French fries

Mein Zick-O-Meter steht auf Sturm – es ist schwül und alles nervt. Um meine Stimmung noch rechtzeitig vor dem Abflug nach Prag morgen früh auf “Entspannung” umzuprogrammieren, hilft trotz ungepackter Reisetasche und einem Sack voll Xanthippenlaune nur eins: Ab in den Wald, Hirn und Beine ausschütteln. “When all else fails, start running”, sagt ja auch Mr. Karnazes. Und der kennt sich aus, schätze ich mal.

Meine grenzenlose Empörung angesichts der Tatsache, dass irgendein unwürdiger Wicht gewagt hat, sein Vehikel auf meinen (!) Parkplatz abzustellen, weicht schnell einem massiven Unmut darüber, dass das Kabel meines MP3-Players nervig herumschlackert, meine Schuhe drücken, der linke Strumpf rutscht, die dämliche Sonne bratzelt und der vermaledeite Waldboden einen total (!) unbequemen (!) Laufuntergrund bietet. Alles Scheisse, Deine Elli. Jetzt wäre es ganz grandios, wenn ich einen Mitstreiter hätte, dem ich gnadenlos die Ohren vollnölen könnte, aber nein, mein werter Herr Unter-der-Woche-Laufpartner weilt ja stattdessen lieber seit gefühlen 100 Jahren (mindestens!) im Urlaub und ist fernab jeder Jammer-Reichweite. Pah.

Die ersten 2 Kilometer tun defintiv nicht dass, was sie sollen – meine Beine fühlen sich an, als wären sie falsch in die Hüfte eingehangen und meine Lunge weigert sich, diese feuchten sauerstofflosen Dunstschwaden in West- und Ostflügel zu verteilen. Um mich und meine Lungenflügel zu motivieren, spiele ich innerliche eine pathetische Filmszene nach und jammere flehentlich “Atme, mein Sohn! ATME!” Bei soviel Pathos gibt sich mein Atmungsorgan dankenswerterweise geschlagen und erklärt sich gnädig bereit, mit der Sauerstoffaufnahme zu beginnen. Na bitte.

Hundert Meter vor mir läuft ein kleines Männchen mit leuchtend orangem Shirt durch die Botanik, auf dass ich unvermeidbar nach ein paar Minuten hinterrücks auflaufe. Ich brummele irgendetwas Grussähnliches und vermutlich brummelt das Männchen auch irgendwas zurück, was aber von Sepultura in meinem Kopfhörern überplärrt wird. Mein Versuch, den Überholvorgang einzuleiten (bzw. abzuschliessen) wird von einer Tempoverschärfung des strubbeligen Männleins vereitelt. Also, noch ein paar Schüppen Kohle ins Feuer und….schon wieder zieht der laufende Herr mit. Herrjesses. Das auch noch.

“Sie joggen aber schnell!” schnauft es neben mir aus Richtung des orangen Shirts. Ich gluckse amüsiert und der Herr verkündet mit starker französischer Stimmfärbung “Isch ‘abe noch keine Frau getroffen, die so schnell joggt!”. Ich pruste. “Na, Sie scheinen ja nicht viel rumzukommen.”

Wir kichern beide und traben einträchtig über den dampfenden Waldboden. Im Gegensatz zum Unter-der-Woche-Laufpartner (kurz “UDWL”), der beim Laufen öfter mal unkontrollierte Laute ausstösst die stark an “Bambi im Todeskampf” erinnern und mir jedesmal einen Mordsschreck einjagen, schnauft der orange Franzose zwar lautstark aber gleichmässig wie eine Lokomotive. Dieser Sound hat schon fast meditativen Charakter.

“Isch jogge sonst nie so schnell” pffft, pffft, pffft…”aber Sie wissen ja, wenn eine Mann mit eine Frau joggt, spornt das zu ‘öchstleistung an!” Aha. So also. Von da dann scheint die ‘öchstleistung zum Glück jeden Versuch der Kommunikation zu unterbinden und das Schnaufen wird lauter. Pffft, pffft, pffft…
Lustigerweise entspannt mich dieses monotone Gejapse regelrecht und so langsam sinkt der Zeiger des Zick-O-Meters wieder in den Normbereich. zurück. Lunge voll, Beine schwer, Kopf leer. Eine gute Mischung.

Pffft, pffft, pffft.

500 Meter vor meinem Parkplatz schnauft the Frenchman “Isch ‘öre auf, danke fürs Mitjoggen!” und biegt nach rechts ab. Einige Momente lang höre ich noch ein sich entfernendes “Pffft, pffffft, pfffft” und weg isser. Kopfschüttelnd grinsend stapfe ich zu meinem Gefährt zurück. Sachen gibt’s….
(05.06.12)

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