Archiv für den Monat: Juli 2015

„Einmal Gehirnwäsche, Schneiden und Fönen, bitte“ – Auf dem Wiedtaler Höhenpfad

Fast könnte man den Eindruck gewinnen, irgendeine kosmische Macht hätte etwas dagegen, dass ich auf dem Wiedtaler Höhenpfad wandere – denn immer, wenn ich mir diese Erlebnisschleife auf die „To-Wander-Liste“ geschrieben hatte, kam irgendwas dazwischen. Am heutigen Sonntag bin ich aber wild entschlossen, diesen Rundkurs endlich unter die Füsse zu nehmen, selbst wenn der Leibhaftige persönlich sich mir in den Weg schmeissen sollte.
Nicht mit mir, nämlich.

Da der schwächelnde Akku meiner Forerunnerin längere Wanderungen in letzter Zeit immer ein bißchen zu einem Wettlauf gegen die Zeit gemacht hat, habe ich mir heute sogar ganz vorbildlich eine ausgedruckte Wegbeschreibung mit in den Rucksack gesteckt. Nur zur Sicherheit,  und damit der Karmateufel erst gar keine  Gelegenheit zum Zuschlagen bekommt.

Der frühe Vogel fängt nicht nur den Wurm, sondern auch einen Schattenparkplatz am Wiedtalbad und los geht’s,  an der in der Morgensonne glitzernden Wied entlang.  Durch die Erlebnischleife „Waldbreitbacher Wiedtraum„, die Wäller-Tour „Bärenkopp“ und dem Abwandern der ersten Runde auf den Spuren des Wiedtal-Ultratrails war ich der Annahme, hier im Wiedtal so ziemlich alles gesehen zu haben was die Gegend an Wanderwegen zu bieten hat – und heute quasi als alter Wiedhase unterwegs zu sein. Aber, da kann ich gleich mal vorgreifen, unverhofft kommt oft – und wenn „unverhofft“ in Form derart wunderschöner Wegstücke wie auf dem Wiedtaler Höhenpfad daherkommt, soll es mir bitteschön mehr als recht sein.

hoehenpfad„An der Wiedbrücke und dem dortigen Wegweiserstandort WAB.013 biegen Sie links auf den Prädikatswanderweg Westerwald-Steig ab“ steht auf der Wegbeschreibung zu lesen, also mache ich das mal. Man sollte den Tag ja nicht gleich mit Renitenz beginnen.
Über eine wunderhübsche (und – fürs Protokoll – mir bis dato vollkommen unbekannte) lauschige Trampelpfad-Perle schraubt sich der Weg am Kloster vorbei und fädelt sich dahinter elegant in die Laufstrecke des legendären Malberglaufs ein. Wieder mal bemerke ich, dass diese mirakulösen Malbergläufer wohl ganz schön harte Hunde sein müssen – so eine 180%-Steigung (mindestens!) wenige Meter nach dem Start ist schon ’ne Hausnummer. Selbst beim Wandern ächzt mein Schnauf-O-Meter auf Hochtouren und ich stapfe unter Abmurmeln von „Respekt, Respekt, datt sind‘ doch TIERE, sind das!“ die Wiese hoch. Oben angekommen, gucken sich meine Netzhäute erstmal an der Bilderbuch-Aussicht pappsatt und meine Lungenflügel gönnen sich einen Verschnaufer.

Längere Aufenthalte in der Natur, untermalt von Ausdauertätigkeiten jeder Art, haben zumindest bei mir nicht nur eine maximalentspannende Auswirkung auf Leib und Seele, sondern immer auch eine reinigende Wirkung aufs Hirn. Und wie bei jedem gründlichen Reinigungsprogramm scheint es auch im Kopp vonnöten, dass erstmal der festsitzende Schmutz und Unrat abgelöst und nach oben gewirbelt wird, damit am Ende gründlich durchgewischt und saubergemacht werden kann. So werde ich auf den ersten Kilometern also ziemlich penetrant von nervigen Sorgenteufeln gepiesakt, die sich mit ihren fiesen kleinen Zähnchen in der Hirnrinde festbeißen. Da hier alle äußeren Ablenkungen wie Telefon, Internet, Radio oder quasselnde Gesprächspartner fehlen, können sich diese kleinen Mistviecher erstmal tüchtig in meinem Hirnkasten austoben und nutzen diese Gelegenheit zu einer Pogo-Party in meinem Schädel.  Aber mittlerweile kenne ich diese Gesellen zur Genüge und weiß, wie man mit ihnen umgeht.  Am besten einfach rumkeifen lassen und gar nicht beachten – der Sauerstoff wird’s schon richten. Und tatsächlich beginnen nach einer Weile die Hirnzellen mit den Aufräumarbeiten, sortieren die herumschwimmenden Nöte und quälenden Gedanken in eine hirneigene Prioritätenliste, verteilen „WICHTIG“ und „UNWICHTIG“-Stempel, und karren als Erstes den Unwichtig-Stapel in den kopfeigenen Reißwolf. Weg damit, das Zeugs nimmt nur Platz und Kraft weg.
Übrig bleibt am Ende – wie man sich sicher denken kann – meistens nix. Sollte sich dennoch mal ein Problemchen hartnäckig im Hirnfilter verfangen haben und nicht einfach so weggepustet werden können, findet sich dann meistens im Laufe der Wanderung dafür eine brauchbare Lösung. Da darf man ganz getrost auf die Kraft von Mutter Natur, Bewegung und Maximalentspannung vertrauen. Und – weiter geht’s.

