“It’s just a perfect day, I’m glad I spend it with you” – 50 km Westerwaldlauf

Es ist Donnerstag, 09.05.13, der Kalender verkündet “50 km Westerwaldlauf” und ich werfe routiniert und maximalentspannt einen Riesenberg Proviant in meinen Korb, schmeisse mich in meine Lauf-Haute-Couture und düse vergnügt gen Rengsdorf. In Erinnerung daran, wie FOSCHTBAR aufgeregt ich im letzten Jahr angesichts der unfassbar lang erscheinenden 33 zu laufenden Kilometer war, schmunzele ich leise in mich hinein.

Nervosität? Wegen 50 km? Nicht die Bohne.
Hibbelige Vorfreude? Aber sowatt von. Rock’n Roll, meine Herrschaften.

Im Vorfeld haben sich Herr Gaida als erfahrener Mehrfachfuffziger, Sascha und Martin als Ultradebütanten und ich als Testosteronbremse-und-“Am-Berg-wird-gegangen!”-Mahnmal locker verabredet, um den Lauf gemäss dem Swingerclub-Motto “Alles kann, nichts muss” gemeinsam zu starten. Erstmal zusammen loslaufen und dann gucken, wie es läuft. Oder wie es geht, wahlweise. Denn, am Berg wird..ach, erwähnte ich ja bereits.

Im Startbereich tummeln sich viele alte Bekannte und es wird erstmal nach allen Seiten kräftig gekreischt, geknuddelt und geblökt und unser “Swinger-Team” findet sich auch flott zusammen. Die wichtigsten Fragen (“Was hast’n Du so alles an Essen dabei?!”) sind schnell geklärt und los geht die Reise in den Oh-Du-schönen Westerwald. Der Frühling lässt nicht nur sein blaues Band endlich durch die Lüfte flattern, sondern hat offensichtlich sämtliche verfügbaren Farbeimer großzügig über der Landschaft ausgekippt – leuchtend gelbe Löwenzahnwiesen und Rapsfelder, neongrüne Wälder und Wiesen, knallblauer Himmel mit dramatischen Wolkenklecksen und goldglitzernde Sonnenstrahlen. Farbrausch galore – oder anders gesagt: Ich glaub’ ich rast’ aus, ey. Geiler Scheiss!

Beim Westerwaldlauf wird in jedem Jahr eine neue Strecke von fleissigen Helferlein zusammengestrickt, und in diesem Jahr war das Garn wohl ganz besonders edel. Im Westerwaldgemischtwarenladen gibt es heute alles, was das Läuferherz begehrt – filigran gewebte Singletrails durch natürliche Waldkunstkalerien, großzügig breite Waldautobahnen, angenehm bekömmliche Up- und Downhills, und zwischendurch ein paar öde Asphaltpassagen durch penetrant-nach-kuh-müffelnde, mehr oder minder beschauliche Dörfchen. Letzteres vermutlich mit vollster Absicht der Organisatoren als eine Art natürlicher Tranquilizer für endorphinberauschte Läuferhirne, damit hier keine Sicherungen rausknallen. Zu schön ist ja auch nix.

Auf einem ganz besonders hübschen Singletrail quer durch den Auenwald würde ich am liebsten alle 3 Jungs mitsamt Traildog Bonni vor lauter Glück mit Schmackes an meine Brust pressen und nie wieder loslassen. Da sich das Weiterlaufen als kuschelnder Trailhippieklumpen aber technisch etwas schwierig gestalten würde, meine Arme vermutlich eh zu kurz für derartige Klammergriffe wären und ich die Herren zudem nicht vor Erreichen des 25 km-Bergfestes verschrecken möchte, begnüge ich mich, in 5-minütlichen Abstand “Ich liebe euch!” zu quietschen und ein wenig vor mich hinzukichern.Auch nach intensivem Nachdenken fällt mir absolut nichts ein, was ich just in diesem Moment lieber tun würde, als mit exakt diesen 3 Menschen nebst Hund durch exakt diese Landschaft zu laufen. Über exakt diesen Pfad durch exakt diesen Wald. Nichts. “Ich liebe euch!” “Ja, ja…wir dich auch.” Klingt zwar nicht wirklich überzeugend, tut meiner Verzückung aber keinen Abbruch.

