Time to say goodbye

Bei mir als bekennendem Gewohnheitstier mit übergroßem Hang zur Nostalgie steht Abschiednehmen nicht unbedingt auf der Top-Ten-Liste meiner favorisierten Freizeitbeschäftigungen. Auf einen ganz bestimmten Abschied freue ich mich dennoch jedes Jahr über lange Zeit im voraus – den Abschied von der Wintersaison nämlich. Zwar zeigt das Thermometer unbeeindruckt frostige Temperaturen, aber die Wettergötter orakeln für die kommenden Tage tropische Werte im Plusbereich, die Schneedecke ist bis auf wenige Restfetzen im Untergrund versickert, die Krokusse blühen und die Haselpollen fliegen. Daher beschliesse ich, mich auf meinem heutigen Abendlauf von Väterchen Frost zu verabschieden und den Läuferlenz einzuläuten. Frühling, sog I! Oazopft iss’.

Ein letztes Mal verpacke ich meinen Läuferkorpus ins dicke Thermowinterwams, schlinge die übliche Buffsammlung um den Hals und umwickele Ohren und Stirn mit wärmendem Fleece. Nachdem ich mein Anlitz in eine glänzende Speckschwarte verwandelt habe, verstaue ich den Tiegel mit dem Kälteschutzbalsam im hintersten Winkel der untersten Schublade und schnüffele schon mal sicherheitshalber an der dort hervorgefischten Sonnenmilch aus dem letzten Sommer. Riecht weder muffelig noch ranzig, scheint also einsatzbereit. Ready when you are.

Die kuscheligen Handschuhe, die ich vor einiger Zeit frecherweise von einem Laufpartner einbehalten habe, können nach diesem Abend auch endlich wieder ihrem rechtmässigen Besitzer zugeführt werden, denn ab morgen ist Frühling und da braucht es keine wärmenden Fingerkleider mehr.

Einzig der Winter selbst scheint mit dieser Übereinkunft nicht einverstanden und pustet mir nach dem Verlassen der hauseigenen Bollerofensauna einen unerwartet eisigen Wind durch die Haute Couture und untermalt mein überraschtes “Huch!” visuell durch ein weißes Wölkchen in der Abendluft. Fröstelnd ziehe ich mir den Reißverschluss der Windbreaker-Weste bis unters Kinn und grinse speckwartig grinsend über diesen kümmerlichen Versuch des winterlichen Widerstands. Und wenn du dich noch so sehr sträubst, du frostiger Geselle – dein letztes Stündlein hat geschlagen. Ich bin fertig mit Dir. Aber sowatt von!

(28.02.13)

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