Nicht zum ersten Mal an diesem Tag freue ich mir nicht nur ein Loch, sondern gleich einen monströsen Krater in den Bauch angesichts der vorherrschenden Menschenleere auf diesem grandiosen Wanderweg. Trotz Sonntag und allerbestem Wanderwetter sind mir bisher nur ein nettes Ehepaar mit einem noch netteren Ridgeback-Jungspund begegnet, der meine Beine mit adretten Riesenpfoten-Matschtupfen garniert und mein Herzchen zum Schmelzen gebracht hat.

An der Malberghütte stapfe ich vorbei, ohne die in meiner Beschreibung vorgeschlagene „Wandervesper“ einzunehmen – ist ja schließlich erst halb 10 und Mittagessen gibt’s um 12. Immer und unter allen Bedingungen. Auf gar keinen Fall würde ich als regelkonforme Wandersmännin außerplanmässig in der Gegend herumvespern – da bin ich eigen.

hoehenpfad1Da bei mir Orientierungssinn und Ortkenntnis seinerzeit nicht mitgeliefert wurden, kann ich Wege nur in „Kenn-ich“ und „Kenn-ich-nicht“ einteilen  – und zu meinem Entzücken trägt der Forstweg Richtung Kaisereiche, auf den mich Wanderbeschreibung und Forerunnerin einstimmig lotsen, einen knallig-leuchtenden „Kennischnitt!“-Stempel. Zu den unfassbar grünen Baumwipfeln und Wiesen gesellt sich der knatschblaue Himmel mit zart aufgetupften Wattewölkchen und es ist beinahe e!-kel!-haft idyllisch. Das Landschaftsbild ist sagenhaft und abwechslungsreich – eine sonnenfleckendurchflutete Tannenwald-Einsamkeit gibt sich mit wurzeligen Trails die Klinke in die Hand, wird dann abgelöst durch einen beschaulichen breiten Weg, der mich in einen raschelnden Laubwald einsaugt, steil in die Höhe treibt und im Örtchen Langscheid wieder ausspuckt. Hier schlängelt sich eine schmale Landstraße durch blühende Weiden hin zur Solscheider Kapelle – und es ist so zauberhaft einsam und wunderbar totenstill, dass ich hin und wieder misstrauisch über meine Schulter gucke, weil ich eine Zombieapokalypse vermute.
So ruhig KANN es doch einfach nirgendwo sein!

Um der Perfektion das Prinzessinnenkrönchen aufzusetzen, schlägt das Zeiteisen ZWÖLF, und zwar just in dem Moment, in dem ich die Solscheider Kapelle erreiche. Mahlzeit! Klappstulle voraus!
Auch das Bänkchen vor der Kapelle ist von der allgemein vorherrschenden Menschenleere betroffen, und ich lasse meine Wandergräten glückselig glucksend darauf nieder.

hoehenpfad2Der Blick ins Tal wird von einer sonnendurchfluteten, bunten Blumenwiese gesäumt und ich kann nur schwer dem Impuls widerstehen, mich umgehend laut jauchzend und purzelbaumschlagend über diesen farbenfrohen Naturteppich zu kullern. Da allerdings orthopädische Schäden bei solchen Tätigkeiten bei meinem motorischen Ungeschick nicht ganz ausgeschlossen wären, beschränke ich mich darauf, selig grinsend meine Klappstulle zu zerkauen und unter mehrfachem „Hachjawieschöööön“-Geraune meine Blicke in die Ferne schweifen zu lassen.

