[mohrlaufen] „Und sie bewegt sich doch!“

Wie der ein oder andere ganz sicher mitbekommen hat (bei meinen Befindlichkeiten ist es ja oft eher eine Kunst, sie NICHT mitzubekommen, weil ich sie auf allen Kanälen in die Welt tröte), stehe ich momentan mit einer lästigen Psychokirmes im Ring. „Burnout“ sagt mein Hausarzt, „Depressionen“ sagt der Psychodoc. „Verdammter Scheißdreck!“ sage ich.
Durch diesen Scheißdreck bin ich nicht nur seit ein paar Wochen arbeits-, sondern auch ziemlich antriebsunfähig. Und so verbringe die meiste Zeit des Tages damit, trübe vor mich hinzudümpeln und kinderkopfgroße Löcher in die Luft zu glotzen.
So richtig Spaß macht das nicht.

Bei einem kurzen Mailaustausch mit dem immer hilfsbereiten Thorsten Stelter zu diesen unerfreulichen Thema klingelt plötzlich in meinem Hinterkopf ein leises Glöckchen…Laufen. Laufen…LAUFEN! Natürlich – ich könnte doch endlich mal wieder Laufen! Seit mindestens 6 Monaten hängen die Laufschuhe am Nagel, bzw. verstauben im Schrank – und „früher“ hat mir ein charmantes Waldläufchen doch auch immer gründlich die Hirnstube aufgewischt und das Gedankenkarussell geschmiert. Und solange sich mein eigener Kopf, meine Medizinmänner und die Krankenkasse noch nicht wirklich einig sind, wie sie mir bei meinem „Scheißdreck“ am besten Linderung verschaffen können, (bzw. am „billigsten“ und „schnellsten“, was nun die Krankenkasse angeht)  kann ich ja zumindest schon mal loslaufen. Vorauslaufen, sozusagen.

Also nehme ich meinen inneren Rezeptblock heraus, kritzele mir „30 Minuten alle 2 Tage“ in möglichst unleserlicher Arzthandschrift auf die Hirnrinde, puste den Staub von den Laufschuhen und mache mich auf, auf! ins Feld. Die Luft drückt und murmelt was von „Gewitter im Anmarsch“, aber Medizin ist Medizin. Das Läufchen wird jetzt geschluckt, selbst wenn es bitter schmecken sollte. Trübsalblasen und Frustschieben sind schließlich auch keine innerliche Freudenfeier.  Ich parke an einem flachen Feld ohne Höhenmeter und Spaziergänger und jöggele los. Erfahrungsgemäß sind die ersten Läufe nach einer längeren Pause kein Zuckerschlecken, denn dooferweise ist meine Kondition von der flüchtigen Sorte und nutzt jede Lücke in der Deckung, um das „Unbekannt verzogen“-Schild an die Türe zu nageln. Ich bin also so ziemlich genau das Gegenteil dieser ganzen Wunder-Athleten, von denen man in Laufforen und -blogs liest..diejenigen, die nach 100 Jahren Unsportlichkeit mal eben fix mit dem Rauchen aufgehört und mit dem Laufsport angefangen haben und 2 oder 3 Tage später schon 10 km unter ’ner Stunde runterrocken können.

Auch wenn es bei mir tatsächlich mal eine Zeit gab, in der ich ohne mit der Lungenflügelwimper zu zucken an einem Sonntag zu einem 50 km-Lauf aufgebrochen bin und denselben sogar überlebt habe (was MIR gerade wohl genauso unwirklich vorkommt wie dem – hoffentlich – geneigten Leser), machen ein paar Wochen oder gar Monate Müßiggang aus mir im Windeseile wieder einen schlaffen Sack. Da beißt die Ausdauermaus keinen Konditionsfaden ab.

Entsprechend mühselig schlurfe ich nun meinen allerersten Medizin-gegen-Scheißdreck-Kilometer ab. Vor meinem inneren Auge formieren sich Comic-Sprechblasen um meinen vermutlich schon hochroten Schädel mit Schriftzügen wie „ÄCHZ!“ – „PRUST!“ – „KLONG!“.
Als der Forerunner an meinem Handgelenk lautstark piepst und verkündet, dass ich gerade den ersten Kilometer in sage und schreibe 7:40 Minuten verschlurft habe, kann ich mir ein Grinserchen nicht verkneifen. Siebenminutenvierzisch! In dem Tempo werd‘ ich am Ende noch von ’ner Omma mit Krückstock überholt. Aber zum Glück ist ja gerade keine da.

