“Servus, die Wadln” (Bärenfelslauf-HM)

Die Fakten:
1.) Meine rechte untere Extremität ist geschreddert und extrem laufunwillig. Beim normalen Gehen verhält sie sich relativ kooperativ, aber beim kleinsten Wechsel in den Laufschritt stampft sie bockig mit Fasern und Faszien. Um mich als freundliche Chefin meines Körpers zu zeigen, habe ich der Wade widerwillig eine Laufpause versprochen, im Gegenzug dazu erwarte ich dann aber bitteschön, dass nach diesen 1,5 Wochen alles wieder reibunglos funktioniert da untenrum. Quit pro quo, Lt. Rightcalf, eh?

2.) Heute findet der Bärenfels-Lauf statt….der schönste und verrückteste Traillauf den ich kenne. Ich hab’ mich wie blöde drauf gefreut und klammheimlich auch ein paar lange Läufe im stillen Trainingskämmerlein abgerutscht, um zumindest die theoretische Möglichkeit im Sack zu haben, nach einer Runde unter Umständen noch ein bißchen mehr…also wenn’s denn läuft und so. Seid bereit! Immer bereit! You never know, nämlich.
3.) Ich habe die besten Freunde der Welt. Ungelogen. Auf meine zaghafte Frage, ob mein Laufbrother in crime denn eventuell auch den Mini-Trail mit mir wandern würde statt zu laufen, kommt ein promptes “Klar!” – ich bin maximalverzückt, gerührt und fange umgehend an zu packen. Wandern ist ja fast genauso toll wie Laufen.

Ok, ich habe nun wirklich überhaupt nix gegen Regen, im Gegenteil – aber die Tatsache, dass in der Nacht nahezu ununterbrochen allerfetteste Regenstürme gegen mein Hotelfenster geprasselt sind, hält meine Vorfreude doch ein wenig im Zaum. Gerade als ich die Überlegung starte, mich nach dem Frühstück einfach wieder ins Bett zu kugeln und den Bärenfels mal getrost Bärenfels sein lasse, stoppt der Regenfluss schlagartig. Ein Zeichen. Oder Zufall. Egal.

Nachdem ich meinen dröhnenden Schädel (in Ermangelung eines Korkenziehers gab es am Vorabend lecker Billigwein mit Schraubverschluss, autsch!) mit reichlich Ibuprofen zum Schweigen gebracht habe, gilt es die Kleiderfrage zu klären. Langarm, Kurzarm, Weste….lange Shirtarme können ziemlich eklig an langen Fleischarmen kleben, wenn sie nass und kalt werden, wohingegen kurze Shirtarme nicht wirklich wärmen. Und eigentlich ist es eh wurscht, was man anzieht – wenn es so plattert wie in den letzten 12 Stunden, hilft einem im Grunde überhaupt nix mehr.

Nachdem Jo zaghaft ans Türchen geklopft und sich mit blasser Nase eine Schmerztablette fürs Brummschädelchen erbeten hat (ätsch!), einigen wir uns auf Kurzarm+Nasswerden+Furchtbarfrieren. Sounds like a plan. Nun aber los. In einer Viertelstunde ist Start. Während ich panikartig über den Flur rase (“Nur noch mal GANZ schnell zur Toilette!”) fällt mir auf, dass mir untenrum etwas fehlt. Das Schweigen der Wade. Ich bin panikartig gerannt, aber nix hat geziept. Sachen gibt’s. Auf dem Fussmarsch zum Start schweigt der Musculus Gastrocnemius weiterhin beharrlich vor sich hin und ich beschliesse, den Lauf zumindest im Laufschritt zu starten. Ganz langsam. Warmgelatscht bin ich ja jetzt schon und Wandern können wir ja immer noch.

