Das Schweigen der Hasen

Aus dem persönlichen Computerlogbuch von Cpt. Greenhorn
Sternzeit 16.09.2004, 17.30 Uhr:


Gescheitert im Hasenberg


Die Erstbesteigung des Nanga Parbat, die Bezwingung der Eiger Nordwand oder der Gipfelsieg auf dem Mount Everest ohne Sauerstoffmaske – das sind ruhmreiche Leistungen mit denen ein Mensch für den Rest seines Lebens angeben und für ehrfurchtsvolle Blicke am Bergsteiger-Stammtisch sorgen kann – da aber das von mir heute zu bezwingende gigantische Gebirgsmassiv im Koblenzer Stadtwald den wenig furchteinflössenden Namen “Hasenberg” trägt und sich schlecht medienwirksam vermarkten lässt, werde ich wohl auf TV-Interviews, Büchersignierungen, Autogrammstunden und Fanclubs verzichten müssen und meinen Gipfelsieg alleine feiern und beweihräuchern.

Dieser beeindruckende “Hasenberg” ist ein steiler fieser Anstieg von ca. 1 Kilometer Länge, den ich selbst in der Blüte meiner läuferischen Glanzzeit im letzten Jahr nur gehend bewältigen konnte.Tückisch reckt sich “Hasi” auf der 6 km-Runde im Koblenzer Stadtwald nach 2 flachen Kilometern in die Höhe und sorgt für zentnerschwere Beine, die sich auch auf den folgenden milden 3 km kaum abschütteln lassen. Doch heute fühle ich mich heldenhaft und unbesiegbar….den Hasenberg steck’ ich mir heute in die Tasche, und zwar laufend!

Die ersten beiden Kilometerchen geniesse ich als Ruhe vor dem Hasensturm und versuche meinen Kampfgeist und mein Durchhaltungsvermögen durch motivierendes “Tschackatschacka!”-Murmeln zu aktivieren ? Hasi, ich komme! Um mich nicht einschüchtern zu lassen blicke ich dem Feind nicht direkt ins Angesicht, merke aber dennoch nach einigen Metern in den Beinen dass ich nun auf dem garstigen 3. km befinde….es ist STEIL! Es ist monströs…es ist anstrengend….aber verdammt noch mal, heute werd ich zumindest mental die Grünhornflagge auf den Hasenberg-Gipfel rammen! Jawoll! Ein Sauerstoffgerät wäre allerdings gar nicht so schlecht und auch Seil und Haken würde ich jetzt nicht ablehnen – Minuten später sehe ich lustige Schneeflöckchen vor den Augen und höre den Yeti im Unterholz rascheln, meine Beine sind zu Mammutbaumstämmen mutiert und meine Lunge muss ich irgendwo auf dem Weg verloren haben. 

Ich sammele meine letzten Kräfte um Richard aus “The Beach” zu zitieren: “NEIN!! Ich – werde -heute – nicht – sterben!!? Ein oder zwei endlos lange Minuten später merke ich dass ich zwar nicht sterben, den Hasenberg aber auch nicht schaffen werde….meine Beine zittern, meine Lunge glüht, ich packs einfach nicht – 50 Meter vor dem Gipfel! “Gescheitert am Hasenberg” – welch kümmerliche Schlagzeile…..

Geknickt gehe ich die letzten Meter …und als der Nebel in meinem Gehirn sich lichtet, spüre ich wie meine Beine von Beton zu Pudding werden, die Vögel im Stadtwald beginnen wieder zu singen, der Yeti hat sich mitsamt der Schneeflocken verkrümelt – nur der blöde Hasenberg ist nicht bezwungen! Mit wackeligen Gräten falle ich wieder in den Trab, laufe die letzten 3 km zum Auto. Eigentlich wollte ich heute siegreich nach Hause fahren, wie Ben Hur in einem pompösen Streitwagen, stattdessen tuckele ich im rostigen Opel Corsa gen Heimat und schmolle vor mich hin….aber irgendwann, da biste fällig, Du blöder Berg!!

Strecke: 6 km
Dauer: Stoppuhr vergessen (auch das noch!)
Puls: Höher als der Hasenberg selber

Aus dem persönlichen Computerlogbuch von Cpt. Greenhorn
Sternzeit 12.04.2013, 10.00 Uhr (falls es irgendwem entgangen ist: Knapp 8,5 Jahre später!)

