The power of Peter Pan

Der Einzug von Frau “Mühelos” Schmitz ins neue Zuhause verlief seinerzeit wie aus dem Katzenbilderbuch – die Tigerdame hat sich uns nervösen Katzen-Anfängern vorbildlich angenommen und ist direkt fröhlich und schnurrend aus der Transportbox gehüpft um uns zu begrüssen. Vom ersten Tag an scheint es ihr bei uns gefallen zu haben und abends lag sie schon langgestreckt als vierbeiniger Platzhirsch schnarchend auf der Couch.

Das die Eingewöhnung unserer neuen Miezenmitbewohnern vermutlich ein wenig anders verlaufen würde, war mir im Vorfeld schon klar. Herr Tiger wohnte ja nun schon über ein Jahr im Miezhaus der Katzenhilfe und die kleine Wildlingsdame musste sich ja überhaupt erst an Menschen und ein Leben in einem bewohnten Haus mit knarzenden Treppen, klingelnden Telefonen, klappernden Töpfen und säuselndem Radio gewöhnen. Obwohl ich die beiden Samtpfötchen natürlich am liebsten umgehend auf meinen Schoss parken und bis zur totalen Haarlosigkeit niederkraulen würde, ist mir bewußt, dass hier eine für mich gänzlich untypische Geduld vonnöten sein wird. Aber – Leben heißt Lernen – und ich freue mich auf die Herausforderung und die neuen Erfahrungen.

Erwartungsgemäss kommt mir also ausschließlich eine fröhliche maunzende Frau Schmitz entgegengeflitzt, als ich am ersten Abend nach Einzug der Miezen nach getanem Tageswerk das Haus betrete – die beiden “Neuen” liegen zusammengekuschelt ganz tief unter dem Bett ihres Gästezimmers und schauen mich von dort aus mit großen Augen an. Allerdings sind die Futternäpfe blankgeputzt und auch die sanitären Einrichtungen wurden besucht, also scheint die Furcht tagsüber nicht allzu groß gewesen zu sein.

Um die Beiden mit dem Klang meiner Stimme im speziellen und meiner Person im allgemeinen vertraut zu machen und ihnen nebenbei unmissverständlich klarzumachen, dass sie hier in einem höchstintellektuellen Haushalt gelandet sind, werde ich ihnen (bzw. dem Bett) heute abend etwas vorlesen. “Die Abenteuer des Peter Pan” steht auf dem Kulturprogramm – auf englisch, natürlich. Schliesslich sind wir hier nicht bei Hinz und Kunz und so.

Um die Miezen im Versteck nicht zu sehr zu bedrängen, platziere ich mich so weit entfernt wie es in dem kleinen Raum möglich ist, und zwar direkt neben dem Katzenklo. Wenig heimelig und nur mäßig gemütlich – aber was tut man nicht alles. Also schlage ich das Werk auf und bemühe mich um eine möglichst harmonische Stimmlage…”All children, except one, grow up”…

Nach 10 Minuten steckt Frau Schmitz ihre Nase ins Zimmer, befindet mein Gebrabbel aber recht schnell als “laaaangweilig” und verschwindet in Richtung spannenderer Abenteuer in den Garten. Von den beiden neuen Mietern unter dem Bett ist nichts zu hören, noch nicht mal ein leises Atmen oder Rascheln…tapfer trage ich weiter vor…”Wendy knew that she must grow up. You always know after you are two. Two is the beginning of the end”…sehr bedeutsam, wie ich finde. Gefühlte 3 Stunden und mehrere Knoten in der Zunge später vernehme ich ein zaghaftes Schmatzen…Herr Tiger hat angefangen sich zu putzen, was zwar eine ziemliche schnöde Missachtung meines kulturellen Vortrags, aber immerhin ein Zeichen von Wohlfühlen darstellt. Läuft.

Kurze Zeit später schiebt sich ein kleines Tigernäschen unter dem Bett hervor und sein Besitzer guckt neugierig, wer zur Hölle denn da die ganze Zeit diesen unverständlichen Blödsinn von sich gibt. “Oh, die kenn ich doch!” Mit hocherhobenem Schwänzchen kommt der Katzenmann auf mich zugetrippelt, um mir Köpfchen zu geben. Nach ein bißchen Kraulen verwandelt sich Herr Tiger in einen Rollmops und kugelt sich wie ein Gummiball über den Boden und hält mir seinen Flauschbauch zum Streicheln entgegen. Tja, was soll ich sagen. Läuft. Ich bin entzückt. Herr Tiger ist fröhlich, schmusig und scheint sich zu freuen, dass er jetzt hier ist.

Und die Tatsache, dass ihrem Kumpel bislang kein Unglück geschehen ist, seit er sein Versteck verlassen hat, scheint auch die kleine Katzendame zu ermutigen, sich unter dem Bett hervorzuwagen. Zwar ein bißchen ängstlich, aber unübersehbar neugierig schleicht sie in sicherem Abstand zu mir durchs Zimmer und lässt sich sogar huldvoll dazu herab, ein Leckerchen von meiner weit ausgestreckten Hand zu stibitzen.

Ich schliesse zufrieden mein Buch. Jetzt braucht die süße kleine Dame nur noch einen Namen, und dann werden wir mal schauen was die Zukunft bringt.

“Mein noch nicht erreichtes Berufsziel ist es, einen dreiteiligen Roman zu schreiben, über meine Abenteuer!” “Welche Abenteuer?!”
“Ich muss sie erst noch erleben!”
(aus Peter Pan)

(22.04.14)


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