Sollte sich bis hierhin tatsächlich noch irgendwo in meinen Hirnwindungen unbemerkterweise ein kleines Rest-Problemchen oder ein Überrest negativer Gedanken verhakt haben, so ist dieser Krempel allerspätestens jetzt durch die unzähligen wunderschönen optischen Eindrücke mit einem geistigen Beautypinsel komplett übermalt. Mit visuellem Tipp-Ex, sozusagen. I feel good. Tüdelüdel-tü-dütt.

Beim äußerst bekömmlichen Abstieg ins Tal beginnt die Forerunnerin hysterisch „Batterie schwach! BATTERIE SCHWACH!“ zu kreischen und ich überlege kurz, ob ich nicht sicherheitshalber einfach an der Wied entlang zurück nach Hausen schlendern soll. Nachdem ich nun beide Klappstullen verspachtelt und mein Wasser fast ausgesüffelt habe, wäre Verlaufen jetzt irgendwie lästig. Aber…Augenblick verweile doch, du bist so schön – ich will noch nicht aufhören und überhaupt sollte der Rest des Weges auch mit der ausgedruckten Beschreibung machbar sein. Schließlich sind wir ja nicht in Kanada – im Wiedtal kommt man ja eigentlich immer irgendwo an.

hoehenpfad3Und überhaupt wäre mir dann dieses efeuberankte Pfädchen im lauschigen Wald vor Niederbreitbach entgangen. Und die zwitschernden Vögel und die Stille und der ganze Zipp und Zapp. Als ich am Campingplatz Neuerburg in Niederbreitbach ankomme, scheint die wundersame Wandersfrauenseligkeit ihr Ende zu finden – rund um die Wied herum wuseln Familien mit planschenden Kindern in der Sonne, kleine rosa Mini-Fahrräder mit Minions-Wimpeln schlängeln sich zwischen meinen Beinen herum und die Geräuschkulisse steigt deutlich an. Aber direkt am Ortsausgang schüttelt der Wiedtaler Höhenpfad doch glatt wieder ein malerisches As aus dem Ärmel und geleitet mich über bilderbuchschöne Trampelpfade erneut in die Höhe.
Was ist dieser Weg doch nur für ein Schelm.

Gut, dass hier keine Menschen sind, ich würde sie an dieser Stelle aus Freude über diesen perfekten Wandertag trotz schwerstausgeprägter Misantrophie vermutlich euphorisch an meine verschwitzte Brust reißen. So beschränke ich mich auf irrwitziges In-der-Botanik-Herumgrinsen und gelegentliches „Hachjanun“-Geseufze. Guten Tag, mein Name ist Frau Mohr und ich bin naturstoned. Im wahrsten Wortsinn.
Kurz vor dem Klosterberg hakt sich der Höhenpfad bei der neuen Wäller Tour „Bärenkopp“ unter und zeigt meiner Netzhaut bekannte Bilder. Hier war ich schon, hier kenn ich mich aus – beruhigend, da die Forerunnerin mittlerweile nur noch schlapp mit flackerndem Display „Schwach. Schwach.“ krächzt. Nun noch flotten Fußes den Stationenberg heruntergehopst, wo doch nun schlussendlich auch die Spaziergängerdichte dem Sonntagswetter angepasst ist („Aus dem Weg, Fußvolk! Schafft Platz für die Princess of endurance, hier!“) und schon sehe ich meinen Fiat in der Sonne blinzeln. Die Forerunnerin an meinem Handgelenk stösst einen letzten entkräfteten Seufzer aus und zieht sich die Display-Decke über die Ohren – perfektes Timing, perfekter Tag, perfekter Weg.

Fast könnte man den Eindruck gewinnen, irgendeine kosmische Macht hätte im Vorfeld verhindert, dass ich diesen Weg früher wandere, weil sie dafür exakt diesen einen grandiosen Sommertag ohne Menschen, ohne Mücken, mit Blumen und ganz viel „Hach!“ für mich angedacht hatte. Normalerweise glaube ich ja nicht an so ’nen Blödsinn. Aber – möglich wär’s.

Und noch ein fröhlicher Gruß an all diejenigen, die sich gerne mal beschweren, dass „alles immer teurer wird“ und man „halt nix geschenkt bekommt im Leben“ – zieht euch mal die Schuhe an und geht raus.
Die Natur ist ein Wahnsinnsgeschenk – und kostet keinen Cent.

