Live, love and run!

Jeder, der schon mal von einer Grippe heimgesucht wurde, kennt wohl das Gefühl, dass während dieses Infekts selbst die allerköstlichste Lieblingsspeise ihren Geschmack verliert und man statt auf Nougatschokolade genauso gut auf Sägespänen herumkauen könnte. Seit einer Weile hat nun meine Seele eine Grippe und selbst Laufen schmeckt nach nichts. Aus Gründen.
Hin und wieder zerre ich mich aus Vernunftsgründen am Schlaffittchen in die Laufschuhe, um zumindest ein kleines Pflichtprogramm abzuspulen, vor allem weil sich der Rennsteig ja nun mal nicht von selbst läuft und ja letztlich alles immer irgendwie weitergehen muss. Ich bewege mich auf der Laufstrecke zwar vorwärts, linker Fuss, rechter Fuss, linker Fuss, aber ich fühle – nichts. Sämtliche Zellen meines Körpers scheinen blind und taub geworden zu sein, mein Herz hat die Vorhänge zugezogen und das Wohnzimmer abgedunkelt. Totenstille in der Herzkammer.

Überraschenderweise hatte der lange Lauf zu meinem Geburtstag eine aspirinähnliche Wirkung auf meine Seelengrippe. Vielleicht muss man einfach mal komplett einfrieren, leiden wie ‘ne Wutz und am Ende wieder auftauen, um wieder gesund zu werden. Vielleicht war’s aber auch einfach nur an der Zeit der Grippe den Stinkefinger zu zeigen…wer weiß das schon. Fakt ist – die 44 km waren Balsam. Für Herz, Körper und Seele. Zusätzlich dazu hat mir das Universum als Geburtstagspräsent einen ganz großartigen Bruder-Ersatz vor die Füsse gespült, über den ich mich riesig freue (und nur fürs Protokoll: In mir steckt genauso viel Old Shatterhand wie in jedem Kerl, jede gegenteilige Behauptung ist zutiefst sexistisch und verachtenswert) und auch sonst schwimmen gerade jede Menge großartiger Menschen um mich herum. Da hat vermutlich am Ende auch die hartnäckigste Grippe keine dauerhafte Chance, also weg mit dem Scheiss.

Nun, wiedemauchsei…heute ist Sonntag. Tag 4 nach dem langen kalten Aspiringeburtstagslauf. Und als ich mich ein wenig schwerfällig von meiner Bettstatt erhebe (Rotwein am Vorabend), fühle ich ein eigentümliches Kribbeln im rechten Fuss…Alter, was ist denn das jetzt schon wieder? Durchblutungsstörung? Der erste Mückenstich des Jahres? Oder gar…Vorfreude aufs Laufen? Leckofatz! Stimmt…so fühlt sich das an, das mit der Freude, jetzt fällt’s mir wieder ein. Yippie-ya-yeah, Tofubacke!

Im Normalfall bemühe ich mich an Laufsonntagen immer um ein möglichst frühes Vogeldasein, um den einsamen unberührten Wurm ganz für mich alleine zu fangen, aber heute ist mir nach möglichst viel Tageslicht, und das gibt’s erfahrungsgemäss in dem diesjährigen Frühling erst in den späten Vormittagsstunden. Und auch wenn mir der eiskalte Wind wenig frühlingshaft um die Nase pustet, reiben sich meine Körperzellen ein wenig überrascht die Augen um sich alsbald bis zur hinterletzten Membran begeistert mit Sauerstoff und Frische vollzusaugen.

Alter Schwede. Wie hat mir das gefehlt, das Leben. Das Lebendigfühlen. Das Fühlen.

Ich laufe in die weit ausgebreiteten blauen Arme des Horizonts und lege mir das Sonnenlicht wie eine wärmende Decke auf die Schultern. Linker Fuss, rechter Fuss. Ich schüttele die Traurigkeit ab wie einen alten Mantel. Kraft strömt durch alle Poren und die Sonne zwinkert mir durch die Baumwipfel kumpelhaft zu “Na, wieder da?”

Das Laufen schmeckt wieder, nach Leben.
Ich bin wieder da.
Endlich.

(24.03.14)

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