Ringelblumensalbe fürs Gemüt

Als ich an diesem Morgen arglos die Augen öffne, züngelt sich vollkommen unautorisiert eine leise Freitagsschwermut an meiner Liegestatt empor, krallt sich an meinen Fingerspitzen fest und kriecht wie ein seufzender Ölteppich über meine Arme in Richtung Herzgegend. Konsterniert reibe ich mir den Restschlaf aus den Augen. Melancholie war doch gar nicht bestellt für heute? Gähnend berate ich mich mit meinen zahlreichen Persönlichkeiten und wir kommen geschlossen überein, die Annahme dieser unverlangt eingesendeten Lieferung zu verweigern.

Offenkundig scheint der Stimmungspaketbote meine Abweisung jedoch nicht richtig erfasst zu haben, denn als ich fröhlich pfeifend meine Benzinkutsche Richtung Laufwaldspielplatz lenke, sehe ich im Rückspiegel erneut die Tristesse mit theatralischer Leidensmiene auf dem Interieur kauern und mir mit mattem Händchen zuwinken. Beinahe mitleidig winke ich zurück – netter Versuch, Herzchen, aber bei mir haste heute sowas von keine Chance. Kannste knicken. Zum einen haben sich die Wettergötter kürzlich in einem Anfall extraordinärer Kreativität dazu entschieden, den Zeiger von “Winter” ohne Umweg über “Frühling” direkt auf “Sommer” zu schieben, und zum anderen habe ich mein Stimmungsbarometer in schweißtreibender Hirnarbeit auf “heiter” eingepegelt, ohne Option auf Trübsal.

Sobald meine Füsse Waldbodenblut geleckt haben, wird jede Erinnerung an Schwermut jedweder Art sowieso umgehend aus der Hirnrinde gekickt und mit Bildern zart angrünender Bäume im Sonnenmantel mit bunt gepunkteten Blütenvorlegern überklebt. Milde Lenzdüfte schlagen hohe Wellen im Luftmeer um mich herum, und während ich breitgrinsend Waldautobahnen durchpflüge und Trampelpfade behüpfe, freue ich mich zum vermutlich 458. Mal in meinem Läuferleben wie eine Frühlingskönigin darüber, wie zuverlässig und nachhaltig so eine ausgiebige Waldwandlerei doch die Seele streichelt. Zugegeben, winterliche Laternenläufe in abendlicher Dunkelheit gehen mir des öfteren schon mal mächtig auf die Kopfnüsse und lassen die inneren Euphoriesensoren eher vor Unwillen als vor schierer Begeisterung brummen, aber so ein Flug durch den lichten Morgenwald ölt die Hirnwindungen besser als Schokolade, Rotwein und Punkrock zusammen.

Zurück vom Trailtrip scanne ich das Innere meines Autos sowie das nähere Umfeld sicherheitshalber dennoch gründlich auf Spuren der morgendlichen Herzschwere, aber das Mistviech scheint sich wohl aus Frustration über seine unerwünschte Anwesenheit im örtlichen Ententümpel ertränkt zu haben. Möge es dort in Unfrieden ruhen.

(19.04.13)

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