 

Freitags im Büro – oder „Say it in english!“

„Wenn dir das Leben Zitronen schenkt, mach‘ Limonade draus!“

Das Leben ist bekanntermaßen nicht immer ein Wunschkonzert, und nicht jeder Punkt auf der „Pflichten-To-Do-Liste“ ist Anlass zu ausgelassenen Freudentänzen. Wenn man aber zumindest versucht, die unliebsamen Punkte  hin und wieder mit ein bißchen Blödsinn und Jux zu garnieren, ist am Ende meist alles halb so wild.


Normalerweise befinde ich mich in der äußerst luxuriösen Lage, den Freitag als solchen wörtlich nehmen und bereits Donnerstagabend die Wochenendklingel läuten zu dürfen – aber in der Urlaubszeit ist meine Anwesenheit im Büro hin und wieder eben auch an 5 Tagen in der Woche erforderlich. Und so quäle ich mich am heutigen Unfreitag unter dem Absingen grummeliger „Verdammterfuckmist!“-Opern unter dem kuscheligen Laken hervor, nachdem mein Wecker mich mit seinem hysterischen Geplärre aus dem Nachtschlaf gerissen hat. 5 Tage am Stück arbeiten..unmenschlich ist das.

englischDas einzige Gute an diesem Tag ist der Umstand, dass mein Chef und ich vor einer Weile aus einer albenen Laune heraus den „English-speaking-friday“ in unserem Büro eingeführt haben und ebenjenen mit Inbrunst zelebrieren. El Cheffe spricht zwar eigentlich ziemlich fließend Englisch, rostet aber vokabulär hin und wieder ein wenig ein – und mein eigenen Kenntnisse  sind nur mit allerbestem Willen als „rudimentär“ zu bezeichnen. So sprechen wir also freitags Englisch miteinander – und haben dadurch zumindest immer was zu lachen.

„Good morning boss, what’s up?“ posaune ich zur Begrüßung und werfe meine Provianttasche nonchalant über den Stuhl. Mein Wortschatz wäre damit auch nahezu gänzlich ausgeschöpft, von mir aus muss ich heute nix mehr sagen. Kommt meinem Chef sicher auch entgegen, der behauptet nämlich gelegentlich, ich sei ’ne Labertasche. Fälschlicherweise, natürlich.

Das Chefgehirn ist aber im Gegensatz zu meinem schon warmgelaufen und er erläutert mir sofort einige Aufgaben, die es heute zu erledigen gilt. „In english, please“ natürlich – und ich bemühe mich, nicht allzu debil aus der Wäsche zu gucken und das ultimative „Understanding“ vorzutäuschen.

Nach ein wenig Smalltalk übers Wetter „Isn’t it hot?“ – „Yes, but not so hot as yesterday!“ – „Hm, hmm…yes, ähm…right!“ vertiefe ich mich – ganz gegen meine Gewohnheit – schweigend in meine Arbeit. Das ist auch einer der Vorteile des „English-speaking-fridays“…wenn man sich erst den gesamten Hirnkasten nach Formulierungen und Vokabeln auskratzen muss, spricht man nur dann, wenn man wirklich was Essentielles zu sagen hat. Und das ist augenscheinlich seltener, als man sonst so denkt. So kann dann auch rasch ein „silent friday“ aus der Sache werden.

„Jemanden zur Minna machen“ bedeutet so viel wie „Jemanden zurechtweisen/in den Senkel stellen“ – und diese Redewendung wird bei uns immer gerne benutzt, weil sie so nett und freundlich klingt, und auch irgendwie harmlos. Andere Menschen zusammenscheißen ist ja nicht so wirklich nett, aber zur Minna machen ist doch irgendwie niedlich. Das tut auch gar nicht weh.

„Oh, bugger!“ brummelt mein Brötchengeber aus dem Nachbarbüro und kommt herangestapft, um mir den papiernen Anlass seines Unmutes zu präsentieren und mir eine Anweisung zu erteilen: „Would you please call Mr. H. and..ähm…“ – wir werfen uns ratlose Blicke zu – „Hmm…transform him into a minna?“ schlage ich hilfsbereit vor. Nachdem wir uns gründlich ausgekichert haben, wähle ich die Nummer der Minna in spe – blöderweise kommt so eine empörte Zurechtweisung aber ziemlich unglaubhaft daher, wenn man sich unter allen Umständen das Lachen verbeißen muss. Nun ja, Herr H. kichert ein bißchen mit und gelobt mehr oder minder überzeugend umgehende Besserung. Na also. It runs doch.