Einzig Petrus scheint sich durch unsere unfassbar gute Laune und das unablässige Gelächter (bzw. in Saschas Fall: das unablässige zarte Anheben beider Mundwinkel) in seiner Feiertagsruhe gestört zu fühlen und droht uns ziemlich eindringlich mit dramatischen, tiefschwarzen Wolken. Auch wenn dieses eindrucksvolle Arrangement in Ergänzung zu den gelbbetupften Grasteppichen sich wie eine Gemälde von Caspar David Friedrich vor unseren Netzhäuten erstreckt, sorgt der Gedanke an 23-klitschnasse-Kilometer-to-go nur für mässige Begeisterung. Zumal die Wettergötter zusätzlich mit leichten Winden provozieren, die unter Umständen unangenehm an nasser Funktionskleidung zerren könnten. Wir entscheiden uns nach kurzer Beratung (“Braucht einer ‘ne Regenjacke?” “Nee, keinen Bock!” “Aber ‘ne Kartoffel würd’ ich nehmen” “Och ja, was Essen wäre super!”) die Situation einfach mannhaft hinzunehmen und lassen uns widerspruchslos kurz und knackig einregnen .

Der Sauerstoff und die berauschende Farbfülle ist allerdings stärker als ein paar Regentröpfchen und die allgemeine Gemütslage bleibt heiter bis maximaleuphorisch. Auch wenn Traildog Bonni hin und wieder mal ungeduldig an der Leine zerrt und ihrem Rudel diverse vorwurfsvolle Hundeblicke zuwirft, lassen wir uns nicht hetzen, denn – wie Sascha nach 30 km und gut 4 Stunden treffend feststellt – “Gewinnen können wir jetzt eh nicht mehr.” Ach, Augenblick verweile doch, Du bist so schön…..

Dieser geballten Läuferwonne gibt sich Petrus bald geschlagen und verwandelt den folgenden dezent angehügelten Trailabschnitt in eine wohligwarme Dampfsauna. “Droppe Schier!” verkündet Martin und deutet auf bemooste Felsen zu meiner Linken. Hmm…sieht aber aus wie ganz normales Moos, dieses droppe Schier…oder hat er irgendein Wildtier gesichtet? Das gemeine Droppeschier, seltenes Exemplar, nur im Westerwald beheimatet, ernährt sich vorwiegend von Kartoffeln und verschwitzten Läufern. “Hä?” “Droppe schier!” Der spinnt doch. Ich seh’ nix. “Stimmt, ist tropisch hier!” bekräftigt Sascha. Ach herrjeh. “Es ist tropisch hier!” Diese Hessen mit ihrer komischen Sprache, das soll mal einer verstehen.

Beim anschliessenden What-goes-up-must-come-down werde ich ausgiebigst vom Fachmann über die Wirkungsweise dieser ominösen Black-Roll aufgeklärt und beschliesse, dass ich dieser Wunderdings umgehend erstehen muss, sofern ich heute nicht irgendwo in einem Matschloch ertrinke, die sich durch den Regen zahlreich aufgetan haben.

Leider haut das Bergablaufen ziemlich schmerzhaft in Saschas Knie, was er aber erst nach mehrmaligem penetranten Nachbohren und einigen gequälten Schmerzenslauten preisgibt. “Geht’s denn noch?” “Muss ja!” So sind’se, die Soldaten. 15 km-to-go. Wir beratschlagen kurz, ob man das malträtierte Gelenk nicht durch einen professionell angelegten Tapeverband unterstützen könnte und McGaida zaubert diverse Klebebänder aus einem Zauberrucksack. Ich lausche der Beratung der Herren andächtig und mampfe dabei die Gewürkgurken aus McGaidas Vorratsbeutel. Jeder sollte halt tun, was er am besten kann.

Nachdem ein weißes Band wegen mangelnder Klebkraft ausgemustert und ein vorgeschlagenes Panzertape ebenfalls wegen “Das reisst Dir hinterher nicht nur alle Haare, sondern auch gleich das Fleisch mit ab!” “Ach nee, dann lass.” ausgemustert wird, geht’s weiter. “Muss ja!” Sehr tapfer. Ich ess’ noch schnell’n Gürkchen. Ich liebe euch. “Ja, ja!” Naja. Muss ja.

Nachdem Martin im Vorfeld verkündet hat, sich erst bei Kilometer 35 zu freuen und keinen Meter vorher, wird er danach (vermutlich vor lauter Euphorie) von einer plötzlichen fiesen Übelkeit heimgesucht. Eine Apfelschorle scheint sich quergelegt zu haben und quält den Herrn fortan mit Seitenstechen und Brechreiz. Obwohl mittlerweile ja nun durchaus langstreckenerfahren, kenne ich mich mit mentalen oder körperlichen Krisen bei langen Läufen (zum Glück) noch nicht wirklich aus und blättere in Gedanken sämtliche je gelesenen Laufbücher durch auf der Suche nach Hilfsmassnahmen. “Willst Du abgelenkt werden oder Deine Ruhe haben?” frage ich ratlos nach hinten. “Ich muss das mit mir selber ausmachen. Und mit meinem Kopf” stöhnt es leidend. Na gut. Dann muss das wohl so sein.

