[mohrlaufen] Sich regen bringt Segen!

Projekt „Laufen gegen Psychoscheißdreck“
Lektion 1 – „Und sie bewegt sich doch!“ [KLICK!]
Lektion 2 – „Herr Boykott und Frollein Redlich“ [KLICK]


Foto: Julia Raasch

Die ersten 3 „Einnahmen“ meiner selbstverordneten Laufmedizin scheinen überraschend fix Wirkung zu zeigen. Beim 3. Lauf in der Morgensonne kitzelt mich sogar ein fast schon verschollen geglaubtes kleines Emotionstierchen ganz frecht in den Synapsen – die Zuversicht. Mit im Gepäck: Fröhlichkeit und Energie. Fühlt sich fast schon fremd an, nicht mehr ganz so scheiße gelaunt zu sein. Abends setze ich dem Launefass noch die Krone auf, indem ich – hört, hört – lauthals über einen blöden Witz des Herzmanns lache. Da gucken sogar meine Bauchmuskeln verwirrt aus der Wäsche angesichts dieser ungewohnten Vibrationen. Nachdem ich wochenlang in hilfloser Gedankenstarre verbracht und mich von Schulmedizin und Krankenkasse verhohnepiepelt und im Stich gelassen gefühlt habe, scheint dieses kleine Quentchen „Ich mach‘ jetzt was!“ schon einen entscheidenden Beitrag im Vorwärtskommen zu leisten.

Aber bereits am 4. Tag der geplanten Einnahme leistet Herr Boykott ganze Arbeit und wirft mir gleich einen riesigen Stapel Motivationsknüppel zwischen die Sportlerbeine.

Zuallererst bringt mich der Umstand zum Seufzen, dass für den heutigen Tag mindestens hundertfuffzisch Grad Celsius gemeldet sind – aber „kein Problem, dann läufste halt ganz früh morgens.“ Genau. So mach‘ ich das. Aber erstmal noch fix mit dem Hund in den Wald, juchhe. Das mir mein Hundetier zum Ende des Gassigangs auf „Ich-komm-nicht-wieder!“-sehen ins Unterholz ausbüxt und dort auch auf unbestimmte Zeit verschollen bleibt, bringt meinen Zeitplan allerdings ziemlich empfindlich ins Wanken. Das mir dann zusätzlich noch ein fremder Hundeflüchtling in wildester Wild-Hatz über den Weg rennt, den ich dann (nach erfolgreichem Einkassieren meines eigenen Pelzträgers, den ich irgendwann fröhlich spazierend auf einer Blumenwiese wiederfinde) auch noch einsacken und nach einer längeren Weile an seinen fix-und-feddischen Halter übergeben kann, treibt nicht nur das Zeit-O-Meter, sondern auch das Thermometer in schwindelnde Höhe – denn nachdem ich alle Hundeangelegenheiten zur allerseitigen Zufriedenheit erledigt habe, ist es schon fast halb 12 und brüllend heiß. 45 Grad im Schatten. Minimum. Das man da nicht unbedingt laufen sollte, und sei es nur für ’ne halbe Stunde, das sieht sogar Frollein Redlich ein. Herr Boykott spendiert einen Eiskaffee für alle und so verschwitzen wir gemeinsam den Tag in stiller Kontemplation.

Zum späteren Nachmittag ziehen düstere Gewitterwolken auf und finsterstes Donnergrollen in der Ferne halten mich weiterhin den Laufschuhen fern. Irgendwie hab‘ ich gerade so gar keinen Bock drauf, im Maisfeld vom Blitz niedergestreckt zu werden. Nachdem die ersten Tropfen niedergeprasselt und Neuwiedropolis in eine dampfende Badewanne verwandelt haben, könnte ich zwar…aber gerade jetzt trippelt das Hundetier hochnötig von einem Bein aufs andere, winkt mit der Klopapierrolle und deutet ein dringendes Bedürfnis nach Toilettengassi an. Und gleich danach rappelt es auch schon wieder im Gewitterkarton.
Irgendwie soll es wohl nicht sein heute. Herr Boykott reibt sich schadenfroh die Hände, Frollein Redlich zupft sich pikiert die Lockenwickler zurecht und macht einen Strichmund, und der kleine Trotzkopf verzieht sich schmollend ins Kinderzimmer. Arschwetter, arschiges.

Und siehe da – noch bevor die Sonne untergeht, finde ich mich tatsächlich trübsalblasend und übellaunig mit einer Tüte Chips auf der Couch wieder. Blöd, blöd, blöd, alles blöd, same procedure as die ganzen letzten Wochen. „Siehste!“ erhebt Frollein Redlich den Zeigefinger „hätteste mal deine Laufmedizin eingenommen. DAS halbe Stündchen hätteste ja wohl heute irgendwo gefunden.“

Vermutlich hat die Olle recht. Und dabei glaube ich noch nicht mal, dass das kleine Läufchen selbst die große Heilung des heutigen Tages gebracht, sondern einfach das motivierende Gefühl des „Dranbleibens“ verstärkt hätte. Das Gefühl des „Die-Sache-Selbst-in-die-Hand-nehmens“ und Weitermachens. Das scheint mir im Moment der ganze Zauber zu sein. Nicht sitzenbleiben und sich herumschubsen lassen, sondern Vorwärtsbewegen.

Gleich am nächsten Morgen schleiche ich mich auf leisen Sohlen in die Laufschuhe, um Herrn Boykott erst gar nicht aus dem Nachtschlaf zu schrecken. Und nach meinem Läufchen im sonnigen Feld bin ich auch wieder mit der Welt und mir im Reinen.

Manchmal kann man halt nix machen – außer weiter.
Findet auch Frollein Redlich.


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Ein Gedanke zu „[mohrlaufen] Sich regen bringt Segen!

  1. nido00

    Laufen bringt tatsächlich Kopf frei und ich hoffe du bist auf einem nicht allzu langen Weg der Heilung. Und das mit der flüchtigen Kondition ist doch sehr relativ – du läufst immerhin gleich 30 Minuten, das passiert mir auch nicht so schnell nach einer Pause.

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