50 km – Me, myself and I

“Mit der richtigen Gesellschaft ist das im Grunde ein einziger lustiger Kindergeburtstag” entgegne ich noch vor wenigen Tagen auf die leicht fassunglose Frage: “50 km? Wie schafft man das denn? Nimmt man sich da für unterwegs’n Buch mit oder was?”

Betrüblicherweise befindet sich meine “richtige Gesellschaft” aber am heutigen Sonntag auf der Hamburger Marathonstrecke, was meinen Trainingsplan nicht davon abhält, mir trotzdem unerbittlich “47 km, langsam (hügeliges Areal)” anzuordnen. Und weil sich die “richtige Gesellschaft” nur schwer ersetzen lässt, laufe ich am besten gleich alleine, und zwar glatte 50 km, das formt ganz bestimmt nicht nur den Körper, sondern auch den Geist. Hoffentlich gehe ich mir selbst nach über 6 Stunden nicht allzu sehr auf die Nerven…und überhaupt, was soll ich mir bloss unterwegs erzählen? Ich weiß doch schon alles, was ich weiß.

Um den Planungsaufwand gering zu halten, packe ich mein Auto wie bereits erprobt mit Fressalien, Getränken und Wechselklamotten für alle Fälle voll, parke und laufe los. Loslaufen kann ich ganz gut, auch alleine…da brauche ich keine richtige Gesellschaft für. 18 km zum Einlaufen, und mir fehlt Herr Gaida ein bißchen. Keine gluckernden Trinkflaschengeräusche in Hüfthöhe, kein elfenhaftes Herumgetänzel in den Steigung, kein empörtes “Der hat doch die TOLLWUT”-Geschrei angesichts eines Wildtiers und überhaupt machen die Überlegungen, was man denn nun wann genau so alles essen könnte, alleine nur halb so viel Spass. Aber nützt ja nix. Und so ‘ne schlechte Gesellschaft bin ich ja nun auch wieder nicht, hin und wieder muss ich sogar über meine eigenen Witze kichern. Das zählt auch.

Am Auto angekommen, schleicht sich doch glatt die erste Sinnkrise an. “Lass den Scheiss sein, steig’ ins Auto und fahr’ nach Hause!” raunen mir meine inneren Stimmen zu, die durchaus zu locken vermögen. Aber nach 18 km abbrechen wäre ja nun wirklich affig. Und die 14 km-Runde die als nächstes auf der Agenda steht mag ich so richtig, richtig gerne leiden. Die Strecke und ich, wir sind best buddies und so. Und vielleicht kann ich ja unterwegs noch ein paar dieser irrsinnig intellektuellen Dinge denken, die man halt so auf langen Läufen denkt, wenn der Sauerstoff fröhlich durch die Hirnwindungen wabert. Zeit genug dafür hätte ich ja zumindest.

Statt die eine Lösung auf alle Fragen des Seins zu finden, beisst sich mein Gehirn dummerweise an komplett unphilosophischem  Mumpitz wie “Du musst dringend neue Kontaktlinsen bestellen wenn Du daheim bist” oder “In diesem Jahr musst Du aber echt mal irgendwas in den Vorgarten pflanzen” fest. Meine Güte, was bin ich doch für eine dröge Laufbegleitung. Zum Glück ist die Strecke unbeeindruckt hübsch.

Durch die noch spärlich bekleideten Baumkronen höre ich die Sirenengesänge meines Autos und beginne verschiedenste Gedankenstränge auszubrüten. Wenn ich jetzt geradewegs zum Auto laufen würde, hätte ich ungefähr 32 km auf der Uhr, was ja nun auch nicht gerade ein läuferischer Pappenstiel ist. Und ganz realistisch betrachtet wird sich die Welt vermutlich auch dann absolut unbeirrt weiterkugeln, wenn Frau M. aus N. hier und heute statt 50 bloss 32 km laufen wird. Der Welt ist sowas nämlich im Grunde scheissegal, die will sich nur drehen, sonst nix.