Und weil das Leben bekanntermaßen aus Geben und Nehmen besteht, ruft nur wenige Augenblicke später eine Dame an, um wiederum MICH zur Minna zu machen – nicht ganz unberechtigerweise, wie ich zugeben muss, aber wie überall macht hier auch der Ton die Musik. „Fuck off, you fuckin‘ fuck!“ brummele ich, nachdem ich den Hörer aufgeknallt habe, trinke einen großen Schluck aus meinem Wasserglas (Mohrbrief-Leser wissen, warum) und befinde mein Englisch ganz uneitel für „absolutely brilliant“. Man braucht ja nicht immer einen großen Vokabelschatz, um sich auszudrücken – less is nämlich more, manchmal.

Am Ende des Tages (und der empörend langen Arbeitswoche!) habe ich mal wieder ein paar neue Vokabeln gelernt und mehr gelacht als sonst an Arbeitstagen üblich. Und jetzt heißt es „Nur noch 2x Englisch-Sprechen“ – dann ist der Freitag für mich endlich wieder ein Freitag, so wie er sein sollte. Can’t wait.

Wer später altert, bleibt länger jung!

„Gib ungebändigt jene Triebe,
das tiefe schmerzenvolle Glück,
des Hasses Kraft, die Macht der Liebe,
gib meine Jugend mir zurück!
(aus Goethes „Faust“)


Wenn man sich mit ambitionierten alten und mittelalten Laufhasen unterhält (was bei mir eher selten vorkommt, weil die in meinem Fall meist schon rennend am Horizont verschwunden sind, bevor ich mir überhaupt die Schuhe zugemacht habe), ist das Thema „frühere Bestzeiten“ und „-leistungen“ oftmals ein solches.
„Nee, so’n Marathon unter zweidreißisch so wie früher ist bei mir nicht mehr drin, die Zeiten sind lange vorbei.“ oder „Bei ’nem Zehner kann ich heute allerhöchstens noch den 1. Platz in meiner AK machen – so’n Rennen komplett gewinnen geht schon lange nicht mehr.“
Und dann liegt nebem dem typischen Funktionsfaserschweißgeruch auch immer ein Hauch Wehmut in der Luft – und ich freue mich dann immer ein kleines bißchen, dass mir selbst der „Ich bin alt und die guten Läuferzeiten sind vorbei“-Schuh nicht passt. Auch wenn frau mit Anfang Vierzisch läuferisch gesehen doch schon so’n bißchen in die Altmetallsammlung gehört, wenn man diesen Gesprächen Glauben schenken darf. Aber bei mir gibt’s nun mal keine „gute alte Zeit“, die ich wehmütig heraufbeschwören könnte.

Ich hab‘ meine allerersten Laufschritte (oder vielmehr…“Keuchende-Joggerschlappschritte“) erst mit Mitte Zwanzig gemacht, was also schon mal die ganz großen Jugenderfolge ausschließt. Und nach den ersten Joggingversuchen hat es nochmal eine mächtig lange Weile gedauert, bis ich überhaupt ein paar Kilometerchen am Stück hoppeln konnte, ohne das mir meine Omma-selig fröhlich aus dem weißen Licht am anderen Ende eines dunklen Tunnels zuwinkte. In diesem Zustand meißelt man keine Bestzeiten in Stein, da ist man nur froh, das man lebt.

Danach kam dann die dusselige Phase, in der ich unbedingt all das tun wollte, was die ganzen tollen sportgottgleichen Läufer in den entsprechenden Foren tun – nämlich mit Startnummer auf dem Bauch bei Wettkämpfen mitrennen und sich dabei (zumindest in meinem Fall) gepflegt zum Vollhorst machen, fürchterlich leiden und am Ende dann doch Letzter werden (sofern keine fußkranken Walker mitmachen. Davon hab‘ ich sogar schon mal einen überholt). Das übliche Forengeschwalle wie „Wenn du dich Läufer nennen willst, musst du aber 10 km deutlich unter ’ner Stunde laufen“ oder „Ein Marathon über 4 Stunden ist kein Marathon“ haben mich dabei immer das jämmerliche Gefühl gegeben, eine totale Athleten-Nullnummer und ein peinlicher Laufversager zu sein. Diese Ära kann ich nun beim besten Willen auch nicht zu den „guten alten Zeiten“ zählen.

