Soulfood to go – oder “Wir sind Ultra!”

„Der Geist ist denselben Gesetzen unterworfen wie der Körper: beide können sich nur durch beständige Nahrung erhalten.“
(Luc de Clapiers)

Es gibt Tage, die sollte man auf der Fensterbank trocknen, mahlen, in kleine Tütchen verpacken und als Seelenfutter-Notvorrat für schlechte Zeiten in der inneren Vorratskammer einlagern können. Wenn sowas möglich wäre, dann würde mein gestriger Tag wohl einen kompletten Jahresvorrat für eine 5-köpfige Familie ergeben.

50 km stehen auf dem Plan (in Worten: fuffzisch! Leckofatz, ey!) und erstaunlicherweise lässt diese doch massivst imposante Zahl sowohl mich wie auch Herrn Gaida relativ kalt. 44 “können” wir ja eh schon, und die fehlenden 6 km werden wir wohl auch schon irgendwie abrocken, da simmer nich’ allzu bange. Der perfekt ausgeklügelte und von langer Hand vorbereitete Plan für diesen denkwürdigen Tag lautet: Das Auto bis unters Dach mit Essen und Wechselklamotten vollstopfen, auf ‘nem Waldparkplatz abstellen und dann so lange links und rechts in der Botanik Runden laufen, bis wir Ultras sind. Bäm!

Die erste Runde besteht aus gemütlichen 18 km zum Einschunkeln – keine nennenswerten Steigungen, keine Schwierigkeiten, dafür aber Sonne, Vogelgezwitscher, plätschernde Bäche und säuselnde Baumwipfel. Grandios. Das war also schon mal leicht, und jetzt sind’s ja eh nur noch läppische 32 km. Darauf einen kräftigen Schluck Gemüsebrühe, 5-6 Kekse, ein paar Oat Snacks und weiter geht’s. Mit leichtem Völlegefühl den Berg hoch.

Zum Glück hat Herr Gaida noch eine Tafel Schokolade eingesteckt und damit den drohenden Hungertod elegant abgewendet. Das war knapp. Weiterhin lockerflockig, mühelos und höchst elegant laufend verspachteln wir Schokolade und Sportbeans, kichern gelegentlich albern von uns hin und bewundern die Natur. Und uns selbst, ein bißchen – wir sind nämlich verdammte coole Säue. Damit das klar ist.

Nach gut 29 km erreichen wir die motorisierte Versorgungsstation erneut, stärken uns erstmal kräftig mit allem was der Picknickkorb hergibt, diskutieren die Vor- und Nachteile eines Schuhwechsels, quietschen ein paar Mal vor Begeisterung darüber, dass wir nach fast 30 km noch so viel Energie haben und so irrsinnig gut aussehen und besteigen die dritte Runde. Die eingesteckten Sportbeans futtern wir gleich in den ersten 2 Minuten komplett auf. Sicher ist sicher.

Bei Kilometer 32 oder 33 km geraten wir in ein kleines Dilemma – permanent lachkrampfgeschüttelt beginnen die Bauchmuskeln eine kleine Revolte und so werden Kicherattacken immer öfter mit “Aua, aua, AUA!” begleitet. Blöderweise ist mein Gehirn mittlerweile nahezu komplett sauerstoffentleert, so dass ich wirklich alles zum Totlachen lustig finde….was wiederum meine Bauchmuskeln gar nicht witzig finden.  “What a bother!” wie der Rheinländer sagt. Sämtliche Versuche, eine Art “Kopflachen” zu entwickeln, bei der die Bauchmuskulatur unbeteiligt bleibt, scheitern daran, dass jenes Kopflachen nur ein hysterisch-quiekendes “Hiiiiii” hervorbringt. Und dieses Geräusch (eine Mischung aus gequälter Maus und Vollbremsung eines Autos) dann wieder erneut für Lachkrämpfe sorgt. Aua, aua. Was für ein Teufelskreis.

Nach einer erneuten ausgiebigen Stärkung am Auto gehts auf, auf zu Kilometer 40, auf einer zauberhaften felsigen, moosigen Trailperle, die wir ausgiebig be-aaah!-en und be-oooooh!-en um den erfolgreichen Anstieg am Gipfel umgehend mit ein paar großen Stücken Mandelmarzipan zu feiern. Essen hält ja bekanntermassen Leib und Seele zusammen. Die Laune ist ungetrübt, Knochen und Muskeln murren nur marginal und das hysterische Kopflachen gelingt immer besser. “Hiiiiiii!!” Das Leben ist schön. Und gleich sind wir Ultras. Scheiss die Wand an, wer hätte das für möglich gehalten?!

Eine letzte Futterpause und dann wird’s ernst…nur noch 7 km to-run. Ich wäre ja jetzt wirklich total gerne ehrfürchtig und würde gerne etwas irrsinnig Bedeutsames sagen, aber mein Gehirn hat sich ausgeklinkt und liegt vermutlich im Fresskoma auf der inneren Couch. “Hiiiiiiiii!”

So langsam geht die Puste zur Neige, nur noch 3 km…..”Schkannischmehr, wir reden erst wieder wenn wir Ultras sind, ja?” “Hiiiiii!”

49,4…49,6…49,8….bäm! Fuffzisch! Unfuckingfassbar! Und jede einzelne Sekunde der vergangenen 6:24 Stunden war mühelos. Wir! Sind! Ultra!

Im Zuge der Euphorie gönnen wir uns eine kräftige Dosis arrogante Überheblichkeit und titulieren jeden entgegenkommenden Läufer auf dem letzten “Beine-Ausschlicker-Kilometer” mit wenig schmeichelhaften Attributen wie “Fetter Kurzstreckenjogger” oder “Faule 5km-Sau” und befinden, dass wir mindestens 100x besser aussehen als alle heute hier versammelten Läufer (= “fette Kurzstreckenjogger”) zusammen. Wir sind die Schönsten, die Schnellsten und die Ultrasten. Zumindest für heute.

“Hiiiiiiiiiii!”

(31.03.13)

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