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[tierischmohr] Trautes Heim, Pipiglück allein!

…oder „Meine erste Nacht mit Heidi Herrlich“

(Wie man am verschneiten Foto erkennen kann, ist dieser Text schon älter und wäre mit dem „01.01.17“ korrekt datiert. Aber so grundsätzlich und überhaupt ist die kleine Anekdote zeitlos.)

Der ein oder andere erinnert sich bestimmt noch an Halle Berrys tränendurchflutete Dankesrede bei der Oscar-Verleihung, als sie mit verlaufener Mascara in Pandabären-Optik vollkommen überwältigt ihr legendäres „This moment is so much bigger than me“ ins Mikro wimmerte. Genauso hatte ich mir in den vergangenen Wochen den Moment vorgestellt, in dem Heidi Herrlich endlich, endlich nach wochenlanger Vorfreude und haareraufenden Planungen und Überlegungen für immer bei mir einziehen wird.Ich meine..hey – mein erster Hund, ein HUND, ein richtiger Hund mit 4 Beinen und Schwanz und Schnauze und allem Zipp und Zapp! Und das MIR, dem Hundetrottel, der ein Beschwichtigungs-Hundegrinsen nicht von einem drohenden Zähnefletschen unterscheiden kann und keine Ahnung hat, was ein Hund so frisst, braucht, macht und tut.

Ich.
habe.
einen.
HUND!

„This moment is so much bigger than me“. Da kannste aber sicher sein, kannste da!

Aber wie so oft in vielen Belangen macht mir die Realität einen Strich durch die glamouröse Rechnung, denn kein Paukenschlag oder Engelsgesang durchtönt die Luft, als ich die zarte Hundedame über die Schwelle trage untermalt von motivierenden „Ja, das ist jetzt dein Zuhause, ja feeeeein!“-Gesängen zur Haustür hereinschleife. Nun sitzt Heidi auf ihrer Decke, schaut mich mit großen Karamellaugen an und ich denke „Herrje!“ (und, fürs Protokoll, „Herrje“ ist so ziemlich das Gegenteil von ergriffenem „This moment is so much bigger than me“-Gewimmer.)

Herrje. Ob ich das hinkriege und ob ich das alles richtig mache? Ob sie sich in meiner Bude und meinem Leben wohlfühlen wird? Ich weiß doch nix, NIX weiß ich, ich bin doch ein Hunde-Dämel. Herrje. Während ich noch ratlos herrje-end auf die Hundedecke glotze, rollt Heidi sich auf selbiger zusammen, seufzt einmal tief und pennt ein. Na gut, für den ersten Moment scheint’s also nicht so schlimm zu sein hier im Casa Mohr.

Den ersten Tag verbringe ich mit „gucken wie der Hund guckt, gucken ob der Hund noch atmet, Haareraufen, Herrje!-Denken, Hunderatgeber wälzen, Hundeforen studieren und aufgrund dessen erneut Haareraufen und Herrje!-Denken“ – und gegen Abend erschöpft auf der Couch zusammenbrechen. Heidi hingegen wirkt nach einem Tag voller Spaziergänge und gefüllten Futternäpfen trotz permanentem Angeglotzt-Werden ziemlich zufrieden, kuschelt sich auf ihre Decke und streckt alle 4 Pfoten in die Luft.

Nun steht uns die erste Nacht ins Haus, die hoffentlich die ersehnte Antwort auf die Frage aller Fragen bringt – „Klappt das mit der Stubenreinheit?“ Als waschechtes Straßenmädchen ist Heidi die korrekte Benutzung der Freiluft-Hundetoilette vermutlich nicht vertraut, und es ist nun an mir, ihr diese näherzubringen. Ratgebern zufolge soll man ganz besonders am Anfang öfter mit dem Hund rausgehen, damit dieser „sich lösen“ kann – und ihn wie wild loben, wenn er dieses auch getan hat. Ich schnalle Heidi also gegen 21.00 Uhr in ihr Geschirr, stapfe mit ihr hochmotiviert durch die Nachbarschaft und quietsche ekstatisch „Ja, feeeeeeeein, Heidi, FEINES Pipi!“, als Heidi sich zum Pinkeln in den Nachbargarten kauert (vermutlich würde mein Nachbar das weniger „feeeeeeein“ finden, wenn er uns sehen würde, aber hier ist sich heute jeder selbst der Nächste. Wir haben schließlich eine Mission.) Wie empfohlen belohne ich meinen Hund für diese großartige Pissetat mit einem Leckerchen und freue mich nochmals lautstark in aller Deutlichkeit. „Feeeeeein, Heidi – GANZ fein!“

