Enjoy the silence, my ass!

Die vergangenen Wochen im Allgemeinen und die jüngste Woche im Speziellen waren geprägt von einem beinahe unterträglichen “Zuviel”- zuviele Termine, zuviele Pflichten, zuviele Telefonate, zuviele Emails und – man möge es mir verzeihen – deutlich zuviele Menschen.

Mein hehrer Plan, den heutigen sehnlichst erwarteten Samstag in vollkommener kontemplativer Stille und sozialer Eremitage zu verbringen und ein paar Flickarbeiten an meinem löcherigen Nervenkostüm durchzuführen, platzt nur eine Minute nach dem Erwachen durch einen Blick aufs Handy. Es menschelt und pflichtelt und terminelt bereits zu dieser frühen Stunde in unveränderter Frequenz unter der Schlafzimmertür durch.

Einige Frust- und Wutausbrüche später erinnere ich mich der schlauen Worte des berühmten Ultraplatzhirschen Karnazes – ” When all else fails, start running!” – und da zumindest der erste Teil des Zitates aber sowas von zutrifft, suche ich mein Heil in der Flucht in die Einsamkeit des heimischen Forstes. Den drohenden Nervenzusammenbruch im Nacken sause ich mit Bleifuß über die Landstraße, um möglichst unversehrt im Wald anzukommen, bevor sich dieser lauernde Störenfried in mein Genick verbeisst und mich in eine vermutlich ziemlich vernichtende Hysterie herabreißt.

Es gelingt mir zumindest, den Vorsprung zum “nervous breakdown” zu vergrößern, als ich den Waldparkplatz und somit die Startbahn ins entspannende Forstidyll erreiche. Immer noch leicht zittrig trabe ich an, atme tief durch und…stehe vor einer Wand aus knickerbockerbehosten Wandersenioren, und zwar welche von der ganz jovialen und ach!-so-witzigen Sorte. “Watt läufste denn vor uns weg, Frollein?” tönt eins der männlichen Grauköpfchen, untermalt vom Beifall-Lachen seiner filzhütigen Gefolgschaft. Mein Herz pocht. Ich muss weg, ganz schnell. Mir liegt “Fick’ dich, zu Mumie!” auf der Zunge, aber mein strubbeliges Hirn registriert selbst in diesem Zustand, dass dies nicht die passende Entgegnung auf das unschuldig-platte Sprüchlein eines im Grunde vermutlich netten älteren Herrn gewesen wäre. Also  beherzt die obere Zahnreihe blecken, Lächeln vortäuschen und – schneller laufen. Hinfort, hinfort (sonst geschieht ein Mord. Was für ein kecker kleiner Reim.)

Es gelingt mir, die Seniorenbrigade ohne irgendwelche unschönen Zwischenfalle zu passieren und ich atme tief durch…jetzt WIRD sich aber mal entspannt hier, verdammt nochmal! 

Hinter der nächsten Kurve erblickt mein nervös-flackerndes Auge einen Fünfertrupp Reiter, die mit ihren beeindruckend hohen Rössern den Weg weitestgehend ausfüllen und mir den nächsten Stoßseufzer des Tages abringen. Pferde auf schmalen Waldwegen finde ich aus Gründen der persönlichen Bänglichkeit ohnehin nicht allzu beruhigend, aber gleich 5 davon bereiten mir deutliches Unbehangen, zumal eines der Tierchen unruhig hin- und herzuckelt. 

