Panta rhei – “Alles ist im Fluß”

Durch mittlerweile bereits jahrzentelang andauerndes Herumwandeln auf Mutter Erde bin ich durchaus an den steten Wechsel der Jahreszeiten gewohnt – aber wenn  mich wie just geschehen der Hochsommer mit Hochdruck ansaugt, bei 40 Grad gründlich durchgart und dann achtlos mitten im nasskalten Herbstregen wieder ausrotzt, dann nehme ich das persönlich. Bei allem Respekt für die Entscheidungsfreiheit der Wettergötter kann es doch nicht zuviel verlangt sein, wenn einem zumindest zwei, drei Tage Eingewöhnungszeit für den Wandel zwischen tropischer Bruthitze und nassfrösteligem Herbstgrau gewährt wird und man nicht plötzlich bibbernd mit dünnem Sommerkleidchen im Novembersturm stehen muss.

Aber “Übergangszeit” war wohl in diesem Jahr leider ausverkauft – aber weil  ich ja sowatt! von flexibel und anpassungsfähig bin, heisse ich halt jetzt hier mal diesen SCHEISSHERBST! aufs Allerherzlichste willkommen, schüttele den Staub aus Wolldecken und Fleecepullis, kaufe Rotwein, Kerzen und Tintenpatronen für den Füllfederhalter. Damit ich besser wachen, lesen, und lange Briefe schreiben kann. Und krame auch gleich die Regenjacke aus dem Schrank, schliesslich steht unruhiges Wandern in den Alleen an, wenn die Blätter fallen, hier. (*)

Höchstherbstambitioniert beginne ich diesen Sonntag gleich mit einem melancholischen Stoßseufzer aus tiefster Brust, als ich statt von vorwitzigen Sonnenstrahlen vom einem ekligen Nebeldunst geweckt werde, der durch meine Vorhänge wabert und mich in die Kissen drückt. (Anm. d. Red. – Da “Nebeldunst” im Allgemeinen keinerlei akkustische Auswirkungen hat, wird die Autorin vermutlich eher vom hysterischen Gekläffe des Nachbardalmatiners aus den Träumen gerissen worden sein, aber wir wollen ja mal nicht kleinlich sein. Dichterische Freiheit und so, ne?) Nachdem ich kurz testweise meine unteren Extremitäten aus der Haustür in den Nebel gestreckt habe, entscheide ich mich zwar inkonsequenterweise gegen lange Buxe und Mütze, packe dafür aber Rachmaninoffs Toteninsel in meinen MP3-Schreihals – wildentschlossen, mich im sicherlich schon nahezu blätterlosen Vorwinterwald von den Berliner Philharmonikern mal so richtig nach Strich und Faden vollklagen zu lassen. (Böse Zungen munkeln, ich neige gelegentlich zu übertriebener Dramatik. Watt’n Quatsch!)

Eine erste leise Irritation stellt sich auf der Fahrt zum sicherlich schon nahezu blätterlosen Vorwinterwald ein – da schleichen sich doch glatt  mehrere dicke Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke. Und der Wald als solcher präsentiert sich überraschend grün, vollbelaubt und weit entfernt von jeglicher Winternackigkeit. Ich wittere Schwindel, Täuschung, Trickserei…hinterhältiges Wettergötterpack, so einfach lasse ich mich nicht an der (nun doch sogar spürbar sonnenstrahlbekitzelten) Nasenspitze herumführen. Ich werde dramatischen Sinfonien lauschen, ich werde unablässig mit schwerem Herbstherzen seufzen, und ich werde einsam in die Tannen gehen.

Jawohl.
Das werde ich.
Ready, steady, sigh!

Da ist es mir auch vollkommen egal, dass die Morgensonne ganz allerliebste goldene Strahlen in den schimmendern Morgennebel zaubert. Ich drehe die Toteninsel lauter und seufze probeweise. Puh. Die zusätzliche Weste hätte ich mir wohl schenken können, so langsam wirds mollig warm unter den High-Tech-Funktionsfasern an meinem Korpus. Feels ja fast like summer, das hier.

Die Berliner Bläser blasen was das Zeug hält, aber so langsam geht mir das Wehklagen in meinen Lauschlappen auf die Nerven. Wenn die Sonne sich über meinem schwitzenden Haupt in Lachkrämpfen windet und der Blätterwald maximalgrün Stimmungslieder säuselt, ist jede Form von selbstauferlegter Herbstdepression einfach unmöglich. Und es ist auch keine Schande, eine Niederlage einzugestehen. Nützt ja nix.

Mein Name ist Daniela – und ich bin ein Herbstdepressionsversager. Die Seufzerei schlägt eh bloss auf die Stimmbänder.

(*) Rainer Maria Rilke – Herbsttag

(02.09.12)

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