Archiv für den Monat: März 2016

[mohrbilder] Bangkok

„Was mache ich hier?“
(Arthur Rimbaud)


Auf dem Gelände des Königspalastes und der Tempelanlage Wat Phra Khaeo in Bangkok wurde der Blick auf die zahlreichen prächtigen Bauten ausnahmslos durch Horden herumwuselnder Chinesen versperrt, die allesamt schwerst damit beschäftigt waren, sich selbst zu fotografieren. Also habe ich statt der goldschimmernden Bauwerke eben Chinesen beim Sich-Selbst-Fotografieren fotografiert.
Ist auch ’ne Sehenswürdigkeit.
Auf ’ne Art. bangkok1 bangkok2 bangkok3 bangkok4 bangkok5 bangkok6


Vor dem Eingang zum Saal des berühmten Smaragd-Buddhas steht eine Schale mit Wasser und Lotusblüten (dem Inbegriff von Reinheit, Weisheit und Schönheit). Normalweise taucht man die Blüte in das Wasser und berührt sich damit leicht den Kopf – wir haben die Blüten aber „missbraucht“, um uns unauffällig möglichst viel kühles Wasser in den Nacken zu träufeln.
Bei 36 Grad und einer fast nebligen Luftfeuchtigkeit neigt man wohl zur Blasphemie.
So sind’se, die Touris. Vor nix hamm’se Respekt.
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[mohrexperimente] Oh wei, oh wei, die Geierlay!

Wenn man tagelang auf weiter See herumgeschaukelt wird, in die Wellen starrt und sich die Sonne auf die Rübe brutzeln lässt, kommt man mitunter auf abenteuerliche Ideen, die dem späteren Reality-Check in der heimischen guten Stube zumeist keine 5 Minuten standhalten.

So habe ich auch meinen festen Vorsatz, „sofort alles hinzuschmeissen und Wandertherapeutin zu werden“ schon wieder verworfen, bevor ich den Koffer ausgepackt hatte – und auch die scheinbar spektakuläre Idee, ein Tuktuk zu kaufen und damit Sightseeing-Stadtrundfahrten für Touristen im heimischen Neuwiedropolis anzubieten, fühlt sich daheim nur noch halb so grandios an. Übrig bleibt am Ende einzig der Plan, endlich mal die längste Hängeseilbrücke Deutschlands zu überqueren – und da der Herzmann und ich noch Urlaub haben und das Wetter heute gar nicht mal so garstig ist, spricht auch kaum etwas dagegen, ihn umzusetzen. Außer der Tatsache, dass ich monstermäßige Höhenangst habe und „so ’nen Scheiß niemals im Leben“ machen würde. Aber irgendwas ist ja immer.

Flott sind die Dieselpferde an diesem Morgen gesattelt und wir machen uns auf den Weg ins 70 km entfernte Mörsdorf. Eine in Richtung Hysterie neigenden Albernheit macht sich im Auto breit – die Insassen benehmen sich fast wie kleine Kinder, die im Dunklen lautstark singen, um ihre Angst niederzuplärren.

Wer hat Angst vor der Wackelbrücke?
Niiiiiemand!
Und wenn sie kommt?
Dann laufen wir!

Der Parkplatz vor dem Besucherzentrum ist flott gefunden und erfreulich menschenleer. Eine mopsfidele und fröhlich rumplärrende Wandergruppe, die sich zeitgleich mit uns auf den Weg macht, hängen wir durch militärischen Stechschritt im Nullkommanix ab. Mopsfidele Gesellschaft beim Überqueren der Gruselbrücke kann ich nun wirklich nicht gebrauchen.

