Die Wettergötter müssen verrückt sein!

Als ich im Frühling mit vorfreudig-zittrigem Finger auf “Absenden” im Anmeldeformular des Pfälzerwaldmarathons klicke, freue ich mich wie eine Schneekönigin darauf, endlich höchstselbst durch diese wunderschönen Bilder zu laufen, mit denen mir Martin seit Jahren in seinem Blog eine lange Nase macht. Zudem liegt der Starttermin so wunderschön im Herbst eingemuckelt, dass ich mir vollkommen und absolut sicher sein kann, dass es kein Hitzelauf werden wird. Mit Hitze kann ich nämlich gar nicht. Ich laufe aus tiefstem Herzen gerne bei strömendem Regen, bei Wind und Matsch und auch Schnee finde ich nicht wirklich dramatisch – aber Hitze? Näh. Kannischnitt. Bäh.

Umso entgeisterter kreische ich durchs Wageninnere, als der Radiomoderator am Mittwoch vor dem Marathon erstmalig begeistert von “bis zu 30 Grad für Sonntag” spricht. DREISSISCH GRAD! Aber Sonntag ist doch Marathon – haben die Wettergötter einen an der Waffel?! Ich fühle mich höchstgradig verschaukelt. Dafür zahlt man also Wettergebühren, hier.

Pfalz1Nachdem ich zwei weitere Tage lang jede Form von Wettervorhersage boykottiert habe, seufze ich tief und füge mich in mein Schicksal. Bitteschön. Der Pfälzerwald wird’s schon richten und ich freu’ mich einfach weiter. Vom Nicht-Freuen wird’s ja auch nicht kühler.

Um dem Wetterdilemma die Hitzekrone aufzusetzen, fällt der Startschuss erst um 10.30 Uhr, was dem glühenden Osram am Firmament ausreichend Gelegenheit gibt, den anwesenden Läufern gleich mal ordentlich auf die Birne zu brutzeln. “Iss’ des e Hitz!” stöhnt Melanie zu meiner Linken und ich kann nur uneingeschränkt beipflichten, während sich erste zaghafte Schweissrinnsale daran machen, meine Kontaktlinsen wegzuätzen.

Wass e Hitz. Püh.

Meine detailliert ausgeklügelte Renntaktik lautet “Beim Startschuss loslaufen und anhalten wenn ich im Ziel bin” und das Pfalz2anvisierte Zeitziel dazu “die Zeit die es braucht um vom Start ins Ziel zu kommen”, und gleich von der ersten Sekunde an liege ich aber sowatt von im Plan. In einer dem Anlass angemessenen albernen Partystimmung rauschen die ersten Kilometer faxenmachend im Affenzahn vorbei und ständig hält mir irgendwer eine Kamera vor die Nasenlöcher. Der Preis fürs Hardcore-Sinnlos-Posing und Heavy-Fratzenschneiding ist uns schon mal sicher.

Martin gibt sich beste Mühe, uns in einem der deutschen Sprache nicht unähnlichem Kauderwelsch mit Insiderwissen über Strecke, Landschaft und Mitläufer zu versorgen, Steffen kümmert sich vollkommen selbstlos ums gesundheitliche Wohl der Sanitäter an der Strecke, Melanie flucht halbherzig auf die Berge und der Pfälzerwald besticht durch wahrhaft blendendes Aussehen. Nach ca. 14 vorbeigerauschten Kilometern frage ich Jo zaghaft nach einer ungefähren Zwischenzeit und bei Verkündigung selbiger wird mir ein wenig blümerant. Eigentlich kann ich doch gar nicht so schnell. Aber uneigentlich geht’s Körper und Geist hervorragend – und für einen absoluten Totalzusammenbruch hab’ ich ja auch später noch genug Zeit. Sind ja noch 28 km. Da geht noch watt, so totalzusammenbruchsmässig.

Zwischendurch erteilt mir Steffen einige interessante Lektion über Mentaltricks beim Ultralauf, die ich dankbar aufschlürfe und unter der Rubrik “Kann man sicher mal brauchen” im rechten Hirnkasten gleich hinter dem Rezept für Donauwellen abspeichere.