Und – wie man unter Langstrecklern sagt – „Good things come slow.“
Zum Glück hab‘ ich zumindest das Phrasendreschen noch nicht verlernt.


Projekt „Laufen gegen Psychoscheißdreck“, Lektion 1
Strecke: 4 km
Tempo: vergisses!
Stimmung: schaunmermal


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13 Gedanken zu „[mohrlaufen] „Und sie bewegt sich doch!“

  1. Claudia

    Laufen ist wirklich hilfreich, allgemein Sport, hat mir auch bei meiner Depression geholfen, dabei wollte ich erst gar nicht, weil Sportmuffel. Mach einfach ganz entspannt, geht ja gerade nicht um Leistung, sondern um das Wohlgefühl, ambitioniert sein kannst du wenn du gesund bist ja immer noch 🙂

    Leider kann ich nimmer laufen, weil ich auch im Krückstockomatempo und wenn ich vorher und nachher viel trinke Kopfschmerzen bekomme, bei anderem Sport habe ich das nicht, aber auch okay, Hauptsache Bewegung, das ist wirklich ein guter Ausgleich.

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    1. mohrblog Beitragsautor

      Danke für deinen Kommentar, ich bin gleich mal was in deinem Blog stöbern gegangen 😉
      Hast du wg. Laufen/Kopfschmerzen auch mal Verspannungen in Betracht gezogen? Der ein oder andere verkrampft sich mal ein bisschen beim Laufen, und das kann wohl auch zu Kopfschmerzen führen.
      Aber Hauptsache, du hast was Anderes gefunden, dass dir Spaß macht 😉

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      1. Claudia

        Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass es daran liegt. Na ja, meine Laufuhr eignet sich auch wunderbar, um Wanderungen zu tracken :D. Ich kümmere mich erstmal um meinen Rücken, und wenn meine hartnäckigen Verspannungen vielleicht irgendwann mal weg sind, dann versuche ich es vielleicht vorsichtig wieder mit dem Laufen.

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  2. Lutz Balschuweit

    So. Und ich bin mir sicher, dass Dein Vorhaben GENAU der richtige Anfang ist, um „der Sache“ zu begegnen. Jetzt geht die Post ab und es wird mit jedem Schritt besser mit allem.

    Viel Erfolg und Gesundheit
    Lutz

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    1. mohrblog Beitragsautor

      Danke sehr 🙂
      Ich bin mir zumindest schon mal sehr sicher, dass Laufen die Sache nicht verschlimmert, und das ist ja durchaus ein Anfang 🙂

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  3. Lizzy

    Doch! Hier ist sie, die Omma und wenn du drauf bestehst, guck‘ ich gleich mal, ob’s irgendwo einen Krückstock für mich gibt 😉 Ja, tatsächlich war ich – reiner Zufall, dass auch heute – mal wieder schneller unterwegs (und könnte jetzt dazuschreiben, dass ich nicht nur – wie im Bericht zu lesen – ordentlich zugenommen sondern auch monatelang wieder gequalmt habe. Es war allerdings auch nicht der Erstversuch und außerdem was „öffentliches“ mit vielen anderen), bin mir nicht sicher, ob du mir glaubst, wenn ich beteuere: dass es MIR scheinbar leicht fällt, wieder in Form zu kommen, heißt NICHT, dass ich über diejenigen triumphiere, denen es schwerer fällt. Weil: ich tu‘ da ja nix aktiv dazu, dass es so ist. Es ist nicht mein Verdienst sondern einfach nur großes Glück . Vielleicht liegt’s ja auch mit daran, dass ich keine Seele mitschleppen muss – alles nur sinnloser Ballast, hab‘ ich keine, brauch‘ ich keine 😉

    Deshalb – nicht nur deshalb – wünsche ich uns beiden, dass es wieder was wird, das mit dem Laufen . Nämlich auch deshalb, weil – es wird dir nix nützen – du nicht alleine bist mit diesem Depressionszeug. Kenne ich gut, kannte ich schon schlimmer als jetzt, habe mal – sonst weiß ich ja fast alles und zu allem was zum Klugscheissen – ausnahmsweise keine Lösung im Ärmel und werfe höchstens noch den Begriff „Hormone“ zum Sammelsurium dazu. Die Drecksteile sind zumindest bei mir auch beteiligt. Äh … was wollte ich noch schreiben: viel Erfolg!

