Wen die Götter lieben…

„Um etwas zu tun, muss man es sehr lieben. Um etwas sehr zu lieben, muss man bis zur Verrücktheit daran glauben.“
Che Guevara


Mein erklärtes Tagesziel für heute lautet: Mir von den Laufgöttern mit Schmackes einen Zacken aus der Krone brechen lassen. Bäm!
Seit vielen Wochen surfe ich nun schon auf der perfekten Laufwelle und beinahe jeder sportliche Ausritt ist ein absoluter Endorphinknaller, egal ob Matsch, Regen, Sonne, Trail, Asphalt, Berg…ich nehm’ alles. Rock’n Roll, Baby.
Nachdem ich vorgestern vollkommen mühelos und ungeplant, dafür aber maximalfröhlich und beschwingt 31 km durch den Wald gerannt bin und dabei nur ein paar gähnende, leise miauende Muskelmiezen in den unteren Extremitäten davongetragen habe, erwarte ich für heute ganz fest ein jämmerliches Ende des Höhenflugs.

Muss ja so kommen. Schließlich bin ich bekanntermassen die Frau mit dem bröckelnden maroden Knochenhaufen unterhalb des Halses, ich kann nicht auf Dauer 60 Wochenkilometer und mehr abrocken ohne dass es irgendwo kracht, knirscht oder mir einfach die Puste ausgeht.

Und um das drohende K.O. perfekt zu machen, habe ich mir für mein Waterloo einen richtig heißen Mittag ausgewählt, mir eine hand-bzw. hirnvoll nervige Kopfschmerzen gegönnt und eine Prise hormonbedingtes Kreislaufgeschwader zugefügt. Let’s get ready to rumble, werte Laufgötter…schlagt ruhig feste zu. Ich bin bereit.

Wild entschlossen wate ich durch die schwülwarme Mittagshitzenwand und tippele zaghaft ein paar erste Laufschritte auf dem dampfenden Waldboden. Läuft. Nach 500 m der erste Extremitätencheck von Bauchnabel abwärts, und… nix. Keine murrenden Muskelmiezen, keine knirschenden Knochen, keine winselnden Sehnen. Gippsjanich! Ich hab’ 71 Wochenkilometer in den Knochen und fühle mich wie ein junges Reh auf Speed, das kann doch hier alles nicht wahr sein. Hat das Universum vergessen, dass ich doch eigentlich eine schnaufende, bröckelige Athletenkatastrophe bin?

Vermutlich lassen sich die Laufgötter gerade im Olymp-Freibad die Sonne auf den Pelz brennen und pfeifen auf meinen hingedonnerten Fehdehandschuh.

Oder lauern heimtückisch hinter der nächsten Kurve, um meinen Übermut gründlich abzuwatschen. Man weiß ja nie.

Aber auch nach einer weiteren Stunde im endorphingeschwängerten Flugmodus ist weit und breit keine Götterdämmerung in Sicht. Ich laufe, schwitze und freue mich. Das sich in dem Haselnusstrauch dem ich vor lauter Begeisterung ein schwungvolles High-Five aufnötige ein bösartiger Brombeerstrauch versteckt und ich anschließend eine Weile damit beschäftigt bin, mir die Dornen aus der schwitzigen Handfläche zu pulen, ist dann wohl ein mehr als angemessener Preis für dieses magische Gefühl der läuferischen Unsterblichkeit.

Ich meine…irgendwas ist ja immer.

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