Nach einer Weile wird mir der Klumpen aus faxenmachenden Laufgefährten dann doch eine Spur zu präsent. Durch ausgefeiltes Zurückfallen nach vorne und Weglaufen nach hinten erarbeite ich mir genug Armfreiheit und meditative Stille, um die unfassbar schöne Waldlandschaft in ihrer vollen Pracht geniessen und aufsaugen zu können. Noli turbare circulos meos, hier. Und Ruhe im Puff! Nachdem ein paar weitere Kilometer eins, zwei, drei im Sauseschritt vorbeigesaust sind, hat sich der Tross in einen angenehm entzerrten kleinen Läuferwurm entspannt.

Pfalz3Vor mir traben die beiden gelben Shirts von Jo und Martin zwar als visueller Rettungsanker in Sichtweite, aber dennoch weit genug weg um meine schwitzenden Ohrmuscheln nicht akkustisch penetrieren zu können. Und auch der Abstand nach hinten zu Steffen und Melanie lässt meinem Läuferherzchen genug Freiraum, um unbehelligt die Flügel ausbreiten zu können, gibt aber gleichermassen meinem innerlichen Langdistanzen-Angstkarnickel die Sicherheit, dass ich meine Schritte nur minimal verlangsamen muss, um mich wieder in sichere Obhut erfahrener Läufer begeben zu können. Derart mental zu allen Seiten abgesichert freue ich mir unablässig mehrere kindskopfgrosse Löcher in den Bauch über die zauberhaft hübsche Strecke und vollkommene Abwesenheit körperlicher und mentaler Schmerzen.
Voll zen-mässig, das hier, ich bin ja sowatt von total im Hier und Jetzt. Leckofatz!

Nach einer beschaulichen Weile im Hier und Jetzt (aber sowatt von!) beginnt sich der Abstand zu den gelben Shirts zu vergrössern und als sich nach einer langen Kurve die (grandios schönen!) Pfälzerwaldbäume zu einer Sichtachse formieren, stelle ich zu meiner Empörung fest: Die Herren haben sich verpisst! Weg! Fottjerannt!

Höchst ungehalten rohrspatze ich vor mich hin – das sind ja schöne Freunde, sind das. Mich hier einfach so mirnixdirnix mutter- und vaterseelenallein nach 27 Kilometern in der Gluthitze des Pfälzerwalds zurückzulassen, ohne sich vorher auch nur ein (!) einziges (!) Mal durch einen einzigen (!) Blick über die Schulter vergewissert zu haben, dass es mir gutgeht. Ich könnte hier aber mal mindestens tot umfallen, ohne das es auch nur eins der blöden gelben Shirts bemerken würde. Blöde pissgelbe Arschlochshirts, aber wirklich jetzt mal. Tod und Teufel und dreimal schwarzer Kater.

Während ich (innerlich krakeelend) erboste Monologe darüber halte, dass ich hier einfach umknicken und mir die Haxen brechen könnte und mir keiner helfen würde, trete ich auf eine heimtückisch lauernde Wurzel und knicke um. Autsch! Was für ein boshafter Forst, dieser Pfälzerwald. Und ich sach’ noch.

“Also, Frollein” nehme ich mich selbst in Gebet “Du hast jetzt 2 Möglichkeiten – entweder wie ein nerviges Gör jammern und wehklagen weil Dich die bösen, bösen, grossen Männer einfach alleine gelassen haben oder einfach tief durchatmen und weiterlaufen.” Irgendwie klingt Möglichkeit 2 doch deutlich angenehmer und überhaupt, wofür brauche ich gelbe Shirts? Oder gar die Herren, die in den Dingern drinstecken? Laufen kann ich doch wohl alleine, und so läppische 15 Kilometerchen ja schon allemale. 15 km sind weniger als eine große Aubachtalrunde bei mir zuhause, und die geht immer. So sieht’s aus.

Also hüpfe ich beherzt zurück ins Gutelauneparadies, blinzele in die Sonnenstrahlen und bemerke, dass es zur Abwechslung gar nicht mal so schlecht/ bzw. eigentlich sogar mächtig cool ist, mal kein Netz und keinen doppelten Boden in Form von laufenden Motivatoren, Kümmeren oder sonstigen mehr oder weniger duldsamen Begleitungen am Hacken zu haben. It’s time to spread my wings and fly.