Wir befinden uns im Trailrunner-Walhalla, der postmortalen Wohngemeinschaft gefallenener Ausdauerkrieger. Dunstige Nebelschwaden aus Läuferschweiss liegen in der Luft und es riecht nach gebrochenen Knochen, Matsch und Blut. Unzählige vernarbte Läufergestalten in bunten Funktionsleibchen sitzen an langen Tafeln, die sich unter Fruchtriegeln, Bananen und Nussbroten biegen, und stemmen dabei polternd schwere Steinkrüge mit schäumenden Energiedrinks, die sie mit einem Zug leeren. Am Kopf der Tafel thront ein zerfurchter Glatzkopf mit langem Bart, in dem ganze Äste und kleinere bemooste Felsbrocken stecken, und berichtet mit donnernder Stimme von unzähligen Läufen auf schmalsten Pfaden über Gebirgsketten. Andere Tischgäste gröhlen Anekdoten von Sumpfdurchquerungen und ähnlich beeindruckenden Abenteuern in den Dunst und die Höhenmeter fliegen nur so durch den Raum, als plötzlich eine leise Stimme vom Tischende die Siegeshymnen zaghaft durchschneidet: „Ich hab noch nie geschafft, den Hasenberg hochzulaufen!“

Schlagartig herrscht eine fassunglose Stille in der Ruhmeshalle, und die Blicke fallen auf eine blonde Athletin, die mit eingezogenen Schultern peinlich berührt mit ihrem narbenlosen Finger Kreise in den Staub auf der Tafel malt. „Was?“ dröhnt der bärtige Glatzkopf, und seine Stimme tönt wie aus einer 100jährigen Eiche „Du bist am HASENBERG gescheitert?“ „Mjaaa-haaaa“ gibt die Läuferin mit schamesroten Wangen zu „aber, aber…der ist echt total steil und voll hoch und alles. Ich hab’s aber ganz oft versucht, ehrlich!“

„Packt sie an der Windstopper-Weste und dann raus mit ihr in den Staub, wo sie hingehört, die unwürdige Würmin. Kein Hasenberg, kein Walhalla!“

Mit einem lauten Schreckenschrei fahre ich aus meinen durchgeschwitzten Kissen hoch. Im Nacken fühle ich noch die schwieligen Hände meines Tischnachbarn, der mich am Schlafittchen aus der jenseitigen Bude zerren wollte…puh. Nur ein Traum, wenn auch ein verdammt plastischer. Verflixt, da isser wieder, der Hasenberg. Mein persönliches, über Jahre bestens verdrängtes läuferisches Waterloo. Bei dieser putzig klingenden Erhebung handelt es sich um einen ca. 1 km langen Anstieg im nahegelegenen Koblenzer Stadtwald, der auf einem 6 km langen beschaulichen Rundweg lauernd ahnungslosen Waldläufern glühende Lava in Oberschenkel und Lunge pumpt. Seit Anbeginn meines Läuferlebens vor gut 10 Jahren habe ich mich immer mal wieder hochmotiviert an diesem Mistding versucht, um jedes Mal aufs Neue kläglich zu scheitern und mit hängenden Schultern zutiefst gedemütigt den Heimweg anzutreten. Nach gefühlt 68,9 Versuchen habe ich diese Aufgabe dann als „unbezwingbar“ eingestuft und den Zeitpunkt der Erledigung mit „vielleicht im nächsten Leben“ auf der inneren To-do-Liste angegeben. Und überhaupt, wer braucht schon einen pupsigen Hasenberg, wenn er Zugspitzen, Eiger Nordwände und Rennsteige haben kann?

Vor einigen Tagen hat eine muntere Plauderei mit einem Laufkollegen die Hasenleiche jedoch wieder aus meinem Hirnkeller ausgebuddelt. Seitdem treibt mich der Gedanke um, dass es im Grunde schon ein mächtiges Ego-Armutszeugnis ist, dass ich mich selbst als „Endurancegöttin“ belobhudele und mir am liebsten „50km-yes!-motherfucker“ auf die Stirn tätowieren lassen würde, aber nach wie vor nicht ein einziges Mal diesen dämlichen Kackhasenhügel belaufen habe. Dem Vieh muss jetzt endlich ein für allemal das Fell über die Ohren gezogen werden, damit mal endgültig Ruhe ist im Keller. Und da „jetzt“ bekanntermassen der beste Zeitpunkt ist, um Dinge zu erledigen, schreibe ich mir nach dieser nächtlichen Traumheimsuchung die Besteigung der Koblenzer Killernordwand umgehend auf den Wochenplan. Freitag ist Hasentag. Face your fears, jetzt oder nie.