Bei den meisten langen und vor allem entspannten Läufen gelangt man (oder…zumindest ich. Und Herr Gaida auch, erfahrungsgemäss) an einen Punkt, in dem im hirneigenen Rechenzentrum spontan alle Lichter ausgeknipst werden. Sämtliche Sorgen und Nöte des Alltags, sofern vorhanden, lösen sich im Sauerstoffnirwana in watteweiches Wohlgefallen auf, jegliches logisches Denken, sofern vorhanden, wird ausgeschaltet und jedes gesprochene Wort wird spontan zum Brüllen komisch.
“Hier wachsen bestimmt Brombeeren” verkündet Herr Gaida und deutet auf einen zugewucherten Hang zu unseren Rechten. Ich möchte mich am liebsten vor Lachen in den Matsch werfen. “Brombeeren. Hihi!” pruste ich und Herr Gaida stimmt kichernd mit ein. “Brombeeren!”
“Das da sind Heidelbeeren!” werde ich naturwissenschaftlich aufklärend tätig, dabei auf grüne aber bislang beerenlose Büsche im Moos deutend. “Quatsch, das ist ein Busch” verbessert mich Herr Gaida empört, und ich könnte mich erneut umgehend ausschütten vor Lachen. Eine Kicherattacke jagt die nächste und quält unsere Bauchmuskeln aufs Teuflischste, während sich Martin stoisch mit leicht gequältem Gesichtsausdruck hinter uns durch den Schlamm kämpft. Selbst Saschas eigentlich eher nordisches Naturell kann sich dieser geballten Albernheit nicht erwehren und streicht die Segel. “Brombeeren!” “Hihi!”

Plötzlich, kurz nach Kilometer 39, lässt ein markerschütternder Urschrei hinter mir die Baumwipfel vor Schreck zusammenzucken, es ertönt ein donnerndes “Es ist vorbei!” und Martin schiesst wie ein schwarzer Blitz nach vorne. Er verkündet lautstark, dass die Krise überstanden ist und er jetzt am liebsten 4-5 Bäume ausreissen würde – und so wie er plötzlich um uns herumtobt, wäre ihm ein eigenhändiges Bäumepflücken durchaus zuzutrauen. Faszinierend, welche Substanzen sich die hirneigene Drogenküche so zusammenbrodeln kann. Martin ist jedenfalls voll druff und setzt unserer albernen Partystimmung die Endorphinkrone auf.

Meine zaghafte Ermahnung, dass das Einleiten eines Zielspurts bei 11 km-to-go eventuell ein wenig verfrüht sein könnte, geht in Martins “Oh, iss des GEIL! Ich hab’ ein Mörderrunnershigh!”-Gebrüll unter. Erbarmen, die Hessen kommen. Wenn, dann richtig.

Als die Uhr “nur noch wenige Kilometer” anzeigt, werde ich leicht wehmütig. Meine matschverspritzten Beine möchten trotz nicht von der Wade zu weisenden Müdigkeit bis in alle Ewigkeit so weiterlaufen, mit dem kichernden, tänzelnden McGaida zur Linken, dem staubtrockenen Humor von Sascha zu meiner Rechten, der hechelnden Bonni an der Spitze und dabei vom tobenden schwarzen Hessenblitz brüllend umkreist werden. Augenblick, verweile doch, Du bist so schön…..

Andererseits wartet im Ziel ja auch mein Proviantkorb darauf  leergefuttert zu werden und ich muss morgen arbeiten und überhaupt…will ich nicht in dieses verdammte Kackziel. Blödes dummes Mistziel aber auch. Wenn meine Beine nicht so müde wären, würde ich trotz aufstampfen und “Nur noch FÜNF Minuten!” plärren, aber da flattert schon das Zielbanner vor meiner Netzhaut und wir sind da. Menno! Schön! Müde! Ich liebe euch!

Die dazugehörige Foto-Lovestory gibt’s hier– und ich verbleibe mit freundlichen Füssen und einem herzlichen Dank an das Universum für diesen absolut perfekten Tag in perfekter Landschaft und perfekter Gesellschaft.
Life is wonderful. Verdammt nochmal.
(11.05.13)

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