Nachdem ich die nächste Verpflegungsstation im Alleingang leergetrunken und mir zusätzlich noch das verbliebene Restwasser über die dampfenden Schädel gegossen habe, türmt sich der rotschimmernde Zauberwald  hinter der allgegenwärtigen “nächsten Kurve” heimtückisch zu einem monströsen Gebirge auf und Petrus dreht nochmal kräftig am Thermostat. Äh! It’s time to spread my wings and…naja..latsch’ dann halt irgendwie da hoch. Sind ja nur noch 9 Kilometer. Weniger als ‘ne normale Feierabendrunde am Schwanenteich. Die rocke ich doch auf einer Arschbacke ab, rocke ich die.

Der Ehrlichkeit halber – mit “rocken” hat das Ganze mittlerweile vermutlich ebensowenig zu tun wie Scott Jurek mit dem Mülheim-Kärlicher-Jedermannslauf, aber iss’ mir wurscht. Bis auf eine den Umständen angemessene Schwere in den unteren Extremitäten und einer gefühlt zentimeterdicken Salzkruste auf der Epidermis habe ich keinerlei Verluste an Körper und Geist zu beklagen, und da kann jetzt auch diese fiese lange Wüsten-Gerade ohne einen Hauch von Schatten und knöchelhohem Sandboden nichts mehr dran ändern. Pah. Es gibt noch ein bißchen Wald, ein bißchen Berg, ein bißchen einsamer Asphalt durch ein Wohngebiet, ein bißchen verwirrtes Verlaufen, eine erfrischende Gartendusche von einem netten älteren Herren und zum guten Schluss ein paar freundliche Passanten, die mir armeschwenkenderweise den rechten Weg in die Messehalle zum Zieleinlauf weisen. Gut, dann laufe ich da halt mal hin, wa?

Pfalz4Minuten später hocke ich mit baumelnder Medaille an der Gurgel colaschlürfend auf dem Boden der Messehalle, zwinkere mir innerlich kokett zu und flüstere: “Frollein, das haste ganz schön gut hingekriegt. Bist schon ‘ne coole Sau. Höhö.”

Zusätzlich zum Metall am Hals gibt es für meine fulminante Leistung die darin bestand, unterwegs nicht tot umzufallen und somit als 3. W35-Teilnehmerin von 3 ins Ziel zu plumpsen, absolut gerechtfertigt und vollkommen verdient auch noch einen monströsen Pokal, den ich huldvoll lächelnd auf der Bühne entgegennehmen darf.

Seit Halle Berrys tränenreicher Oscar-Dankesrede von 2001 warte ich schon auf meine Gelegenheit, mindestens genauso dramatisch mit feucht umflorten Wimpern “Oh my God, this moment is so much bigger than me” in irgendein Mikrofon zu hauchen – aber für diesem Rahmen scheint mir ein derartiges Drama dann doch insgesamt ein wenig überdimensioniert. Wohlweislich hält mir auch niemand ein Mikro vor die Nase, allerdings gibt’s als Entschädigung für die entgangene Möglichkeit einer öffentlichen Totalblamage zusätzlich noch eine Flasche Pfälzer Rotwein.

Beim Krönenden-Abschluss-Pizzamampfen mit Katrin und Daniel von beVegt.de (die sich im Gegensatz zu mir ihre Pokale redlich erkämpfen mussten) tätschele ich mehrfach unauffällig lobend meine Beine, die nahezu schwerelos unter dem Esstisch herumbaumeln. Treppensteigen, Aufstehen, Hinsetzen, Herumzappeln – alles kein Problem. Ich kann das. Und mehr.

„Der ans Ziel getragen wurde, darf nicht glauben, es erreicht zu haben.“
Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916)

Tja, Marie – da haste wohl Recht. Aber Dich hab’ ich heute in meinem Kopf für immer zum Schweigen gebracht. Bäm!

(Fotos: Martin Kölsch – http://pfaelzerwaldlaeufer.blogspot.de/)

(11.09.12)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*