Während ich mich in gewohnter Manier durch den Freitagmorgen trödele, spüre ich eine eigentümliche Unruhe in der Magengegend, die ich nach kurzem irritierten Hin- und Herschieben in der Hirnrinde als „Furcht“ identifiziere. Unglaublich – Frollein „I am the fucking princess of endurance!“ hat Schiss vor einer lächerlichen Bodenerhöhung! Wenn ich nicht so viel Schiss hätte, würde ich ja glatt mal laut auflachen. Geht aber gerade nicht, aus vorgenannten Gründen.

Da seit dem letzten Versuch der Hasenbergbezwingung nun doch schon einige Jahre ins Land gezogen sind und ich grundsätzlich sowieso mit einem recht spärlichen ausgeprägten Orientierungssinn ausgestattet bin, droht mein ehrgeiziges Vorhaben im Vorfeld schon beinahe daran zu scheitern, dass ich partout den doofen Waldparkplatz nicht mehr finde, auf dem ich seinerzeit mehrfach meine designierte Siegeskutsche abgestellt habe. Waren die Bäume damals auch schon so hoch? Der Weg bis zum Parkplatz so weit? Und irgendwo ging’s doch auch mal rechts..oder nicht? Haben diese verdammten Forstarbeiter etwa wieder mal den Wald komplett umgebaut? Aber hinter der berühmten nächsten Kurve entdeckt mein bänglich-nervöses Auge endlich den gesuchten Abstellplatz für Heldinnenvehikel in spe und ich bilde mir sogar ein, einen leisen Hauch von Schande in der Luft wahrzunehmen. Aber eigentlich sollte sich sowas doch nach all den Jahren verzogen haben, ist vermutlich einfach nur der Frühling der hier in der Botanik rumduftet. Oder ich bin verrückt geworden. Möglich wäre beides.

Die Sonne windet sich in Lachkrämpfen aus dem Boden und der Horizont strahlt in allerfeinstem Blau, als ich meine Schuhe schnüre, tief durchatme und mir selbst motivierend auf die eingezogenen Schultern klopfe. „Das packste schon, Frollein. Ist doch bloss’n Berg!“ Genau. Ist doch bloss’n Berg. Berge kann ich, und 50 km kann ich auch und überhaupt bin ich the fuckin’ princess of endurance (für den unwahrscheinlichen Fall, dass ich’s noch nicht erwähnt habe.) Trotzdem würd’ ich jetzt total gerne dieser riesigen Eiche da vorne auf den Schoss springen – ich bin bange und will auf’n Arm. „Herrschaftszeiten, jetzt reiss’ Dich aber mal zusammen!“ Genau. Ist doch bloss’n Berg. Mensch.

Die ersten beiden Kilometer führen über eine Waldautobahn wie aus dem Forstwegjogger-Bilderbuch, mit irrsinnig hohen schlanken Laubbäumen und einer zumindest theoretisch ziemlich imposanten Weitsicht, die mich aber an dieser Stelle nicht wirklich zu imponieren vermag. Meine innere Bangbüx hält mein Gehirn nämlich mit permantem leisen „Aber gleich kommt der Bee-heeerg!“-Gewimmer auf Trab, so dass keine Kapazität für „Strecke-Schönfinden“ oder „Sonne-Geniessen“ übrig ist. Den Wald kann ich schliesslich auch später noch schön finden, der läuft ja in den seltensten Fällen weg. Erst mal den Hasendämon plattmachen. Puh.

Obwohl ich schon unzählige Male über diesen Highway to Hasenhell gehoppelt bin, kommt mir hier alles vollkommen fremd vor. Vermutlich ging es mir damals wie heute und meine Hirnstube hat nicht das kleinste Fitzelchen der Strecke registriert, weil sie vollauf mit „Sich-ins-Funktionshemd-Machen“ ausgelastet war. Ok, ready, steady, go..da vorne geht’s los, ich kann das blöde Anstiegsmiststück schon riechen. Atmen, Frollein, Atmen. Ist doch bloss’n Berg!

