Klappstulle und Knipse voraus! – Wandernd auf dem WUT

Der Kauf neuer Wanderschuhe (Fritzi) und einer neuen Kompaktknipse (ich) sind ein formidabler Anlass für eine ausgiebige Wandertour – schliesslich muss der Plunder ja ausgiebig unter realen Einsatzbedingungen auf Herz und Nieren, bzw. Sohle und Mikrochip getestet werden. Und damit die Testbedingungen auch wirklich so richtig, richtig “ausgiebig” sind, haben wir uns für den heutigen wettermässig leicht eingetrübten Samstag das erste Teilstück des in Ultralaufkreisen berühmt-berüchtigten “Wiedtalultra-Trails” (kurz und bissig “WUT”) ausgespäht. Eigentlich misst der WUT insgesamt knackige 65 km, aber der Veranstalter hat den Kurs mildtätigerweise in 2 Stücke zerschnitten und diese jeweils als Rundkurs im Netz zur Selbstbedienung dargeboten. Wir haben uns die 28,8 km-Runde vom GPS-Baum gepflückt und erreichen den Startpunkt maximalheiter und mit prallgefülltem Proviantrucksack.

Gleich zu Beginn treibt uns die schwarze Linie auf meinem Forerunner-Display gnadenlos über eine 529%-Steigung (mindestens!) hoch in Richtung Marienhaus. Proportional zu unserem Schweissfluß fließen unsere Herzen über vor Mitleid mit den tapferen WUT-Ultrarecken, die diesen Anstieg gleich zu Beginn als Kaltstart um die Läuferohren gehauen bekommen – bis uns einfällt, dass “die” das ja schliesslich nicht nur freiwillig machen, sondern auch noch Geld dafür bezahlen. Also sind sie allesamt selbst schuld. So.

Wir sind natürlich nicht minder “selbst schuld” und erfreuen uns unerschrocken an ausdauernder Schweissproduktion und einem beherzten Keuchen aus beiden Kehlen sowie zahlreicher idyllischer und uriger Anblicke in der Natur zu unseren Wandersfüßen.

selbstausloeserDer erste Aussichtspunkt mit Blick auf die Neuerburg wird zum Selbstauslöser-Test meines Neuerwerbs genutzt und heureka! – statt rechtsrunter ins beschauliche Wiedtal abzustürzen und uns den Hals zu brechen, gelingt uns posingsicher und wie immer maximalsouverän ein zauberhaftes “Bildnis zweier Wandersfrauen”. Im Falle eines Berufswechsels ins Modellbusiness wäre uns eine steile Karriere sicher. Aber wir ziehen dann doch den Waldweg an sich dem Laufsteg als solchen vor und marschieren forschfröhlich weiter.

Der Kurs führt uns neben laufbequemer Forstwege über abenteuerlich anmumohridylletende Singletrails und wir fragen uns mehrfach beeindruckt, ob es wirklich und ernsthaft und ehrlich jetzt! Athleten gibt, die diesen Weg tatsächlich beim WUT komplett ohne Gehpause durchlaufen. Zum einen ist die Strecke geschickt gespickt mit mit wahrhaft knackigen Anstiegen, über die wir unseren nun auch nicht ganz untrainierten Korpus Marschicti teilweise nur mit Mühe und unter Absingen lauter Japsgesänge hoch- und runterwuchten können – und zum Anderen sind manche Passagen durch Felsen, Wurzeln und Steine so rutschig und unwegsam, dass sie eigentlich nur von Menschen mit einer “Ich will mit Genickbruch im Tal gefunden werden!”-Aufschrift auf dem T-Shirt erklommen werden sollten. Aber die Veranstaltung heißt nun ja bekanntermassen “Ultratrail” und nicht “Hausfrauen-Wellnesstag” und somit wird wohl alles seine Richtigkeit haben, zumal auch die urwüchsigen Kraxelstücke durchaus reizvoll sind n und Spass machen (sofern man den Part mit dem Genickbruch auslässt.)

Hinter mohrgruendem Minidörfchen Namehappichvergessen platzieren wir unsere müden Knochen auf eine windschiefe Holzbank unter einem knorrigen Apfelbaum, und hier wird uns eindrucksvoll bewiesen, dass der Komponist des berühmten Westerwaldlieds durchaus wußte, wovon er schrieb…denn über den Höhen des schööö-hööönen We-he-hesterwalds pfeift der Wind tatsächlich arschkalt und lässt unsere Klappstullen-Klammerfinger flott zu eisigen Griffeln auskühlen. Also fix frisch auf! und weiter, und zwar zackzack! damit die Körpertemperatur möglichst zügig wieder ansteigt. Blöderweise schlängelt sich der Weg ausgerechnet jetzt unschuldig flach durch ein lichtes Wäldlein und so schlottern wir uns frierend voran und hangeln uns bis zum nächsten nicht-so-ganz-aber-immerhin schweißtreibenden Ansteig.

Der WUT-Kurs ist ein kreatives Strick- und Flechtwerk aus den regionalen Wanderrouten Klosterweg, Westerwaldsteig und Wiedweg und wirklich grandios abwechslungsreich. An manchen Stellen haben wir uns jedoch ratlos gefragt, warum ausgerechnet diese oder jene “Trailperle” links oder rechts des Wegesrands nicht mit eingestrickt wurde und stattdessen ein öder Wirtschaftsweg bevorzugt wurde, aber vermutlich isses so, wie uns kürzlich ein Nationalpark-Ranger auf dem Wildnistrail unmissverständlich erläutert hat: “Irgendwie muss man halt von A nach B kommen, da muss man Kompromisse machen!”

Nachdem der Rucksack leergefuttert, die Seelen mit unzähligen schönen Anblicken gefüllt und die Füße müdemarschiert sind, führen uns die letzten Kilometerchen über die Strecke des nicht minder legendären Malberglaufs, der im Sommer zahlreiche Läufertierchen den Berg hochjagt. Auch hier unisono aus zwei Kehlen “Hättest du Bock, da hochzurennen?” “Näh!”

mohrmakroFazit eines langen, fröhlichen und schweisstreibenden Wandertages: Meine Kompaktknipse und ich müssen uns zwar noch ein bißchen besser kennenlernen, aber wir könnten Freunde werden. Fritzis neue Wanderschuhe werden wohl zurück in den Laden wandern und gegen ein größeres Paar ausgetauscht werden müssen. Und ich kann mir nach Abmarschieren dieser Knack-Strecke par!-out! nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die so (!) eine Strecke durchlaufen können.

Aber ich werde dazu bei Gelegenheit mal ein paar der WUT-Finisher in meinem Bekanntenkreis befragen. Und am Ende – wie immer – nur die Hälfte glauben.

2 thoughts on “Klappstulle und Knipse voraus! – Wandernd auf dem WUT

  1. Pingback: Frau Mohr und Herr eTrex – „The Beginning“mohrblog | mohrblog

  2. Pingback: „Einmal Gehirnwäsche, Schneiden und Fönen, bitte“ – Auf dem Wiedtaler Höhenpfadmohrblog | mohrblog

Schreibe einen Kommentar