Wer wird denn gleich in die Luft gehen?

oder “Richtig Laufen im Winter, Teil 1”


Wenn es daran geht, abgedroschene Klugscheisserweisheiten wie “Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg” oder “Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur schlechte Kleidung” abzusondern, stelle ich mich ja schon mal ganz gerne in die erste Reihe und plärre bei Bedarf auch noch ein “Ich KANN nicht heisst ich WILL nicht!” hinterher. Im Phrasendreschen bin nämlich unangefochtene Königin, und normalerweise treffen diese Weisheiten ja auch wirklich auf alles zu, was Andere tun – nur nicht aufs Laufen im Winter. Beziehungsweise auf MEIN Laufen im Winter – abends, wenn’s geschneit oder schockgefrostet hat und es Eis (alternativ junge Hunde) regnet. Und es kalt und dunkel ist. Das Ganze hat so wenig mit läuferischem Herumtollen auf sonnendurchfluteten Waldwegen zu tun, dass ich mich oft nur unter innerlichem Protest dazu nötigen kann.

So ein vom Grundsatz her ist der Geist zwar auch in den Wintermonaten meistens leidlich willig (und das Fleisch hat in dem Fall sowieso kein Mitspracherecht), aber oft machen mir verspätete oder ausgefallene Züge und nervige Staus und Baustellen auf der abendlichen Heimfahrt zusätzlich zu der vermaledeiten Dunkelheit und Kälte einen dicken Strich durch die Motivationsrechnung. Wenn sich mein müder Korpus dann endlich am heimischen Ofen eingefunden hat und halbwegs aufgetaut ist, möchte er jenen Platz an der Sonne nur ungern wieder verlassen. (Ich weiß, ich weiß…”Wenn man etwas will, dann…” – ach, geschenkt.) Aber ohne Fleiss kein Preis (1 Euro in die Floskelkasse!), und ohne mind. 1-2 Laufeinheiten unter der Woche kein Lockerlaufschwebemodus bei den langen Läufen am Wochenende. Da beisst die Trainingsmaus keinen Faden ab.
Nachdem mir gestern die Heimreise durch sprengwütige Salafisten am Bonner HBF verzögert und mein Stimmungsbarometer auf den Gefrierpunkt getrieben wurde, steht aber für heute unumstösslich LAUFEN auf der Abendordnungsliste. Und wenn die Bundesstrasse komplett in die Luft fliegt oder von Blitzeis eingefrostet wird – no excuses. Verdammt nochmal.
Da die Bürgersteige von Neuwiedropolis derzeit aussehen wie Gotham City nach einem Teestündchen mit Mr. Freeze steht Laufband im Fitness-Studio als Notlösung auf dem Programm.  Die Klamotten liegen bereit, Tee und Musik sind schon eingepackt und nothings gonna stop me now, hier. Ausser meiner extrem genervten Aggrolaune, die aus einem bizarren Arbeitstag resuliert – aber das wird ja gleich besser. Wenn ich erstmal auf dem Laufband stehe und die ersten Kilometerchen abgespult habe wird alles gut. Laufen ist nämlich sowatt von entspannend, bekanntermassen.

Lästiges Baustellengezuckel auf der Straße und kilometerlange Rentnerschlangen an der Supermarktkasse bringen den Zeiger auf dem Stress-O-Meter zum Ausschlagen. Meine Körpertemperatur ist auf gefühlte 10 Grad abgesunken, aber ich rede mir schwerstmotivierend ein, dass mir durch die anvisierte Bewegung in Windeseile warm werden wird. Endlich im Studio eintrudelnd stelle ich entnervt fest, dass die Anzahl der dortigen Laufbänder reduziert wurde und die wenigen verbliebenen Hamsterräder bereits belegt sind – in der imaginären Comic-Blase über meinem Kopf wirbeln Fäuste, Totenköpfe und Bomben in einem wilden Strudel umher und ich könnt’ jetzt echt mal voll abkotzen. Ey! Verfluchter Mistkacklaufbandscheiss, hier. Na gut, dann eiere ich halt noch ein bißchen auf einem dieser SCHEISSFUCKCROSSTRAINER! rum, irgendwann wird ja wohl mal eine Tretmühle für mich freiwerden. Am Ende wird nämlich alles gut. Einatmen. Ausatmen. Boah. Hab’ ich ‘nen Hals.

Ein, zwei, drei, im Sauseschritt, läuft die Zeit…und der Einzige, der nicht mitläuft bin ich. Ich crosstrainere schimpfend vor mich hin und versuche den emsig walkenden (!) älteren Herrn mit Frottee-Stirnband durch einen Laserblick vom Band zu kicken. Oder das schweissüberströmte Jungtestosteron, das könnte jetzt aber echt mal aufhören und den Platz räumen. Und überhaupt haben Jungs in dem Alter zuhause zu hocken, Playstation zu spielen und sich am Hintern zu kratzen statt hier meine Kreise zu stören. Nach einem wilden, erfolglosen Disput mit zwei russischen Riesen über die Nachfolgeregelung an den Fitness-Geräten hab’ ich die Studiofaxen dicke und verlasse selbiges wutschnaubend, nicht ohne vorher dramatisch mit meiner Spindtüre gescheppert und der verstörten Trainerin ein divenhaftes “Nur 4 Laufbänder sind absolut INDISKUTABEL, so kann man NICHT ERNSTHAFT TRAINIEREN!” entgegengezickt zu haben. So. Weisste Bescheid, Schätzelein.

Der Hausherr schreckt panisch zusammen und beginnt hektisch nach seinen Betäubungspfeilen zu suchen, als ich mich unter lautestem Türeknallen wieder im Trauten-Heim-Glück-allein einfinde und empört zeter- und mordiodierend auf das dämliche Wetter, das verkackte Mist-Studio und die verfluchten Laufbandbesetzer schimpfe und dramatisch verkünde, dass ich dann halt jetzt DRAUSSEN laufe, obwohl die Wege samt und sonders spiegelglatt sind. Und wenn es das LETZTE ist, was ich tue. Und dreimal schwarzer Kater.

Natürlich sind Handschuhe und Thermobuxe in der Wäsche und natürlich ist der Forerunner nicht aufgeladen und NATÜRLICH kann ich den MP3-Player nicht finden. Aber ist mir jetzt echt mal sowatt von egal – dann hack’ ich die Ferse halt ab, wenn ich erst Königin bin, muss ich eh nie wieder zu Fuss gehen. Ich geh’ jetzt raus in die Kälte und laufe Amok. Einer muss es ja tun.

Wenn man wie von der Tarantel gestochen losrast, hat das zwei Nachteile (zusätzlich dazu, dass es scheisse aussieht) – mangels Einlaufphase beginnt das grosse Röcheln und Schnaufen schon vorzeitig und man kann natürlich noch schneller auf herumliegenden Eisschollen ausrutschen und hinknallen. Nachdem ich beide Punkte abgearbeitet habe, recke ich ein letztes Mal die Faust in den Nachthimmel unter Abgesang wildester Flüche, atme tief ein (boah, watt kalt anne Bronchien!) und laufe einfach so lange weiter durch die Nacht, bis der Aggropegel sich wieder auf Normalniveau runterreguliert hat, bzw. ich wieder zuhause angekommen bin und mein eingefrorenes Oberschenkelfett am Bollerofen auftauen kann.

Fazit:
1.) Laufen ist ja soooo entspannend.
2.) Sommer ist irgendwie besser als Winter.
3.) 4 Laufbänder sind echt zu wenig. Wenn man ernsthaft trainieren will. So.

(12.12.12)

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