Unkontrolliertes, aber angenehm unaufgeregtes Gewusel im Startbereich, die altbekannten herumschwirrenden Satzfetzen wie “Ach, mal sehen, ich hab’ ja GAR NICHT trainiert…” und “hab’ ja noch den Hintertupfinger-Extrem-Quäl-Ultra in den Knochen, das wird heute bestimmt nix!” (schon klar, ihr Angeber!) geht es dann auch fast pünktlich los und ein bunter Pulk Verrückter setzt sich in Bewegung. Und wir mit. Es läuft. Servus, die Wadln!

Nach 3 km fällt mir auf, dass mein Körper ja doch eigentlich gar nicht wissen konnte, ob die am Frühmorgen eingeworfene Schmerztablette bloss den Billigfusel-Dröhnschädel bekämpfen oder auch Wadenschmerzen überdecken sollte – somit schützt dann wohl auch eine pharmazieproduktbedingte Schmerzfreiheit nicht zwingend vor Überlastungskatastrophen. Datt happich ja jar nicht bedacht. Teufel noch eins – also lieber Vorsicht walten lassen und lieber noch ein bißchen wandern. Passt auch gerade ganz gut ins Konzept, da es auf dem Weg vor uns jetzt steilhangartig nach oben geht und die komplett aufgeweichte Waldboden bloss stolperiges Schlittern statt forschen Laufschritt erlaubt. Meine innere Drecksau jauchzt hochbeglückt auf und stürzt sich ins Matschgetümmel. Petrus reißt erneut die Schleusen auf und entsendet erneut schwallartige Sturzbäche, die zugebenermassen den Spass doch ein wenig schmälern. Ich mag Matsch, ich mag Regen und ich liebe Trails, aber wenn man bei jedem einzelnen Schritt wieder gefühlte 100 m nach hinten rutscht und wie eine übergewichtige Seiltänzerin im Suff herumtaumelt, ist das Vergnügen doch oft eher im mittleren Bereich der Genuss-Skala angesiedelt.

Allerdings, trotz allem – die Streckenführung ist einfach grandios, originell und eigentlich unbeschreiblich – es gibt Punkte, an denen man einfach fassungslos “Iss’ NICHT euer Ernst, oder?” stammelt und sich fragt, welche Art Drogen die Organisatoren wohl eingeworfen haben mögen, um dass, was sich da vor uns auftürmt, tatsächlich als “irgendwie laufbaren Weg” zu deklarieren. Aber – die Wade hält. Die Frisur ist zwar schon seit langem im Eimer und auch die Klamotten sind nicht mehr laufstegtauglich, Wasser tropft von Nase und Kinn und uns klebt der Matsch mittlerweile am Ohrläppchen…aber – die Wade hält.

So langsam würde ich nun aber doch jetzt gerne mal im Ziel ankommen, dieses eierige Herumgeschlittere kostet Kraft, ich bin hundemüde und außerdem ist mir kalt. Und natürlich darf in so einer Situation der Greenhornrunning-Klassiker nicht fehlen: Mein Frohsinnsbarometer sinkt, das Zick-O-Meter steigt und ich finde Jo prompt und schlagartig viel zu fürsorglich und gönnerhaft mit seinen ständigen prüfenden “Isse-noch-da?”-Schulterblicken und seiner rücksichtsvollen ständigen Anpassung an mein Lauf- und Wandertempo. Er hingegen verspürt wohl wenig Lust, sich hysterisch ankeifen und -zicken zu lassen, zieht das Tempo an und verschwindet im Unterholz. Soll er doch. Pah. Doofmann, der.

