Laufen statt Torte – Happy birthday to me!

20. März. Es ist Frühlingsanfang und als ich realisiere, dass dieses herbeigesehnte Ereignis akkustisch mal wieder durch das leise Prasseln von Regentropfen gegen mein Fenster untermalt wird, würde ich mir am liebsten die warme Decke nochmal weit über die Ohren ziehen. Aber seliges Weiterschlummern ist trotz freiem Tag heute keine Option, denn es ist nicht nur Frühlingsanfang sondern auch mein Geburtstag und heute will ich endlich mal das tun, womit ich schon seit meinem 30. Geburtstag liebäugele – einen Kilometer für jedes Lebensjahr laufen dass ich auf dem Buckel mit mir rumschleppe, zu Ehren mir selbst und als Hommage ans Leben. Und – weil ich’s zusätzlich zu diesem ganzen Pathos-Gedöns einfach nur scheissecool finde, am Wiegenfest statt Torte zu schaufeln 38 km durch die Botanik zu rennen.

Und weil es heute nicht nur junge Hunde, sondern auch nette Menschen regnet, bekomme ich bei diesem Unterfangen trotz extrem ekliger Witterung Gesellschaft von Herrn Gaida, der auch pünktlichst und wie immer maximalfröhlich vor meiner Pforte vorfährt. Leider vermag aber auch die beste Laune das Firmament nicht zu erhellen, und so sind wir nach einem Kilometer bereits nass bis auf die Knochen und Regenwasser-Rinnsale tropfen von unseren Nasenspitzen. Bringt mir den Kopf von Petrus – Frühling ist befohlen!

Stattdessen nimmt der Regen weiter an Fahrt auf und der komplett durchweichte Waldboden droht uns unzählige Male heimtückisch  in sich aufzusaugen, während der Schlamm bis zum Bauchnabel spritzt. Ich bemühe mich frierend um Zweck-Optimismus – “This is trailrunning at his best!” verkündige ich. “At his VERY best” bestätigt Herr Gaida mit ungetrübtem Frohsinn. Blöderweise hat mir das Leben in den jüngsten Tagen seine volleBandbreite wie einen nassen Lappen ins Gesicht geklatscht, und daraus resultierender Schlaf-/Trainings-/Essensmangel sorgt offensichtlich nicht gerade für ein Höchstmass an Fitness und Stärke. Ich bin schläpplich. Und das schon nach 9 Kilometern. Na, das kann ja heiter werden.Nützt aber nix. Im wahren Leben kann man auch nicht einfach stehenbleiben oder ein Taxi rufen, wenn’s beschwerlich wird – da muss man weiterlaufen.

Nach erfolgreicher Besteigung diverser Höhenmeter bemerke ich, dass sich die weiterhin verlässlich plätschernden Regentropfen merkwürdig schimmernd auf meinem schwarzen Shirt abheben….”Verdammt, das ist ja SCHNEE!” krakeele ich empört. “Tatsache!” bestätigt mein Mitläufer überrascht. “Iss ja verrückt!”

Für die nächsten Kilometerchen massiert uns dann also ein Schneestürmchen die Gesichtshaut und zaubert frischrote Wänglein. Nasser geht’s eigentlich eh nicht mehr und die klammen Finger lassen sich eh kaum noch bewegen, also kommt’s jetzt darauf auch nicht mehr an. Blöderweise habe ich mich bei der Schuhwahl fehlentschieden und rutsche vollkommen griplos durch Schnee und Matsch. “Wir sind Trailrunner. Wir mögen das!” bestätigen wir uns in regelmässigen Abständen mantramässig, da können uns auch diverse Offroad-Passagen durchs Unterholz aufgrund verlorener GPS-Kontakte zum Muttersatelliten nicht schocken. Denn…..we are trailrunnners. We love that. Echt jetzt. Pitschenass und zitternd durch den Matsch zu rutschen ist eine der grössten Spässe überhaupt. Auf ‘ne Art. (Ganz ehrlich? NICHT! Aber nützt ja nix.)

Während meine griplosen Laufschuhe mich gelegentlich zu wilden akrobatischen Einlagen nötigen, philosophieren wir ab Kilometer 20 über die jeweiligen Ereignisse in ebenjenen Lebensjahren. Und irgendwie geht’s halt doch immer weiter, obwohl ich mich wie ein nasser Lappen fühle, meine Lunge geschrumpft zu sein scheint und der Schlamm uns zu verschlingen droht. Ab Kilometer 30 drehen sich die Gespräche dann vorwiegend ums Essen, ich träume von heißer Kürbiscremesuppe und wir schwelgen in der Vorstellung, jetzt sofort eine (fleischlose) Roulade mit dicker brauner Zwiebelsoße, Klössen und Rotkohl serviert zu bekommen. Oh Gott, dafür würde ich mir jetzt einen Arm abhacken lassen (da sämtliche Extremitäten eh vollkommen gefühllos vor Kälte und Nässe sind, würd’s wohl auch noch nicht mal weh tun…und was tut man nicht alles für Rotkohl und Klösse!)

Bei Kilometer 38 gibt’s dann Glückwünsche und ein ganz zauberhaftes Geschenk, und so langsam macht sich Erstaunen breit, was doch irgendwie so alles geht. Vor 20 Jahren (=Kilometern) hätte ich niemals für möglich gehalten, dass ich das hier heute auf die Reihe kriege und jetzt bin ich schon 38. Bäm! Blöderweise werde ich aufgrund einem Logikfehler in der Streckenplanung dann sogar noch 44 (mit 1295 Höhenmetern, leckofatz!), aber alles in allem war’s trotzdem ein riesengrosser anstrengender kalter nasser matschiger rutschiger Spass. Auf ‘ne Art.

Und letztlich ist so’n Lauf ja wie das Leben selbst – manchmal pustet einem ein eiskalter Wind um die Ohren, manchmal rutscht man aus und verliert den Halt unter den Füssen, manchmal läuft man in die falsche Richtung – und manchmal steht man im Wald und weiß nicht, wie es weiter gehen soll. Aber wenn man immer nur einen Fuss vor den anderen setzt, bewegt man sich weiter und kommt am Ende irgendwo an. In diesem Sinne – A very happy birthday to me, auf die nächsten 38!

Und ihr da draußen – umarmt heute die Menschen die ihr liebt und feiert das Leben. Oder wie der grandiose Orkan Akpinar zu sagen pflegt:

BAUCHTANZ, IHR SÄCKE!

(20.03.13)

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