The hills are alive

Sich mit wildfremden Männern zu frühester Morgenstunde an einsamen Tankstellen zu treffen, um dann schnurstracks gemeinsam in den finstersten Wald zu rennen, ist vermutlich nicht unbedingt dass, was Sicherheitsratgeber im Allgemeinen befürworten. Andererseits ist der gemeine Ultraläufer erfahrungsgemäss deutlich mehr an der Ausübung seiner Lieblingsbeschäftigung als am Niedermeucheln und Zerstückeln weiblicher Läuferkörper interessiert (und überhaupt versaut man sich mit dieser unnötigen Metzelei bestimmt total die Pace), also bin ich zumindest diesbezüglich vollkommen unbesorgt, als ich an jenem Sonntagmorgen zum Treffpunkt mit meinem Läufer-Blinddate düse. Da stimmt mich der Gedanken an die anvisierten 30 km doch schon deutlich bänglicher, zumal die olle Flockenschlampe Frau Holle des Nächtens wieder vollkommen außer Rand und Band ihre Ruhekissen herumgeschüttelt hat. Meine letzte ultimative Winterkrise mit Heulen und Zähneknirschen ist gerade mal 2 Tage her, die innerlichen Wunden sind noch frisch – und überhaupt sind 30 km sowieso total weit. Echt jetzt.

Aber ein Ultra-Wanna-be muss tun, was ein Ultra-Wanna-Be tun muss, wenn er nicht auf ewig ein Wanna-Be bleiben will – nützt ja nix, also hopp und los. Der Herr wartet schon am Treffpunkt und scheint weder Macheten noch sonstige Mordwerkzeuge in der Funktionskleidung versteckt zu haben, hat aber stattdessen jede Menge kurzweiliger Geschichten über seine erlebten Laufabenteuer im Gepäck.Während ich fasziniert den Schilderungen über das Transcania-Rennen lausche *), fluppen die ersten 10 km im Sauseschritt vorbei. Nach einer Weile fühle ich zwar eine leise Schläpplichkeit in Körper und Geist aufwallen (zumal die Strecke recht angehügelt daherkommt), aber nachdem ich gerade eine anschauliche Schilderung von halb-im-Sumpf-versunkenen Mitläufern in finsterster Nacht, kindskopfgrossen Blasen oder von kraftlosigkeitsbedingten Halluzinationen gelauscht habe, käme mir ein jämmerliches Herumnölen nach 15 pupsigen Kilometerchen in vergleichsweise gemütlichem Forst schon ein wenig affig vor. Also jammere ich halt einfach mal nicht. Bleibt auch mehr Puste zum Schnaufen – Win/Win also.

Nach einer Weile ist tatsächlich auch alles wieder heile-heile-gänschen, sämtliche Anstiege sind erklommen und ich muss meine leise murrenden Knochen nur noch über einen flachen Radweg Richtung Neuwiedropolis schleppen.Der imaginäre Duft der “Diehappichmirjetztverdient”-Pizza in der eiskalten Nase zieht mich verlockend gen Heimat und scheint irgendwo in meinem Kraftvorratskämmerchen noch einen vergessenen Rest Energie aufgestöbert zu haben, denn der Blick auf die Forerunnerin offenbart zeitweilig einen für mich absolut fabulösen 5:30er-Schnitt. “Mann!” krakeele ich empört “aber so schnell kann ich doch gar nicht!” “Na, offensichtlich schon!” schmunzelt mein Mitläufer und ich finde mich selbst im Stillen (und im Lauten, natürlich) so ein klitzekleines bißchen großartig. Ich meine, heureka, horrido und so….immerhin ist das hier mein allerlängster Trainingslauf ever und da waren ja auch ein paar Hügelchen und Schnee – und vor knapp zwei Tagen wollte ich noch mein Läuferherz an der Biegung des Flusses begraben. Und jetzt laufe ich hier einfach so rum und bin sogar fast noch lebendig. Wenn das mal kein Anlass ist, meinem läuferischen Selbstbewusstsein die Sonntagskleidung anzuziehen und die Lackschühchen zu putzen. Und nachdem das spätere Auswerten des GPS-Tracks zu den 30,6 abgespulten Kilometerchen auch noch 620 Höhenmeter offenbart, bekommt das Ego gleich noch ein rosa Schleifchen ins Haar drapiert. Soviel Zeit muss sein. Und jetzt her mit der Pizza!

*) Transwatt? Nie gehört. Da musste ich natürlich neugierigerweise zuhause sogleich Herrn Google befragen, der mich zur entsprechenden Webseite eskortierte, wo unter FAQ lustige Dinge wie “What’s the exact distance? – The race is at least 246 km long, how much longer depends on how many times you get lost.” zu lesen sind. Doll. Sachen gibt’s.

(24.02.13)

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