Aber Pferde anschreien und Reiter verprügeln bringt mich in meiner persönlichen Geistesentwicklung vermutlich auch nicht weiter, also trippele ich unter dezenter Ängstlichkeit durch die schmale Gasse, die mir die Reitersmänner und -damen huldvoll gewähren. Das Zuckelpferd legt noch einen Zuckelzahn zu und ich hüpfe sicherheitshalber in den Graben. “Da passiert nix, laufen sie einfach weiter!” ermuntert mich die darauf thronende Reiterin, und ich werde immer kribbeliger. Zum einen laufe ich weiter, wenn ICH das will (verflixt nochmal, hier!) und zum anderen bleibt mir neben dem nervösen Ross gerade mal eine Handbreit Weg, und die Aussicht eines Pferdehufs auf meinen New Balancies stimmt mich nicht gerade fröhlicher. Als ich die Rösserbrigade hinter mir gelassen haben, drängen sich erste Verzweiflungstränchen in die entsprechenden Kanäle. Ich will doch bloss meine Ruhe. Sonst gar nix. Kein Gold, kein Geld, kein IPhone…nur Ruhe. Kann doch nicht zuviel verlangt sein.

“Teeeerapp!” ertönt es hinter mir und die Reiter nähern sich erneut. 

Es.
ist.
zum. 

KOTZEN!

Mit klappernden Hufen im Genick scanne ich die Umgebung panisch nach irgendeinem Trail links oder rechts, irgendeinem von mir aus komplett unpassierbaren Miniwegelchen, dass mir die Flucht ermöglicht..notfalls springe ich durch die Brombeerhecke. Nur weg hier. Rettung naht in Form einer idyllischen Abzweigung, in die ich mich dankbar stürze. Das Hufeklappern entfernt sich und ich atme tief….”Quakquakquak!”- ein Trio pinkgewandter, blondierter Joggerinnen fällt mir von links in den Weg und ihr lautstarkes Geplauder gräbt sich schmerzhaft in meine Gehörgänge.
Verdammtes Kack-Universum, was hab’ ich denn bloss verbrochen, um so bestraft zu werden? Wieso bekomme ich nicht mal 5 Minuten Stille geschenkt? Ich würd’ auch meine Kuscheldecke dafür eintauschen. Und ‘nen Schokokuchen. 

Aber – keine Chance. Die Pink Ladies schwadronieren non-stop in einer Tonlage, die ein Ziehen im hinteren Backenzahn verursacht. Meiner mangelnden Kondition zum Trotze versuche ich mich mit zusammengebissenen Zähnen (“Quakquakquak!” Autsch! Der Backenzahn) an einer Tempoverschärfung und quälend langsam gelingt mir tatsächlich ein Überholmanöver. 

An dieser Stelle würde ich mich am liebsten auf die rechts vom Wege angestapelten Baumstämme hocken und bitterlich weinen, aber dann würde mich die pinke Quakbrigade ja wieder einholen. Oder die Reitersmänner oder die Wanderopas oder…2 Mountainbiker, von denen einer scharf abbremst und mir fröhlich zuwinkt. Verdammt. Der Ralf! Um die Weiterführung unserer Freundschaft nicht zu gefährden, widerstehe ich auch hier dem Impuls, rumpelstilzchenhaft herumzuspringen und “Ich bring’ euch alle um!” zu kreischen. Aber warum in aller Dreiteufelsnamen sind heute ALLE Menschen in MEINEM Wald?! Ralf weiß darauf auch keine Antwort, verabschiedet sich freundlich und mountainbiket sich in Sicherheit. 

Ich manövriere mich noch durch 3 fahrradfahrende Kleinkinder nebst stolzem Vater und gebe auf. Das wird hier heute nix. Der Wald hat Tag der offenen Tür und ich stehe kurz vor ‘nem blutigen Amoklauf, und da ich außer Holzstöckchen und Steinen keine Waffen zur Verfügung habe, wäre dieses Vorhaben ohnehin wenig erfolgsversprechend. 

Als ich nach 14 km komplett unentspannten Kilometern wieder am Auto ankomme (und mich erstmal vorsichtig überzeuge, dass da nicht auch noch plötzlich jemand überraschend auf dem Rücksitz hockt und mir ach!-so-fröhlich zuwinkt!), heule ich mich erstmal gründlich aus und fahre nach Hause. Für den Rest des Tages schließe ich mich einfach im Schlafzimmer ein. Und morgen ist ein neuer Tag.

“When all else fails, start running”…aber manchmal nützt selbst das nix.

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