Who let the dogs out? – Teil 2 „Wandern mit Herrn Dobermann“

„Wer nicht täglich seine Furcht überwindet, hat die Lektion des Lebens nicht gelernt.“
(Ralph Waldo Emerson)

Wer genauer wissen möchte, warum ich nun an diesem sonnigen Samstagmorgen in mein Auto gesprungen und Richtung Neuhäusel gebrettert wird, kann sich HIER! nochmal genauer in die Materie einlesen. Anmerken möchte ich noch, dass die Episode mit dem Boxerwelpen gut 10 Jahre zurückliegt – der Weg bis zum heutigen Samstag war also kein kurzer einer, und es gab Rückschläge. Aber ich hab‘ am Ende gewonnen, und das sogar in zweierlei Hinsicht – zum einen, weil Ängste einem das Leben ganz schön schwer machen können, zum anderen weil ich seitdem unzählige Hundeohren gekrault, fellige Köpfe abgeknutscht und pelzige Flanken gerubbelt habe. Und weil Hunde einfach großartig sind.


Als Folge meines wie üblich recht chaotischen Zeitmanagements bin ich gedanklich eher mit der Sorge beschäftigt, ob ich es wohl noch pünktlich zu verabredeten Treffpunkt (Wanderparkplatz Neuhäusel-Ost, Sir, yes SIR!) schaffe und habe keine Hirnkapazitäten frei, um mir Sorgen wegen der Verträglichkeit mit meinem vierbeinigen Wanderpartner in spe zu machen. Im Grunde freue ich mich sogar auf die Begegnung, wenngleich auch eine minimale Mulmigkeit mit ins Wandergepäck gerutscht ist.

Der Ablauf des Erstkontakts wurde im Vorfeld bereits vom Hundeführer per Mail wie folgt vorgeschlagen:
Ich „stelle Euch vor“ und dann kommt das Kommando an den Rüden „Sag TAG“.
Er kommt dann (an Leine) zu Dir und Du freust Dich natürlich. Meist lehnt er sich an und Du kannst ihn dann kraulen.“
So sieht’s aus. Ich „freue mich natürlich“. Schließlich ist es immer hilfreich, wenn man weiß, was man zu tun hat.

Zuallererst freue ich mich aber mal darüber, doch noch auf die Minute pünktlich (wie der berühmte Maurer) am Treffpunkt einzurollen. Zweiter Grund zur Freude ist mein bereits wartender zweibeiniger Wanderpartner, der zudem gleich auf’n ersten Blick ein netter, witziger Typ zu sein scheint. Läuft.  Auf mein ungeduldiges „Wo ist denn nun der Do-hoooobermann, jetzt mal?!“ öffnet er grinsend den Kofferraum und die darin enthaltene Autobox, und behende gleitet ein schwarzglänzendes Muskelpaket heraus. Hrrks. Der ist aber ganz schön gross, ist der. Aber auch ganz schön hübsch – und da er keine dieser widerlich kupierten Ohrfetzen, sondern lustig wippende Schlapp-Ohren im Originalzustand hat, sieht er auch den Zombiehunden aus „Resident Evil“ nicht wirklich ähnlich.

„Sag Tag!“ ordnet der Hundeführer an und Balou kommt sofort neugierig auf mich zuspaziert. Ich starte kurz einen innerlichen Panik-Scan, aber – nix. Ich freue mich. Wie befohlen.
„Darf ich die Ohren kraulen?“ „Natürlich.“
Mein Herz macht einen Hüpfer, aber nicht vor Angst, sondern wegen akuter Schockverliebheit. Das ist ja ein toller Kerl!
„Ja, ein feiner Schatz bist du, ganz fein!“

„Na, dann wollen wir mal!“  Stimmt – Wandern war ja heute angesagt, und zwar sollte die Wäller Tour „Augst“ unter Füsse und Pfoten genommen werden. Los geht das. Die erste Wegmarkierung ist fix gefunden und bringt uns auf Kurs durch ein lauschiges Wäldchen und über ein sonniges Feld mit Fernsicht. Die herumkullernden Strohballen stimmen mich wie jedes Jahr ein wenig wehmütig, aber immerhin fliegen noch keine Wildgänse gen Süden. Ein paar Sommertage sind sicher noch im Jahreszeiten-Sparstrumpf.

Ich darf zusammen mit dem Hund (alias „Schatzemännchenjafeeeein!“) vor malerischer Kulisse fotomodellen und nutze die Gelegenheit, um mich kurz ins weiche Fell zu kuscheln. Und weiter geht’s. Scheinbar bin ich ein Glückskind, was die Auswahl von Blind-Date-Wander- u. Laufkumpeln angeht – auch heute stimmen Chemie und Humor wieder perfekt und wir albern uns durch die malerische Landschaft.
2015_08_15_Augst_10Wie es sich für aufrechte Bürger gehört, empören wir uns auf den ersten Kilometern kräftig in alle Himmelsrichtungen. Da wäre beispielsweise dieses dreiste Einwanderer-Springkraut, das sich einfach ungefragt in den guten deutschen Wäldern breitmacht und dem einheimischen Gewächs den Platz wegnimmt. Oder komplett leere Hinweistafeln – vermutlich wurden die Informationskarten, die dereinst dem in Heimatkunde interessierten Volke wichtiges Wissen näherbringen sollten, auch von diesen „kriminellen Asylanten da“ geklaut, um darin ihre iPhones einzuwickeln. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

Balou hingegen empört sich über nix und niemanden und stapft maximalgelassen vorweg. Das wunderschöne Fell glänzt schimmernd in der Sonne und ich nutze die nötigen Empörungspausen (Ist das anstrengend, das mit der Empörerei! Kein Wunder, dass die braunen Motzköppe immer so schlechte Laune haben!), um immer mal wieder meine Hände hinter die weichen Öhrchen zu versenken und dem vierbeinigen Herrn irgendwelchen Schnulzkram in selbige hineinzusäuseln. Der Rüde trägt’s mit Fassung – nur wenn die Kosenamen allzu albern werden und über das „Schatzemännchen“-Niveau hinausgehen, wirft er seinem Herrchen schon mal einen hilfesuchenden Blick zu. Schließlich ist er trotz Schlappohren, Knopfaugen und Schmusefell ein Dobermann und kein rosa-beschleifter Pekinese – ein bisschen muss man da schon auf seinen Ruf achten. Vor allem wenn das Ganze hinterher auch noch im Internet steht.