Bei Licht betrachtet ist dieser Hügel aber viel mehr als das, er ist mein persönlicher Inbegriff des Scheiterns und erdgewordenes Symbol jener lästigen inneren Dämonen, die ständig penetrant an meinem Ego herumnagen. Durch meine mehr oder minder konsequente Affirmationsknochenarbeit der letzten Monate und die auch die vielen unerwarteten grandiosen Lauferlebnisse gerade in der jüngsten Vergangenheit ist den Mistviechen zwar schon ausgiebigst das zänkische Maul gestopft worden, aber das Stänkerfeld haben sie deswegen noch lange nicht geräumt. Ich fühle, dass ich mein Waterloo hier und heute einfach in einen Erfolg umstricken muss, sonst geben die Arschbacken niemals Ruhe. Die Waldautobahn nimmt zaghaft an Höhe und meine Lunge dezent an Fahrt auf, und ich verfalle sicherheitshalber in ein Tempo bei dem man mir nicht nur die Schuhe besohlen, sondern bei entsprechender handwerklicher Fähigkeit auch gleich ein neues Paar schustern könnte. Mir wurscht, ich bin schliesslich bekanntermassen für neues Schuhwerk immer zu haben – hier zählt nur Durchhalten. Der Hase kriegt auf’s Maul!

Zu meinen Füssen hügelt es munter vor sich hin und in meiner Hirnstube bängelt es entsprechend, aber Lunge und Oberschenkel zeigen sich irritierenderweise nicht im gleichen Maß beeindruckt von der Tatsache, dass da „untenrum“ gerade der furchteinflössende Ego-Genickbrecher meiner frühen Läuferjahre bestiegen wird. Jesusfuckingchrist, warum in Dreiteufelsnamen hatte ich bloss all’ die ganzen letzten Jahre so einen Schiss vor dieser bescheuerten Kackanhöhe? Ist doch bloss’n Berg. Und wenn man sich nicht mit irgendwelchen lächerlichen Panikattacken herumschlägt und das Tempo entsprechend modifziert, dann kommt man da auch hoch. Verdammt – ich bin die fuckin’ princess of endurance, mir kann dieser abgefuckte Dreckshasenberg aber sowatt von den Buckel runterrutschen!

Und auf einmal ist es soweit – Ich! Bin! Oben! Nach gut 8,5 Jahren ist dieses Mistdings endlich bezwungen. Meine Lunge schüttelt amüsiert die Flügel und meine Oberschenkelmuskulatur grinst angenehm durchblutet vor sich hin. Ich bin sprachlos. Dieses unbezwingbare, knüppelharte, furchteinflössende, alptraumerzeugende Koblenzer Gebirgsmassiv…war einfach nur’n Berg. Wenn ich mich fortan schlafen lege, werd’ ich die Hasen nicht mehr schreien hören. Today the Hasenberg, tomorrow the world! Obwohl der Himmel unverändertes Azurblau anzeigt, strömen mir plötzlich Aprilregentropfen durchs Gesicht, die merkwürdig salzig schmecken. Muss wohl am Klimawandel und der Umweltverschmutzung liegen, eine Schande ist das, eine Schande.

osterhaseDie zweite Hälfte der Rundstrecke tänzele ich in alberner Hochstimmung ab und trompete innerlich Wagners Ritt der Walküren in alle Körperzellen. Am Auto angelangt, krakeele ich die Meldung über die erfolgreiche Gipfelbesteigung umgehend an eine handverlesene Auswahl von Mitmenschen, die das jetzt aber mal gefälligst brennend zu interessieren hat, schlürfe einen Schluck Tee aus der Themopulle und entscheide mich spontan, mich gleich nochmal auf den Weg zu machen. Jetzt wo mir kein inneres Panikteufelchen mehr die Sicht trübt, kann ich mir endlich mal den Weg vor dem ach-so-monströsen Hasenhügel genauer anschauen und überhaupt hält doppelt genäht doch immer noch am besten. Auch die wiederholte Gipfelbesteigung ist zwar nicht unanstrengend, steht aber nicht im allerkleinsten Verhältnis zu dem schissigen Brainfuck der vergangenen Jahre. Zur Hölle mit dem Hasenhügel. Ist doch bloss’n Berg.

(12.04.14)

Ein Gedanke zu „Das Schweigen der Hasen

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