlässig. Da könnte ich ja kotzen.
„Ralf, ich schaff’ das nicht!“ wimmere ich in den Hörer
„Quatsch, ich zieh’ Dich schon, mach’ Dir keine Sorgen, sind ja nur 4 km – bis dann!“
Wupps, Leitung tot, Ralf weg, Panik gross!

Ich fahre mit nervös hibbelnden Knie nach Hause. Mensch, da zieht doch ein Gewitter auf. Der Himmel wird schwarz, meine Panik schwindet – beim Gewitter kann man ja wohl nicht laufen, oder? Das wäre äußerst gefährlich und nahezu unverantwortlich. Schade, schade, aber da muss ich dem Ralf wohl absagen. Ich greife zum Handy, wähle die Nummer und verkünde begeistert: „Ralf, hier sieht’s superschlimm aus, das gibt gleich ein Unwetter, wir können wohl nicht laufen!“…Antwort: „Also, ich hab‘ mich jetzt extra beeilt, um pünktlich zurück zu sein, jetzt wird auch gelaufen! Und gegen einen Lauf im Regen spricht rein gar nix, das ist schön kühl! Mach’ Dich fertig, ich bin gleich da!“
Wupps, Leitung tot, Ralf weg, Panik gross!

Also, rinn inne Klamotten, Ralf kommt angedüst, ich falle ins Auto und wimmere „Bitte, bitte, mach, dass ich nicht Letzte werde!!“ Antwort „Quatsch, klammer’ Dich einfach an mich, und wenn wir als Letzte einlaufen sollten, lass’ ich Dich vor! Datt wird schon!“

Ralf rast wie ein wilder Stier durch die engen Strassen von Mülheim, ich klammere mich angstvoll an den Sitz…obwohl, wenn ich so recht drüber nachdenke….ein Auto-Unfall….dann müssten wir ja nicht laufen….hmmm….Keine Chance, schon sind wir da, und ich fülle zitternd die Anmeldung aus und bekomme meine erste eigene Startnummer zum Auf-den-Bauch-Tackern,  wie auftregend!
Eine Startnummer ganz für mich alleine, genau wie die richtigen Athleten.

Um 18.15 Uhr starten die Walker….langsam wird es ernst….ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll, also mache ich erst mal NIX und gucke blöd in die Gegend – dann kommt die Durchsage, dass die Läufer für den 4km-Lauf sich in den Startbereich begeben sollen. Da sind ja wir!
Eigentlich muss ich ja dringend auf Klo. Und daheim müsste ich noch spülen….und überhaupt – stehe ich auf einmal im Startbereich, der Startschuss fällt und wir laufen los. Ich renne so schnell ich kann und fühle mich unfassbar rasant, dynamisch und sportiv. Nur leider kriege ich nach 500 Metern Rennerei schon keine Luft mehr und schnaufe wie ein Walross. Sportiv, am Arsch.

Ratzfatz ist mein Puls auf 160, mindestens. Ralf beruhigt mich „Das ist nicht schlimm, versuch einfach, ruhig zu atmen – und gleichmässig“ Ich schnaufe laut.  Wieder Ralf „Du musst gleichmässig atmen, finde Deinen Atemrhythmus“ Mein Puls steigt auf 170 – ich kann gar nicht mehr so schnell atmen wie ich Luft brauche. Und noch 3 km, wie soll das denn funktionieren?

Ralf läuft locker und ohne zu schnaufen neben mir her und plaudert in ruhiger Stimmlage. Bei Kilometer 1 fange ich an, ihn dafür zu hassen – warum leidet der nicht so wie ich? „Ralf, ich schaff’ das nicht!“ wimmere ich gepresst zwischen den Schnauf-Stössen. „Doch, klar schaffst Du das, ist doch nicht mehr weit, guck mal wir haben fast die Hälfte“ Also….Fakt ist – wir haben noch nicht mal die HÄLFTE, und mein Puls ist bei 180! Ich muss leider sterben. Schade. Wo ich doch so ein vielversprechendes Sprint-Talent bin.