Wieder eine ganze Weile und einige komplett verschimpfter und verjammerter „Wettkämpfe“ später kam mir glücklicherweise endlich die Erkenntnis, dass ich mich gar nicht „Läufer“ nennen will oder gar muß (warum auch, ich hab‘ ja schon einen Namen und der ist so schlecht nicht), sondern einfach bloß Spass haben will. Und das es auch andere Wege gibt, sein Outdoor-Ausdauerhobby zu pflegen ohne sich auf Bestzeitenjagd zu kasteien. Für mich taugt das einfach nicht.

Und dann zogen abermals ein paar Lenze ins Land, bis ich mich geistig und körperlich dort eingefunden habe, wo ich jetzt gerade bin – nämlich (zumindest theoretisch, wenn auch nicht gerade jetzt im Moment) fit genug, um ganz gemütlich kürzere Ultrastrecken laufen zu können, ohne mir vorher vor Angst ins Funktionshemdchen zu machen oder unterwegs wieder die Omma winken zu sehen. Entspannt genug, um auf Zeiten, Vergleiche oder Anderleuts-Maßstäbe zu pfeifen und auch gerne 5 oder 6 gerade sein zu lassen.  Gut, all das hätte ich natürlich auch viel früher haben können, aber bei mir fällt der Groschen oft pfennigweise. Aber besser spät als niemals nicht.

Aus den oben ausführlich beschwafelten Gründen gibt es in meinem Athletenlebenslauf keine glorreiche Marathon-Tippi-Toppi-Bestzeit, die ich in meinem derzeitigen Alter nicht mehr erreichen könnte und die mir hämisch meinen Verfall unter die Nase reibt. Ich blicke nicht melancholisch seufzend auf meine sportlichen Jugend-Erfolge und die „guten alten Erfolgszeiten“ zurück, weil’s schlicht und ergreifend keine gibt. Die unsäglichen 32 Minuten auf 5 km beim Neuwieder Stadtlauf anno dazumal reichen nicht aus, um mir Wehmutstränchen in die Augenwinkel zu treiben, sondern zeigen nur ganz deutlich, dass eine Karriere als ambitionierter Roadrunner in meinem Fall schon im Vorfeld zum grandiosen Scheitern verurteilt war. In meiner Sportsfrauenvergangenheit winken mir meine Highlights nicht wehmütig mit dem Taschentuch hinterher, wohl wissend, dass ich sie mit meinem stetig abbauenden Korpus nie wiederholen könnte.

Das Gegenteil ist der Fall – die Nummer der spannenden Landschaftsläufe, an denen ich noch nicht teilgenommen ist um ein Vielfaches höher als die überschaubare Anzahl der Finishermedaillen in meiner Schreibtisch-Schublade (was vermutlich auch ein bißchen damit zusammenhängt, dass die armen Medaillen bei mir ein Schattendasein fristen und ich ohnehin den allergrößten Teil der metallenen Ruhmestaler schlicht verschlampt hab, aber trotzdem). Das bedeutet: Jede Menge designierter Highlights voraus!
Horrido!
Es gibt noch soviele faszinierende Länder und Gegenden zu belaufen – und beim Wandern verhält es sich genau so. Bei dem obligatorischen „Kennst du den XY-Pfad?“/“Warste schon mal auf dem Hinz-Kunz-Steig?“-Austausch unter Wandervögeln lautet meine Antwort in 99% aller Small-Talk-Fälle – „Nö. Da war ich noch nie. Aber da will ich irgendwann auch mal hin!“

Wie  ein schlauer Mann mal sagte: „Solange deine Träume größer sind als deine Erinnerungen, solange bist du jung.“ (Oder dement! – Anm. d. Red.)
Und solange, bis sich an diesem Ist-Zustand etwas ändert,  dürfen die Bestleistungs-Hinterhertrauerer und Jugendjahremelancholiker getrost ohne mich weitermachen.

MEINE beste Zeit ist nämlich genau jetzt.

monrealerritterschlag


 

(Wobei ich selbstredend nicht den Anspruch erhebe, dass meine Einstellung richtig und die der rennenden Ehrgeizlinge falsch ist – jeder Läuferjäck ist anders und zum Glück sind der Wald und die Asphaltstrecken groß und weitläufig genug, um die unterschiedlichsten Ansprüche und Vorlieben der Ausdauerzunft abzudecken.)

Musik zum Text – Social Distortion / „Reach for the sky“ (zum Selbst-Googlen und Youtuben)
Foto: Karl-Georg Müller alias „Der Schlenderer“