GeierlayEmsig stapfen wir voran, in Erwartung, das furchteinflössende Bauwerk hinter jeder „nächsten Kurve“ zu erblicken, aber das Viech spielt Verstecken mit uns. Zeig‘ dich, du Brückenfeigling! Aber da wirft sich die Brücke dann auch endlich vor unsere Netzhäute – beinahe harmlos anmutend spannt sie sich in einem sanften Bogen in der Form eines beruhigenden Lächelns über das Mörsdorfer Bachtal und scheint mir aufmunternd zuzublinzeln. „Das ist ja Kindergeburtstag!“ ruft der Herzmann aus und stapft ohne zu zögern Richtung Holzplanken. Ich mache erstmal ein Foto, um Zeit zu schinden. Aber allzu lange fackeln sollte ich wohl nicht, dann hat mein Gehirn zuviel Zeit, um sich in atemlose Paniktattacken zu steigern.
Also Augen zu und los.
Ähem.
Kommando zurück – doch lieber Augen AUF, die Schrauben im Boden sind nämlich fiese Stolperfallen und was wäre hier blöder, als zu straucheln und über das Geländer in die Tiefe zu…ruhig, Hirnkasten! Das kann überhaupt niemals nicht passieren, das Geländer ist nämlich viel zu hoch. Da könnte höchstens ein 3-Meter-Mann drüberfallen und auch nur, wenn er sich so richtig, richtig doof anstellt.
Meine im Vorfeld akribisch ausgefeilte Taktik lautet: Nicht stehenbleiben und nicht nach unten gucken – und auf den ersten 50 Metern klappt das ganz hervorragend. Ich spiele meinem Gehirn eine feste Entschlossenheit vor (dann fühlt es sich sicher. Das kleine Dummerchen) und setze einen Fuß vor den anderen.  Linker Fuß, rechter Fuß, atmen. Dabei behalte ich  die Schrauben im Blick. Immer fest bis zur nächsten Schraubenreihe gucken, atmen, gehen, die Sache läuft. Als ich meinen Such-Scannerblick in die Ferne Richtung Herzmann schwenke, brüllt mein Gehirn empört: „Alter! Das ist ja TOTAL weit und TOTAL hoch, sach‘ ma, brennt dir der Helm, oder watt?“ – und sendet umgehend einen Aufweichungsbefehl Richtung Kniegelenke, den diese sogleich vollkommen obrigkeitshörig in die Tat umsetzen.
Uffz.
Hoch.
Weit.
Und dabei könnte ich daheim jetzt schön kuschelig mit einer Tasse Milchkaffee inmitten der schnurrenden Miezenschaft vor dem Ofen sitzen.

IMG-20160324-WA0009Die Brücke schwankt leicht und ich mit. Umkehren wäre jetzt auch doof. Runterfallen ebenso. Also weiter. Den Blick krampfhaft auf die Schraubenparade festgezurrt, tapse ich bänglich mit Wackelpeter-Knien weiter voran. Weil – nützt ja nix. Der Herzmann scheint schon auf der anderen Seite angekommen zu sein, zumindest nimmt mein Auge keinen schwarzen Punkt mehr am Rand meines erlaubten (blo-hoooooss nicht zu weit nach vorne gucken!) Sichtfelds mehr war. Vielleicht ist er aber auch runtergefallen.
Das wäre allerdings bedauerlich.

Obwohl ich unbedingt streng und ausschließlich nach vorne starren will, schweifen meine unerzogenen Augen immer wieder leicht nach links oder rechts und müssen von mir mit einem empörten „GeradeAUS!“ zurückgepfiffen werden. Renitentes Augenpack, renitentes.

Erkenntnis des Tages: Zeit ist relativ – Distanz aber auch. 360 m können manchmal 5 km lang sein, mindestens. Die Holzplanken und Schraubenreihen nehmen kein Ende.
Uffz.
Hoch.
Weit.
Mit gefühlt gelenklosen Knien nähere ich mich dezent bibbernd dem Ende der Brücke. Die letzten Meterchen dehnen sich nochmal frech ins Unendliche, aber dann wirft sich endlich wieder fester, wunderbar matschiger Boden unter meine Schuhsohlen.
Jetzt, in Sicherheit, erlaubt sich auch die Panik ein Entfaltungstänzchen auf meinem Hirnparkett. Das war schon ganz schön gruselig, war das.

heroesEin Blick zurück offenbart nicht nur die gesamte Länge und Höhe des Bauwerks, sondern auch viele bunte Punkte am anderen Ende – die fidele Wandergruppe hat die Brücke erreicht und bestiegen.
„Da geh‘ ich auf keinen Fall zurück!“ japst meine innere Bangbüx. Erstes „Hohoho!“ und „Aaaaah!“ und „Iiiiiih!“ weht zu uns herüber, die obligatorischen und unvermeidlichen Spaßvögel des Trupps beginnen, fröhlich an der Brücke zu wackeln und finden sich selbst vermutlich unfassbar amüsant. Mein Amüsement hält sich in Grenzen und wir kommen ratzfatz überein, dass es nun doch eine wundervolle Idee wäre, den mit „3 km“ ausgeschriebenen Fußweg zurück zum Besuchszentrum durch den Wald zu testen. Wollten wir ja schon immer mal tun, das. Waldwege sind toll. Echt jetzt.

Nicht ganz so toll ist der Umstand, dass irgendwann unterwegs die Beschilderung einfach aufhört und wir ein wenig orientierungslos im Wald rumstolpern.
Aber irgendwas ist ja immer.

Allemal besser als von der Brück‘ gefallen.


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