Der Ruf der Freiheit

Seit gut 7 Wochen leben meine 2 halbstarken Miezekatzen nun schon bei uns und Tigerdame Frau Schmitz – und obwohl beide “Neuzugänge” ja bekanntermassen über ein Jahr in den geschlossenen Räumen der Katzenhilfe wohnhaft waren, sollten Herr Tiger als ehemaliger Freigänger und Frollein Fritzi als Wildlingsmädchen natürlich irgendwann einmal genau wie Frau Schmitz auch außerhalb der eigenen 4 Wände auf Abenteuerreise gehen dürfen. Dem geneigten Leser wird die Formulierung “irgendwann einmal” ins Auge stechen – denn innerlich habe ich das Thema möglichst weit von mir weggeschoben und darauf gehofft, dass den beiden Miezen der Unterschied zwischen Fenster und Fernseher gar nicht weiter auffällt und sie im günstigten Fall einfach vergessen, dass eine Welt außerhalb meiner Haustüre existiert.

In den letzten Tagen allerdings wurde Frau Schmitz beim Verlassen des Hauses von Beiden immer neugieriger beäugt und hin und wieder streckte mein freches Katerchen seine neugierige Nase ziemlich auffällig Richtung Haustüre – und jedes Mal seufzte ich vor mich hin bei dem Gedanken, dass es nun vermutlich doch langsam Zeit würde, die Jungspunde an Freigang zu gewöhnen. In meiner Vorstellung sah dieses “Gewöhnen” so aus, dass ich beide Miezen jeweils links und rechts ganz mütterlich und achtsam ans Pfötchen nehme und mit ihnen ein paar Schritte durch den sicheren Garten spaziere. Für den Anfang sollten da ja wohl 5 ode 10 Minuten täglich dicke ausreichen und mehr würden meine kleinen Wildfänge ja auch sicherlich überhaupt nicht erwarten. Soweit der Plan.

In der Realität schoss gestern dann allerdings kurz nach 5 Uhr, als ich schlaftrunken den Müll rausbringen wollte, ein plüschiger Pfeil an meinem Bein vorbei an der Haustür hinaus und mein Tigerkater verschwand beinahe lautlos in der morgendlichen Dunkelheit. Fassungslos starre ich hinterher. Mein Tigerchen ist weg! Oh nein.
Leise hangelt sich die Panik an meinen Beinen hoch in Richtung Kehle, und als ich trotz angestrengtem Starren in die Finsternis, konzentriertem Lauschen und säuselnden “Tigerchentigerchentiiiiiigerchen”-Lockrufen keinen Hinweis auf den Verbleib des entfleuchten Katers ausmachen kann, tue ich das, was jeder erwachsene katastrophenerprobte Mensch in dieser Situation tun würde: Ich fange an zu weinen.

Es ist dunkel draußen und so viele fremde Geräusche und bestimmt hat Herr Tiger Angst und versteckt sich und überhaupt, nachher läuft er vor ein Auto oder fällt in den Teich auf dem Nachbargrundstück und überhaupt…ist diese Panikattacke vermutlich größtenteils eine Überreaktion, die der Sommerzeitumstellungs-Müdigkeit geschuldet ist. Das macht die Furcht aber nicht erträglicher. Mein Tigerchen ist weg.

Ich schnappe mir die Trockenfutter-Dose und laufe trockenfutterklappernd und leise “Tigerchentigerchentigerchen”-zischelnd die Straße auf und ab und erfülle mit meiner schlabberigen Schlafanzugshose und der ungekämmten Don-King-Gedächtnisfrisur garantiert jedes Klischee einer verrückten Katzenlady. Frau Schmitz unterdessen findet unseren morgendlichen Spaziergang super, läuft fröhlich maunzend um mich herum und macht unablässig Männchen, um sich ein Häppchen aus der klappernden Dose zu verdienen. Konzentriert schaut sie mit mir hinter jede Mülltonne und in jeden Winkel, aber dass Herr Tiger sich scheinbar in Luft aufgelöst hat, belastet sie offensichtlich nur bedingt. In meiner Not wecke ich den Hausherren und wimmere “Das Tigerchen ist weg!”…worauf jener kurz die Augenschlitze öffnet, “Ach, der kommt schon wieder!” brummelt und sich wieder umdreht. Ich widerstehe dem Impuls, ihm mit der Trockenfutterdose ein Loch in den Kopf zu hauen.

