Mens sana in corpore sano

Meine Vermutung, dass der Grossteil der Wettergötter schwerst drogenabhängig und vollkommen unzurechnungsfähig ist, hat sich in den letzten Tag wieder mal bestätigt – an Heiligabendmorgen zeigt das Thermometer satte 15 Grad und ich hüpfte lauthals grinsend in kurzer Sommerbuxe durch sonnendurchflutete Wälder. White Christmas, my ass. Stattdessen lässt der Frühling sein blaues Band wie bekloppt wieder flattern durch die Lüfte, hier.

Irgendwann in den letzten 48 Stunden scheinen die Jahreszeiten das Ruder aber heimlich wieder ein wenig mehr Richtung Herbstgrau herumgerissen zu haben, und so stehe ich heute morgen ziemlich belämmert in meinem sommerlich-dünnen Laufgewand in strömenden Regen und pfeifendkalten Winden. Nach dem ersten Kilometer bin ich bereits klatschnass und sämtliche Extremitäten sind rattenkalt und rotgefroren. Umkehren mag ich aber auch nicht, also muss mein Immunsystem heute halt  mal ‘ne Sonderschicht einlegen.

“Sonderschicht am Feiertag, ERNSTHAFT?” murren meine Abwehrzellen unwillig und reiben sich schlaftrunken die Augen. “Du behauptet doch sonst immer grossmäulig, dass Du NIE krank wirst, wegen Deinem ganzen vollwertigen Pflanzenkörnerfrass. Und weil Du ja so wahnsinnig fit bist wegen Deinem Sport und weil Du nie rauchst und Alkohol trinkst…” Die B-Zellen machen einen Schmollmund und verschränken empört die Arme vor der Brust.

“Kein Alkohol? Das ich nicht lache!” ertönt die aristokratisch näselnde Stimme meiner Leber aus dem Hintergrund “ihr habt ja keine Vorstellung wieviel Wein in den letzten Wochen durch diese scheinheilige Kehle geflossen ist”. “Genau!” quakt meine Speiseröhre vorlaut dazwischen “ich kann bezeugen, ich hab’ eine Strichliste gemacht!”

“Ihr alten Petzen” brumme ich unwillig “gibt’s hier nicht sowas wie organische Schweigepflicht? Naja, vielleicht habe ich hin und wieder ein Gläschen Rebensaft geschluckt, aber mir ging’s halt nicht so gut und  dann noch der ganze Stress….”

“Und nicht nur Wein, sondern auch Schnaps! Hochprozentiges! Und das am Heiligabend!” ereifert sich die Leber weiter “ich musste eine außerplanmässige Nachtschicht einlegen, dabei steht Nachtarbeit nicht in meinem Arbeitsvertrag! Ich werde mich beim Betriebsrat beschweren.”

“Also bitte,” rechtfertige ich mich, während mir das eiskalte Regenwasser in den Nacken tröpfelt und meinen Schulterbereich grossflächig auskühlt “das war doch nur ein einziges Schnäpschen, und auch nur weil ich vorher so viel ge…” “GEGESSEN!” platzt meine Bauchspeicheldrüse besserwisserisch dazwischen “von wegen ‘kein Industriezucker’ und ‘keine gehärteten Fette’, von wegen. Ki!-lo!-weise! Plätzchen und Schokolade musste ich da aufspalten und verarbeiten, und das am Feiertag!”

“Und dann diese ganze fettige Zeugs. Und wer musste da wieder die Drecksarbeit machen? ICH!” krakelt meine Galle zänkisch. “Und mir, mir tut immer noch alles weh!” jammert der Magen dazwischen und reibt sich mit theatralischer Leidensmiene die Schleimhäute.

Ich verdrehe entnervt die Augen. “Ja, ja, schon gut, ich war richtig böse, böse, böse und es gibt für alle einen Extra-Weihnachtsbonus, aber jetzt wäre es mal wirklich zauberhaft, wenn die Herren Abwehrzellen ihren Arsch bewegen würden. Es ist KALT, ich bin NASS und ich hab’ wirklich keinen Bock auf Schnupfen, Erkältung, Grippe, Nebenhöhlenentzündung oder sonstigen Scheiss. Also, hopp, meine Damen und Herren, an die Arbeit!” Maulend räkelt und streckt sich mein verpenntes Immunsystem, gähnt ein letztes Mal dramatisch und startet seine Mission.

Nach getaner Laufarbeit und maximalheisser Dusche besteche ich den aufmüpfigen Anarcho-Organ-Haufen vorsichthalber noch mit einer Lokalrunde heissem Ingwertee, auf Meuterei im eigenen Leib hab’ ich nun wirklich keine Lust. Und Weinflasche und Plätzchendose bleiben heute im Keller. Sicher ist sicher.

(26.12.12)

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