Archiv für den Monat: Januar 2018

[mohrwandern] S.O.S! Guter Vorsatz in Not!

Als ich mich an diesem jungen Januarmorgen von meiner Schlafstätte erhebe, stoße ich beim Aufstehen mit dem rechten Fuß gegen etwas Weiches auf dem Boden. Ein leises, kraftloses Röcheln dringt an mein Ohr, und auch der linke Fuß fühlt nun ein schlaffes gummiartiges Etwas an der großen Zehe. „Was in Dreiteufelsnamen…?“ Als ich das Licht anknipse, bietet sich meinen müden Netzhäuten ein wahres Schlachtfeld auf dem Holzboden: Da liegen sie, alle meinen guten Vorsätze fürs neue Jahr, saft- und kraftlos und schon fast vergessen. „4-Liter-am-Tag-Trinken“ lugt vertrocknet wie eine alte Dörrpflaume unter dem Papierstapel für die Steuererklärung hervor, und „Ganz-viel-Sport“ windet sich in Krämpfen zwischen den alten Socken. „Mehr-Gemüse-und-Obst“ fächelt sich mit hochrotem Kopf erschöpft Luft zu und auch „Weniger-Internet-mehr-Bücher“ liegt in den letzten Atemzügen. „Viele-schöne-Dinge-erleben“ winkt mir noch einmal schlapp zu und bricht entkräftet zwischen meinen verstaubten Laufschuhen zusammen.

Als ich das Ausmaß der Tragödie erfasse, schwanke ich zwischen Entsetzen und Scham. Wir schreiben gerade mal den 9. Januar und alle meinen ach!-so-guten Vorsätze liegen bereits im Sterben. Wie jämmerlich.

Aber noch ist Polen nicht verloren, denn in den schlappen Vorsatz-Soldaten zu meinen Füßen glimmt offensichtlich zumindest noch ein kleiner Funke Leben – und so beschließe ich umgehende Reanimations-Maßnahmen. Mein Teilzeitjob hat mir heute einen freien Tag beschert, der Herzmann hat ebenfalls frei und es regnet ausnahmsweise mal keine Bindfäden – perfekte Voraussetzungen für eine schöne Wanderung im Umland also. Mit etwas Glück könnte ich damit „Ganz-viel-Sport“ und auch „Viele-schöne-Dinge-erleben“ an den Tropf hängen und neue Kraft einhauchen.

Gesagt, getan – sicherheitshalber kippe ich mir gleich noch ein großes Glas Wasser in den Kopf und stopfe ein Äpfelchen hinterher, damit zumindest „4-Liter-am-Tag-Trinken“ und „Mehr-Gemüse-und-Obst“ bis zu meiner Heimkehr durchhalten. „Weniger-Internet-mehr-Bücher“ hat noch recht rosige Wangen, weil ich mir just gestern noch ausnahmsweise die Nacht mit einem spannenden Thriller um die Ohren gekloppt habe. Dieser Vorsatz überlebt sicher noch ’ne Weile ohne neues Futter.

Wir entscheiden uns für unseren Familienausflug nach kurzer Überlegung unter Berücksichtigung des hochwassergefluteten Umlands für das Traumpfädchen „Sayner Aussichten“ und stapfen los. Das Hundetier springt fröhlich mit untermüdlichem Wedelschweif vorweg und nach den ersten Anstiegen bemerken wir anerkennend, dass die herzkranke und grauschnäuzige Heidi-Dame über deutlich mehr Ausdauer und Energie verfügt als wir beiden Zweibeiner. Selbstredend spricht das NUR für den unerschöpflichen Lebenswillen und die Quirligkeit des Tieres (und für die guten Herzmedikamente) –  und nicht etwa für unseren desolaten Fitnesszustand. Selbst!-redend!

Zauberhafte Aussichten und albernes Gekicher reiht sich in strammem Schritt dicht an dicht mit „Och, jetzt GUCK‘ doch mal wie SÜSS die Heidi ist!“-Ausrufen, und meine moribunden Vorsätze bekommen nach und nach wieder glitzernde Äuglein. Im Anschluß an die Wanderung verspachteln wir einen großen Pott Linsenbolognese, der immerhin Möhren und Sellerie enthält und somit Mr. „Mehr-Gemüse-und-Obst“ ein paar neue Stützrädchen verpasst.

Später am Nachmittag reißt plötzlich die Wolkendecke auf, die Neuwiedropolis seit Wochen in trübes Grau versenkt hat, und entlässt ein Heer von Sonnenstrahlen in die Botanik. „Ganz-viel-Sport“ räkelt sich gestärkt auf seinem Chaiselongue und winkt mir fröhlich zu. Naja – morgen steht ja wieder Arbeit auf dem Programm und nach so ’nem langen, turbulenten Tierheim-Tag bin ich meistens zu müde und brummschädelig für ein Feierabend-Läufchen *). Da könnte ich doch durchaus heute schon ein wenig Futter in die Vorsatz-Vorratskammer schaffen und die Laufschuhe schnüren.

Gesagt, getan. Nach einer flotten halben Stunde durch den abendlichen Forst widerstehe ich jedoch dem Impuls, mir umgehend 4 Liter Gemüsesaft in den Magen zu kippen und die Stunden bis zum morgendlichen Weckerklingeln mit einem Lesemarathon zu verbringen. Man muss ja auch noch was für den Rest des Jahres übriglassen.

*) An dieser Stelle gleich einen charmanten Gruß an diejenigen, die es kaum erwarten können, bei einer solchen Aussage ihr übliches „Also, ICH arbeite ja mindestens 14 Stunden am Tag, versorge danach noch meine 10 Kinder und den Haushalt, baue noch flott 2-3 Häuser, rette die Welt und schaffe es TROTZDEM, jeden Tag noch 25 km zu laufen. Wo ein Wille, ist es auch ein Weg. Man muss es NUR wollen!“ abzudrücken…geschenkt! Ich freu‘ ich mich für jeden, der derart strukturiert, organisiert und energiegeladen ist und alles unter einen Hut bekommt. Wirklich. Nur – ICH schaff’s halt oft nicht. Und da ändert auch so’n selbstbeweihräucherndes Geblubber leider nix dran.


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