Zum Glück ist es eisekalt, die Straßen sind menschenleer und die Nachbarn haben die Fenster fest geschlossen.

Zurück im trauten Heim befreie ich die leergepinkelte Heidi Herrlich aus ihrem Korsett und beginne, unser Nachtlager einzurichten. Zumindest für die erste Nacht sieht mein streng durchorganisierter Frauchen-Ablaufplan vor, gemeinsam mit dem Hundetier im ebenerdigen Wohnzimmer zu schlafen, damit ich sie im Auge behalten und bei einem sich ankündigenden Pipi-Gate so!-fort! in den Garten bringen kann. Allen Ratgebern nach soll man nämlich akribisch auf „Anzeichen“ achten, die darauf hindeuten, dass der Hund „sich lösen muss“ und ratzfatz reagieren, quasi noch bevor der Hund überhaupt weiß, dass die Blase drängt. Umso schneller läuft dann nämlich die Sache mit der Stubenreinheit, weil das Tier weiß, wo das Geschäfte-Machen erwünscht ist und wo nicht.

Blöderweise habe ich keine Ahnung, wie es aussieht, wenn ein Hund seinen Drang zur Keramik signalisiert. Vermutlich wird Heidi sich keine Zeitung und Klopapierrolle unter die Pfote klemmen und forsch Richtung Badezimmer marschieren, oder lautstark „Ich muss mal!“ brüllen und beinezusammenkneifend hin- und hertrippeln. Während im TV eine schwarz-weiße Miss-Marple-Folge flimmert, beäuge ich das Hundetier. Das Hundetier äugt zurück. „Heidi, musst du Pipi?“ Heidi kringelt sich auf ihr Nachtlager und drückt die Äuglein zu. Na gut. Wohl eher nicht. Zumindest nicht so dringend. Kurze Zeit später tönt leises Schnarchen aus dem unteren Fußbodenbereich in Sofa-Nähe nach oben.

Wer schläft, pinkelt nicht. Soviel ist zumindest sicher.

Ein kurzes Weilchen später zuckt mein Hund im Schlaf und die Pfötchen strampeln aufgeregt in der Decke. Wenn es stimmt, dass das, was man in der ersten Nacht in einem neuen Zuhause träumt, auch wahr wird, dann werden wir wohl in Zukunft ziemlich viel laufen. Oder Kaninchen jagen.

Gegen halb 12 verspüre ich eine leichte Hals-Versteifung aufgrund andauerndem Heid-Anstarrens. Ob wir wohl nochmal rausgehen sollten? Meine Freundin Andrea erzählte kürzlich, dass ihre Neu-Hündin anfänglich immer um 1 und um 4 Uhr in den Garten wollte. Und besagte Neu-Hündin ist vie-hiiiiiel jünger als meine betagte Heidi. Im Alter hat man doch sicher eher mit Blasenschwäche zu kämpfen. „Ach komm, sicher ist sicher!“ Ich springe auf, Heidi schreckt hoch und ich trompete „Wir gehen jetzt Pipi-Maaaaachen!“ Wäre mein Hundetier ein Mensch, würde sie mich wohl fragen, ob ich noch alle Latten auf dem Zaun habe, schließlich waren wir doch vor gerade mal 2 Stunden draußen und so ein Hund ist doch verdammtnochmal keine Pinkelfabrik. Aber da Heidi nicht nur mein erster Hund ist, sondern ICH im Gegenzug vermutlich auch ihr erstes Frauchen bin, hält sie ein derartiges Verhalten unter Umständen für frauchennormal, lässt sich leicht widerwillig erneut ins Geschirr schnallen und zockelt mit mäßiger Begeisterung mit mir mit. Zwei Blocks weiter bin ich zwar komplett durchgefroren, aber Team Herrlich-Mohr hat immer noch keinen Vollzug an der Pipi-Front zu vermelden.

