Die Geschichte vom Wortmeer

Dedicated to Mr. Janek S. aus B.
Mit Herzchen!

Mein Lieblings-Ossi Janek hat mir mal eine zauberhafte kleine Geschichte erzählt: Es gibt ein Wortmeer, in dem alle jemals ausgesprochenen Worte herumschwimmen. Die, die am häufigsten benutzt werden, schwimmen ganz oben, die anderen treiben am Grund. Und wenn dann jemand kommt, der ein Wort von ganz tief unten herausfischt und wieder benutzt, dann ist dieses Wort sehr glücklich.

Dieses Märchen packt mich als bekennende Sprachfetischistin ja direkt bei meinem großen Herz für nostalgisch anmutende Worte, und so habe ich mir vorgenommen, an dem heutigen Sonntag mal kräftig im Wortsee herumzuwühlen, ein paar meiner persönlichen Lieblinge hervorzuangeln und glücklich zu machen. Ist ja auch Weihnachten. Wenn nicht jetzt, wann dann.

Die Fahrt mit meiner “neuen” alten italienischen Benzinkutsche gestaltet sich zwar ein wenig eigentümlich, aber nachdem ich den Motor nur 5-6x abgewürgt und sogar in den allermeisten Fällen die richtigen Gänge gefunden habe, rollt das Vehikel mitsamt laufwilligen Human-Inhalt nun auf meinem persönlichen Waldparkplatz ein. Die Wetterpropheten haben für heute Sintflut orakelt und der Kalender hat Winter befohlen, aber die scheinen mich wohl verhohnepiepeln zu wollen – es ist frühlingswarm, neblig und nur ein klitzekleines bisschen feucht. Und ich bin hier in meinem winterlichen Leibchen eindeutig zu warm angezogen.

Mein MP3-Player scheint mir wohl im Zuge des vorweihnachtlichen Großreinemachens verlustig gegangen zu sein (oder – blödere Option – hat mitsamt meinem alten Auto die letzte Reise in die Schrottpresse angetreten), also muss heute wohl das hirneigene Orchester für mich musizieren. Ist ja auch mal schön.

Nach ein paar Kilometern donnert ein Mountainbiker auf seinem Drahtesel hinterrücks an mir vorbei und verpasst mir eine kecke Schlammgarnitur . Sapperlot!, dieser Flitzpiepe würde ich dafür herzlich gerne eine Maulschelle verpassen, aber der Unhold ist viel zu fix aus meinem Blickfeld verschwunden. Das war’s nun mit meinem sonntäglichen adretten Aussehen, und weit und breit kein Regen zum Reinwaschen in Sicht.

Zum Glück beeinträchtigt so eine Schlammpackung die Funktion des Läuferkorpus nicht nennenswert und so laufe ich nach einem weiteren Stündchen frohgemut wieder bei meinem kleinen roten Italiener ein. Während ich auf der Heimfahrt ungewohnterweise mein Autofenster manuell herunterdrehe um den mich umgebenden Schweissdunst in die Freiheit zu entlassen, denke ich mir, dass das Wort “Fensterkurbel” in Zeiten der elektrischen Fensterheber wohl auch bald vom Aussterben bedroht sein wird. Vielleicht findet sich ja ein netter Angler, der dieses Wort mal wieder aus dem Meer herausfischt. Es wäre darüber bestimmt sehr glücklich.

(23.12.12)

Ein Gedanke zu „Die Geschichte vom Wortmeer

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