Waldkamille gegen Übertrailung

Als ich am “Tag 1 nach 7-Hill-Thrill” meine Blechkutsche parallel zu Vater Rhein gen Arbeitsstätte lenke, zucken meine Waden beim Anblick des bedrohlich aufragenden Drachenfelsens im Morgennebel panisch auf und meine Oberschenkel ducken sich ängstlich ins Polster. “Keine Angst” beruhige ich das bängliche Gewebe “heute nicht.” No mountains please, we are nämlich ganz schön feddisch und bis zur Halskrause mit Muskelmiezen bepackt.

Zwei Tage später sind aus den fauchenden Muskeltigern mauzende Kuschelkätzchen geworden, und den unteren Extremitäten gelüstet nach fröhlicher Waldwandlerei zur läuferischen Resozialisierung. Angesichts der örtlichen Hügel, die sich zaghaft in sattem Frühlingsgrün vor meinem Auge auftürmen, und der sich geschmeidig windenden Trampelpfadschlangen fühle ich mich wie nach 2-3 Tafeln meiner Lieblingsschokolade – es war wirklich köstlich, aber nun ist erstmal genug. Ich bin bergundtrailsatt. Heute will ich einfach nur mit den Lunargilde-Tanzschühchen über kuschelweiche Forsttrottoirs pflügen und weder Anstiege erklimmen noch wurzelige Felspfade durchflattern.

Ein paar Kilometer später, die hauptsächlich vom Durchbrechen geschlossener Kegelclubwanderer-Blockaden und Umtänzeln weinschorleseliger Möhnenvereine gezeichnet sind, dämmert mir die Erkenntnis, dass der 1. Mai augenscheinlich nicht unbedingt der günstigste Termin für einen beschaulichen Ausflug auf flachen Waldautobahnen ist. Akkustisch untermalt wird diese Erleuchtung durch markig-originelles “Hopp, hopp, hopp!” seitens der Wandererfront oder, bei Truppen mit höherem Promillegrad, auch gerne durch ein lallendes “Mädschen, gätz lauf doch nisch vor unssss weeeg, wir sinn doch ssso nätt!”

Misantrophachtigall, ick’ hör Dir trapsen. Da hilft nur die Flucht nach oben – also Tanzschuhe gezurrt und husch, husch, links den Hügel hoch, auf steilstem Weg fort von diesem lärmenden Wandererkroppzeugs. Aus “husch, husch” wird zwar muskelkatarrhhalber eher ein ächzendes “uff, uff”, aber als Belohnung finde ich die oberen Waldautobahn-Etagen vollkommen menschenleer vor. Da lacht das Herz.

Der Forst präsentiert sich in fast unwirklichen Farbrausch, fast so als hätte sich ein Photoshop-Anfänger erstmals an Kontrastschieber und Sättigung versucht. Links und rechts des breiten Wellnessweges raunen mir die Trampelfpade ihre Sirenengesänge zu und wedeln verheissungsvoll mit Wurzeln und Steinchen, aber ich mag nicht. Ich bin trailsatt, ich mag kein Blatt. Mäh, mäh, mäh. Weg mit euch, Hügelgesocks.

Einzig dem Orkantrail kann ich nicht widerstehen, dummerweise vergessend dass dieses Zuckerstückchen in der Nähe einer örtlichen “Trinksporthalle” (nein, kein Mythos. Sowas existiert tatsächlich) wieder auf den Hauptweg mündet, und so schlage ich direkt aus meiner entspannten Waldeinsamkeit mitten im prallen Bierseligkeitsleben-mit-Grillwoscht auf. Autsch. Das gibt blaue Flecken auf der Netzhaut. Schnell noch ein paar menschliche Bollerwagenzugpferde überholt (“Hopp, hopp, hopp!” Mensch, watt hammer jelacht) und schnurstracks in den Fluchtwagen gesprungen.

Nach einer ausgiebigen Warmwasserberieselung und dem gewohnt halbherzigen Dehnprogramm bemerke ich zufrieden, dass die nervigen Muskelkätzchen endlich von meinen kontraktilen Organen abgelassen haben und sämtliche Extremitäten wieder im vollen Bewegungsradius zur Verfügung stehen. Einzig ein leichtes Bergvöllegefühl in der Gehirnmagengegend ist übriggeblieben, aber auch das ist sicher bald verdaut. I’ll be back.

(01.05.13)

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