Nix.
Herrje.

Ich entscheide mich für einen Rückzug, was Heidi offensichtlich sehr entgegenkommt. Sie gibt Knie-Gas und flitzt mit Schubrakete zurück zum Haus. Die nächtliche Gassi-Motivation hält sich wohl in Grenzen. Mir soll’s recht sein. Dann schlafen wir halt erstmal ein Ründchen.

Miss Marple ermittelt unterdessen in einem neuen Fall, Heidi fällt umgehend in Tiefschlaf und auch ich döse ein Weilchen latent vor mich hin. Plötzlich vernehme ich ein Rascheln aus der Hunderichtung und sehe, wie Heidi ihr Köpfchen in meine Richtung reckt. Sofort bin ich glockenwach, mein Herz klopft. „Musst du PIPI?!“ Fast automatisch tastet meine linke Hand zur Joggingbuxe, die rechte zum Geschirr. Pipi-Gate. Schnell. Ab in den Garten! Heidi senkt den Kopf wieder auf die Decke, rollt sich ein, seufzt und nimmt ihren leisen Schnarchgesang wieder auf. Puh. Fehlalarm. Meine Lider werden schwer und sinken über die Augäpfel. Da! Wieder ein Rascheln! PIPI! Ich schrecke hoch und sehe mich wieder Aug‘ in Aug‘ mit meinem Hundetier.

Mein Blick fällt zur Uhr – halb 3.

Herrje.

Aber noch bevor ich in die Hose springen kann, schläft die vierbeinige Adelheid schon wieder tief und fest, und mein inneres Blaulicht erlischt. Dieses Szenario widerholt sich gefühlt zwölfzig Mal in dieser Nacht, und während meine Augenringe langsam in allen erdenklichen Blautönen zu schimmern beginnen vor lauter Müdigkeit, drängt sich mir der Eindruck auf, dass so ein Hund an sich vermutlich eher doch nicht stündlich literweise Urin in die Botanik kippen muss. Vermutlich möchte Heidi einfach nur ab und an mal nachschauen, ob ich noch da bin. Oder was das hier überhaupt soll mit diesem „Zuhause“ und dem ganzen Zipp und Zapp.

Vielleicht ist sie auch bloss verwirrt, weil ich sie heute nicht wie üblich vor 17 Uhr zumEinschluß zurück ins Tierheim gebracht habe.

Sicherheitshalber zerre ich das müde Hündchen trotzdem um 5.30 Uhr erneut auf die Straße, und wohl eher aus Pflichtbewußtsein plätschert sie fast resigniert ein minikleines Strählchen auf die Wiese vor dem örtlichen Altenheim, woraufhin ich mir wieder den akkustischen Partyhut aufsetze und mehrere schwersteuphorische „Feeeeeeeeins!“ in die Morgenluft jage.

Der Blick aus den Hundeaugen scheint mir zu sagen „Vorher gibste ja doch keine Ruhe, du komisches Frauchendings!“ Aber ich habe verstanden. An unserem zweiten Abend drehen wir um halb 10 eine letzte Runde durch die Nachbarschaft, ich kuschele mich in mein großes Menschenbett, Heidi in ihr kleines Hundebettchen davor, und so schlafen wir tief und fest bis zum nächsten Morgen. Ganz ohne Pipialarm. Und weil es so wunderbar unkompliziert ist, behalten wir dieses Prozedere dann einfach so bei für die nächsten Wochen. Ist ja auch irgendwie angenehmer als halbstündlich in die Kälte stapfen zu müssen.

Und Heidi denkt sich wohl dennoch mitunter, dass so ein „Frauchen“ schon eine ganz schön merkwürdige Erfindung ist.


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