2015_08_15_Augst_12Wir stapfen also fröhlich durch die Botanik, das zauberhafte Schatzemännchen vorneweg, und bewundern die Botanik nebst Flora und Fauna. Ein weißes Einhorn, das gemütlich auf einer Weide vor sich hingrast, ist trotz Mohrscher Lockrufe nicht an einer Kontaktaufnahme interessiert. So sind’se, die Fabeltiere – stur und arrogant. Blödes Einhorn, blödes.

Die Ruine der Sporkenburg wird von uns als Rastplatz auserkoren – ich mampfe meine leicht angeschwärzte Banane, Balou trinkt schlabbernd gefühlte 3 Liter Kaltgetränk aus der mitgeschleppten Wasserflasche und knabbert an einem keksartigen Leckerchenbrocken herum. „Schau mal, was für ein Braver das ist!“ merkt das Herrchen an (das im Nachfolgenden auch als „Mungo“ betitelt wird, aber immer ein und derselbe ist) und steckt sich ein Snackstückchen zwischen die Lippen, dass von Herrn Dobermann artig mit der riesigen Hundeschnauze herausgepflückt und verspachtelt wird. Huch. AUS DEM MUND! Ganz ohne blutige Fleischfetzen zu hinterlassen. Trotz messerscharfer Killer-Zombiehund-Fangzähne. Braver Hund. Ich staune.

„Jetzt bist du an der Reihe!“ verkündet Mungo und hält mir auffordernd einen kleinen Knabberknochen hin.
„Nee danke, ich hab‘ noch ’ne Banane.“
„Na, der ist ja auch für Balou. Kannste dir auch zwischen die Zähne stecken, der ist ganz vorsichtig, da passiert nix.“
Ähem – wie meinen, der Herr? Ich schlucke hörbar. ich soll…?
„Du musst natürlich nicht, wenn du nicht willst.“
Ich schlucke nochmal. Kann man ja nicht oft genug machen, ist wichtig wegen der Kehlenbefeuchtung.
Ich gucke Balou an. Balou guckt zurück.
Ach – was soll’s. Was hab‘ ich schon zu verlieren, außer meiner Nase und dem ein oder anderen Piercing.
Ich versuche, mir in Windeseile möglichst lange Zähne wachsen zu lassen und klemme mir das Leckerchen in die Kauleiste. Ein kurzes Kommando (das zum Glück nicht „Fass!“ lautet), ein kurzer Windhauch – und schon ist mein Mund wieder leer und der Hund knurpst zufrieden auf seinem Snack herum. Skeptisch betaste ich mein Anlitz. Nase, Lippen, Metallstecker..alles noch da. Leckofatz! Ich hab‘ einem Dobermann ein Leckerchen mit meinen eigenen Zähnen dargereicht.

balouIch bin die allercoolste Sau des ganzen Universums – das sollte nun aber mal unbedingt für die Nachwelt festgehalten werden. Auf Plakatwänden, Transparenten, T-Shirts und Aufklebern. Jawollingen.

Weil aller guten Dinge zwei sind und ich selbst nicht glauben kann, was hier gerade passiert ist, gibt’s gleich noch ’nen Snack auf dem Zahn-Tablett für den Hund plus ein Erinnerungsfoto für mich. Und dann kann es auch mal weitergehen mit der Wanderei – wir sind ja nicht zum Kuscheln und Futter-Teilen hier angereist. Ich grinse selig vor mich hin und bin betört von Hund, Landschaft und auch ein klitzekleines bisschen von mir selbst.
DAS wird man ja wohl wirklich mal sagen dürfen.


Und natürlich geht’s noch weiter – wir haben ja erst die Hälfte der Strecke abmarschiert. Aber hier leg‘ ich euch einfach den Wanderbericht meines zweibeinigen Gefährten ans Herz und auf die Augen, da gibt’s nämlich viel weniger Worte und viel mehr Bilder – KLICK!

Für MICH gab’s am Folgetag noch eine zauberhafte Überraschung. Und die hängt nun sogar an meiner Wand.
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6 Gedanken zu „Who let the dogs out? – Teil 2 „Wandern mit Herrn Dobermann“

  1. Pingback: Frau Mohr und Herr eTrex – „The Beginning“mohrblog | mohrblog

  2. Marlene

    Boooh,
    da entwickelt sich aber ne tierische Freundschaft was 😀

    Und dann noch eine Urkunde … eingepfötlich von einem Dobermann unterpfotelt …
    RESPEKT und ich verneige mich vor dir *knicksmach*

    LG
    Marlene

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  3. Mungo

    Soooooooooo schön geschrieben.
    Hat mächtig Spaß gemacht, sowohl „Schaaaaaaaaatzemann“ als auch „Mungo“ 😉
    Wir steigern das. Habe da ja noch ein paar Dobis 😉

    LG: Mungo

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