Mit einem lauten “Brrmmmmmm” zockelt der Wagen der Straßenreinigung am Fenster vorbei und versetzt Straße und Haus in dumpfe Vibration. Oh nein. Herr Tiger wird sich vor lauter Angst noch tiefer verstecken und nie-hiiiiemals wieder nach Hause kommen. Unter sturzbachartigen Tränenfluten nötige ich den schnarchenden Hausherrn dazu, umgehend das warme Bett zu verlassen und mir bitteschön so-fort bei der Katersuche zu helfen. Sein dezenter Hinweis auf die Uhrzeit und dass er ja schon eigentlich noch gerne 2 Stündchen schlafen möchte wird von mir gnadenlos niedergeheult. Das Tigerchen ist weg. Da wird der Nachtschlaf zur Nebensache.

Langsam weicht die Dunkelheit einem zarten Dämmerungsansatz und ich habe bereits jeden Stein mehrfach umgedreht und kenne die Rückseiten sämtlicher Mülltonnen der Nachbarschaft, aber immer noch keine Spur von meinem Katerchen. Nachdem ein Hundebesitzer nebst Hund mir schon zum zweiten Mal bei seiner Morgenrunde begegnet, fragt er zaghaft ob er mir helfen könnte (was ich im Nachhinein äußerst tapfer finde, schliesslich bin ich in Schlafkleidung, habe einen irren Blick, brabbele unablässig vor mich hin und wühle hinter fremden Mülltonnen). “Mein Kater ist weg!” heule ich und auf die mitfühlende Frage “Wie lange denn schon?” winsele ich “Seit über EINER Stunde!” “Ach, der kommt schon wieder!” Männer. Alle gleich. “Der kommt schon wieder!” Pah!

Ich ringe dem netten Herren das Versprechen ab, dass er, falls er dem allerallerschönsten Kater der ganzen Welt begegnen sollte, jenen bitte umgehend zu mir nach Hause schicken möchte. Dann heule, schlurfe und klappere ich weiter. Mittlerweile zählt das Tiger-O-Meter satte 1,5 Stunden und immer noch keine Spur von…plötzlich höre ich ein Poltern auf der Treppe und ein dunkler Pfeil schiesst an mir vorbei, der sich im Hausflur zu Fell, Pfötchen und großen Kulleraugen materialisiert und mir fröhlich um die Beine streicht. Da in Extremsituation regelmässig meine katholische Erziehung durchbricht, schicke ich ein Dankgebet an den heiligen Christopherus und knuddele den unschuldig dreinblickenden Kater in Grund in Boden. Meine Güte. Das Tigerchen ist wieder da. Wohlbehalten, in einem Stück, hungrig und extrem gutgelaunt.

Tja.Tigerlauf
So wie es aussieht, hat Herr Tiger nun beschlossen, dass der Zeitpunkt für Freigang gekommen ist und so wie es aussieht, pfeift er auf  “erstmal mit Mutti am Pfötchen durch den Garten zu spazieren”.

Am nächsten Morgen fasse ich mir 5-6 Herzen, atme tief durch, öffne beherzt die Katzenklappe und Sekunden später verschwinden 3 Katzenkörper mit einem fröhlichen Jauchzer in der Dunkelheit. Ich trinke eine Flasche Baldrian aus und lasse mich von einem kompetenten Ärzteteam in ein künstliches Koma versetzen.

Eine knappe Stunde später werde ich geweckt, als die  heimgekehrte Miezenschaft in der Küche mit den Näpfen klappert und nach Frühstück maunzt. Na also. Läuft doch.

(02.04.14)


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3 Gedanken zu „Der Ruf der Freiheit

  1. Joshly

    Man die Männer verstehen uns einfach nicht. Das ist auch ein großer Moment, wenn man die Katzenmeute ziehen lassen muss. Ich hätte auch geheult, wenn mein Katertier einfach so davon geflitzt wäre…

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  2. When the cat is away

    Absolut herrlich!! Ich habe so in mich hineingelacht, als ich diesen Artikel heute morgen im Bus gelesen habe. Musste mich die ganze Zeit zusammenreißen, nicht laut loszulachen und allen dieses Posting vorzulesen.

    “Ich widerstehe dem Impuls, ihm mit der Trockenfutterdose ein Loch in den Kopf zu hauen.” .. und dann wie die andere Katze fröhlich neben dir und der klappernden Dose läuft… Ich könnte mich schon wieder wegschmeißen!

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  3. Pingback: Pfoten weg von meinem Rudel!mohrblog | mohrblog

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