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    1. mohrblog Beitragsautor

      Also Lissbätt, wenn ich dir eins glaube, dann dass man dir IMMER glauben kann 🙂 So auch die Tatsache, dass du fixer wieder in Form bist. Es sei dir auch von Herzen vergönnt. Ich freu‘ mich ja auch für jeden, dem das müheloser gelingt als mir, denn dieses Gequäle und Geschnaufe ist kein Spaß 😉 Aber ich kenn‘ das ja nun auch zur Genüge und weiß, dass es irgendwann vorbeigeht.

      Hormone ist ein gutes Stichwort. Man sprach mich tatsächlich auch vor kurzem darauf an – ich werd‘ das mal beim Medizinmann anbringen. 42 ist zwar eigentlich noch pfuschjung, aber uneigentlich isses den Hormonen ja oft egal, was in der Geburtsurkunde steht.
      Danke dir 😉 Und uns beiden eine rosige Läuferzukunft. Verdient hätten wir’s.

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      1. Lizzy

        So ganz immer vermutlich nicht. Wenn ich schneller kapieren würde, wann es angebracht ist, würde ich wohl noch häufiger mal schwindeln – in der HInsicht bin ich aber leider Extremschnecke 😉

        Hat eigentlich auch schonmal jemand den „Magen-Darm-Trakt“ in den Begriffe-Pool geworfen? Und da meine ich ausdrücklich nicht explizit die vegane Ernährung (wobei man meiner Meinung nach immer alle Beteiligten zumindest im Auge und auf dem Prüfstand der Zusammenwirkungsmechanismen behalten sollte). Schließlich bin z. B. ich und viele andere Betroffene sind es auch: Fleischfresser. Aber DASS der Magen-Darm-Trakt meistens (immer?) stark involviert ist – wie auch immer ein Ungleichgewicht entstanden ist – das halte ich für nahezu sicher.
        Auf meiner Zugfahrt nach MVP habe ich Darm mit Charme gelesen und konnte immer dieses überheblich-klugscheisserische Gefühl genießen, dass ICH das alles irgendwie schon immer gewusst habe (als Reizdarm-Psyche-Sensibelchen war mir das Zusammenspiel lange klar. Dummerweise, ohne genaue Ursachen zu kennen oder auch nur zu wissen, was Henne, was Ei ist). Es mag nur EIN Baustein von vielen sein – aber ein zentraler. Bei mir jedenfalls.

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        1. mohrblog Beitragsautor

          In Sachen Darm lese ich mich gerade ein wenig ein und versuche ggf. mal probiotische Bakterien – aber erstmal eins nach dem anderen 😉 Irgendwie habe ich gerade ein bisschen die Nase voll von „Oh, DAS könnte ich ja auch mal probieren“….das ermüdet irgendwie auch 😉
          Aber danke für den Hinweis. Ist immer alles ’nen Versuch wert 😉

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  4. Christian

    Liebe Daniela,
    der erste Schritt ist der schwerste, aber Du hast ihn getan.
    Ich wünsche Dir, dass Du dran bleibst, dann wird auch der Psycho-Krimskrams besser…sagen auf jeden Fall reliable medizinische Studien.

    Salut

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    1. mohrblog Beitragsautor

      Ich werde jetzt erstmal googeln, was „reliabel“ bedeutet und dann werde ich sagen, dass „reliable Studien“ schließlich immer recht haben. Und dann werde ich zuversichtlich sein 😉
      Gleichfalls Salut 😉

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  5. Heidi Schmitt

    DAFÜR ist laufen. Für die Seele. Und zum Überleben. 7:40 ist ungefähr das Tempo, das mein herzkranker Trainingspartner und ich zusammen schaffen. Wenn wir laufen und nicht gerade gehen. Ich finde, es ist das Tempo der Survivor!

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    1. mohrblog Beitragsautor

      „Tempo der Survivor“..das gefällt mir. Da hör‘ ich im Hintergrund gleich die Titelmelodie von Rocky und recke die Faust in die Luft.
      Danke 😉

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