„Ralf, ich muss wirklich sterben, also echt jetzt!“ verkünde ich mit Nachdruck.
“Unsinn, entspann’ Dich und atme ruhig!“ Ruhig atmen? Ich hasse ihn, diesen scheiss-selbstgefälligen klugscheisserischen Arsch, ich sterbe hier gerade mindestens 1000 Tode und er quatscht was von „ruhig atmen“. Klar, und am besten auch noch’n Handstand machen oder watt?
Aus den Augenwinkeln sehe ich, das Ralf mich die ganze Zeit besorgt anguckt – ich hasse ihn dafür. Arsch. Mein Puls steigt weiter und ich nutze meine kümmerliche Rest-Energie, um vor mich hinzufluchen, Ralf zu hassen und nicht tot umzufallen. Ralf redet gleichmässig und beruhigend auf mich ein, ich hasse ihn, ich hasse ihn, ich hasse ihn. Der Klang seiner Stimme tut mir in den Zähnen weh, ich schaff’ das nicht, ich fall gleich tot um, ich hasse ihn, ich hasse ihn, irgendwo steht ein Zuschauer und klatscht und ruft uns aufmunternd zu „Gleich habt ihr’s geschafft!“ Ich hasse auch ihn. Arschlochzuschauer!

Mein Puls steigt über 190 – gleich bin ich ganz bestimmt tot, kann aber nicht drüber nachdenken, weil ich Ralf hassen muss, der immer noch locker neben mir herläuft und auf mich einredet wie auf ein krankes Pferd (das ich ja auch bin! Oder eher ein Maultier) Erwähnte ich schon, dass ich ihn hasse?? Was für ein widerlicher, selbstgefälliger, anmaßender Drecksack. Das ich das vorher nicht gemerkt habe.

Das Blut rauscht mir in den Ohren, ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr….ich muss gehen….nur ein paar Schritte, Ralf sagt irgendwas, ich hasse ihn….ich laufe weiter – und immer wieder Ralfs nervötende Arschloch-Stimme: „Ruhig atmen, gleich sind wir da, ich kann das Ziel schon sehen!“ Eine dicke alte Frau zieht im Schneckentempo an uns vorbei und ich kann nix dagegen tun.
Wieder Ralf „Ist nicht schlimm, es sind noch mindestens einer hinter uns, Du wirst nicht Letzte, da vorne ist das Ziel, gleich hast Du’s geschafft“ Ich hasse ihn.

Beim Zieleinlauf höre ich ein paar Leute klatschen, ich hasse sie. Ich wanke über die Ziellinie (ich hasse die Ziellinie!), ich hab’s geschafft, es ist mir egal, ich hasse den Mann mit der Stoppuhr. Ich weiß nicht, ob ich weiterlaufen, gehen, tot umfallen oder kotzen soll, entscheide mich für die Toilette, um mir kaltes Wasser ins Gesicht zu klatschen (ich hasse die Toilettentür).
Aaaah…Wasser….ich gucke in den Spiegel – mein Gesicht ist lila, ich schnaufe und keuche. Ich gucke in den Spiegel und muss plötzlich grinsen….DIESES LILA VERQUOLLENE DING DA IM SPIEGEL HAT ES GESCHAFFT!!!

Ich gehe zurück, Ralf lacht mir entgegen (hab’ ich ihn jemals gehasst? So ein Unsinn – ich liebe ihn!), drückt mir eine Becher mit Irgendwas in die Hand und jubelt „Du hast es geschafft! Du bist nicht Letzte!“ Ich kichere und grinse und trinke und schwitze und könnte vor Freude in die Luft gehen – geschafft! Ralf guckt auf seine Uhr und jubelt erneut „Und die Zeit ist unter ‚ner halben Stunde, 27 Minuten und 6 Sekunden!“ (Das diese Zeit für IHN grottenschlecht ist, ignoriere ich….ich liebe ihn. Und ich liebe seine Uhr. Und den Trinkbecher gleich mit.)

VolkslaufSpäter dann nach ganz viel Trinken und Schwitzen und Grinsen und Freuen stellt sich raus, das Ralf im Eifer des Gefechts die Zeit mit dem aktuellen Datum verwechselt hat und ich mit 23 Minuten und 14 Sekunden schneller war als ich mir jemals erträumt habe. 23.14!
Mein Gott, ich bin die Königin der Welt, aber mindestens. Ralf ist letzter Mann geworden, (eine Sekunde nach mir, nach dem hab‘ ich es ja nochmal gründlich gezeigt beim Zielspurt) und grinst trotzdem wie ein Honigkuchenpferd, unsere Namen werden verlesen, wir bekommen unsere Urkunden, ich platze erneut vor Stolz.
Ich hab’s geschafft. Leck-o-fatz!

Am Tag danach
Um 06.00 Uhr liege ich glockenwach im Bett und springe auf, um meine Urkunde anzuglotzen – da steht es, schwarz auf weiß – ich hab’s geschafft.