Blöderweise (“blöd” zumindest für launenhafte Zicken wie mich, die es geschafft haben, ihren stets geduldigen und eigentlich ziemlich leidensfähigen Laufpartner so anzunerven, dass er sich ganz weit ausser Sichtweite verkrümelt hat und die somit mutterseelenallein im nassen Hain dümpeln) haben die sich die Bärenfellers für das letzte Stückchen Strecke etwas ganz besonders Perfides einfallen lassen – eine lange Böschung mit einem hochalpinähnlichem Gefälle, komplett aufgeweicht und ohne den Hauch einer Chance sich irgendwo an irgendwas hochzuhangeln. Ratlos kratze ich an meinem triefenden Schädel. Iss’ ja toll. Auf allen Vieren? Oder was? Aber umkehren wäre jetzt auch blöd.
Ich meine, hey…was ist DAS denn bitte für eine schräge Veranstaltung hier, eh? Man munkelt, dass Orga-Mann Robert Feller wohl folgendes über die Festlegung der Strecke gesagt haben soll: “Och, ich gehe ab und an einfach mal abseits der Wege quer rüber – wenn die Meute dann das erste mal rübergelaufen ist haben wir einen neuen Trail”. Ohne Worte. Ich krabbele wie eine Schildkröte durch den Morast, grapsche nach allem was irgendwie “angewachsen” aussieht und komme wider eigenem Erwarten doch oben an, wo mich Jo unschuldig grinsend in Empfang nimmt. Schadenfroh? Ganz bestimmt. Auch wenn er diese niederen Empfindungen vehement abstreitet.

Vollkommen überraschend materialisiert sich hinter der nächsten Kurve wie eine matschige Fata Morgana der Zielbereich, bzw. die Durchgangsstation für all’ die tapferen Recken, die sich nach diesem Tanz auf dem Irrsinnsvulkan noch eine zweite oder gar dritte Runde haxegeben wollen. Ich hingegen erfreue mich sittsam und bescheiden an unseren 21,195 km, nehme dankbar (grateful, GRATEFUL!! Nur um’s nochmal zu betonen) das andauernde Schweigen der Wade zur Kenntnis und mache mich daran, den Ultras den angebotenen selbstgebackenen und absolut köstlichen Nusskuchen komplett wegzufressen. Selbst schuld, wenn nachher nix mehr da ist. Mehr als 3 Stücke schaffe ich dann aber beim besten Willen nicht, obwohl das Backwerk ausnehmend köstlich ist.

Auf dem Rückweg zum Hotel geben die Wettergötter nochmal alles mit einem fulminanten Wolkenbruch-Endspurt gekrönt von eiskaltem Wind, um jedoch pünktlichst zum Matschwaden-Beweisfototermin den Himmel aufzureissen und uns das Firmament in allerschönstem Blau zu präsentieren. Aber wundern tut mich hier überhaupt nix mehr.

Schlusswort:
1.) Der Bärenfelslauf ist wirklich der allergrossartigste Traillauf den ich kenne, die Organisatoren sind Weltklasse und alles ist so liebevoll organsiert, dass ich mich am liebsten irgendwie in die Feller-Familie einheiraten würde. Aber soweit ich weiss, sind alle dafür in Frage kommenden Plätze belegt und der Nachwuchs ist noch minderjährig und somit unheiratbar. Bleibt mir also nix weiter übrig, als im nächsten Jahr wiederzukommen und wieder mitzulaufen. Und was mich wirklich so richtig, richtig ankotzt: Das es selbst bei so einer genialen Veranstaltung asoziale Arschbacken gibt, die ihre Plastikbecher und sonstigen Müll fernab der Verpflegungsstände in die Pampa schmeissen. Shame on you!
2.) Im Gegenzug dafür, dass ich meine rechte untere Extremität so überraschend kooperativ verhalten hat, bekommt sie jetzt aber ganz wirklich eine ganze Woche Pause. Ohne “Mal gucken ob es doch geht”-Ausnahme. Quit pro quo, Lt. Rightcalf. Und danke. Das war grosses Kino.
3.) Ich hab’ den besten Freund der Welt. Er hingegen hat statt der besten Freundin der Welt bloss eine impulsive, undankbare Zicke bekommen. Das Leben ist halt nicht immer gerecht. Und wie Marilyn Monroe schon so treffend bemerkte: “If you can’t handle me at my worst, you don’t deserve me at my best”. So sieht’s aus.

(15.07.12)

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