Andererseits kenne ich mein Inneres nun schon beinahe 40 Jahre und weiß genau, das ein solches Einknicken die Sargdeckel meiner inneren Dämonen wieder anheben wird, die ich gerade erst mühsam begraben habe. Und sobald diese Mistviecher aus ihrem Gefängnis entkommen sind, werden sie mich von Neuem unablässig mit ihrem “Du kannst ja echt NIX, Du Pfeife!” – “Ultramarathon?  Am Arsch, Du Angsthaste, den Rennsteig kannste ja wohl knicken!”-Schmähgeschrei martern. Schwächeln ist also keine wirkliche Option, der 50 km-Sack muss zugemacht werden. Keine Diskussion mehr mit der Hirnrinde.

Während ich also stoisch mit mittelgutschlechter Laune durch den Forst trabe, bemühe ich mich um angemessen positve Gedanken und überlege mir kleine Belohnungen, die ich mir fürs 50 km-Finish gönnen werde. (Das The Great Park überhaupt nicht wie von mir angenommen in meiner Nähe musizieren wird und ich mir den Konzertbesuch somit von der Backe putzen kann, geht mir zum Glück erst später zuhause am Computer auf. Bis dahin zumindest fand ich den Gedanken, mir als Salär für diese Anstrengung selbst eine Konzertkarte zu schenken maximalmotivierend.). Erstmal noch einen Schlenker über den Rheinsteig (denn “hügelig” soll das Areal sein, sprach der Trainingsplan) und dann gibt’s am Auto erstmal ‘nen Kaffee. Lauwarmer Kaffee mit vermutlich inzwischen komplett ausgeflockter Sojamilch drinne, da hab’ ich ja gerade sowatt von Bock drauf.

Nach ein paar plätschernden Bächlein hier und ein wenig Moos und Felsen dort erreiche ich meine mobile Versorgungseinheit und würge die ersehnte Sojakaffeeplörre herunter. So’n Kaffee wirkt ja immer Wunder. Igitt. Nur noch 12 km to go. 12 km gehen nun wirklich immer, da gibt’s aber wirklich keine Debatten mehr. Und wenn erst das Koffein in meinem Blut sein Unwesen beginnt, dann rauschen die lächerlichen zwölf Kilometerchen doch nur so dahin, rauschen die. Heissa, das wird ein Spass.

Ich entledige mich meines Trinkrucksacks und sämtlichem überflüssigen Firlefanzes am Körper und verkleide mich als gemeiner Sonntagsjogger, von denen die Strecke vor allem um diese Uhrzeit massivst bevölkert wird. Da wird dann auch mein mittlerweile doch etwas schlurfiger Gang und mein leicht ermattetes Äußeres nicht weiter auffallen, mit dieser Optik gehöre ich hier quasi zum Rudel.

Und hey, so schlimm ist es doch auch nicht. Es ist im Grunde sogar echt ok, ich bin noch verhältnismässig fit unterwegs, und mir tut nichts wirklich nennenswert weh. Klar ziept’s nach über 5 Stunden überall ein bißchen, aber eher als eine Art homogene Schmerzmasse aus der nichts Bedrohliches heraussticht. Das ist zwar allen in allem kein Grund, gleich vor Läufereuphorie in den Handstand zu springen, aber dennoch…ich bin weit über 5 Stunden gelaufen, mit meinem verqueren Geist als einzige Gesellschaft und hab’ nicht gekniffen, hab mich nicht mit mir selbst verzankt und in Summe bin ich deshalb trotzdem ‘ne ganz schön coole Sau. Gegen Ende zwar eine ziemlich müde Sau, aber das darf ja nun auch so sein.
Geschafft.
Fuffzisch.
Ich.
Leckofatz.
Ich grinse vor mich hin. Wenn ich erst ca. 2-3 Liter zuckerhaltiges Getränk in meinen durstigen Schlund gekippt habe, werde ich bestimmt auch massivst stolz auf mich sein.

50 km – und im Grunde hat’s sogar Spass gemacht.
Auf ‘ne Art.
Kann ja nicht jeder Tag ein Kindergeburtstag sein.

(21.04.13)

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