Ultraträume im Realitycheck – oder “Ett kütt wie ett kütt”

“Liebe Sportfreundin, lieber Sportfreund! Vielen Dank, dass Sie sich beim Rennsteiglauf-Portal registriert haben.”
Es ist nun über ein Jahr her, seit ich vollkommen fassungslos und kopfschüttelnd wie ein Wackeldackel auf die Bestätigungsmail des Rennsteigbüros geglotzt habe.
72 km.
Supermarathon.
Ich.
Die Laufgötter müssen verrückt sein.

Angefixt durch den anschaulichen, spannenden Bericht und die sonnigen (!) Fotos des Pfälzerwaldläufers macht sich in meinem Hirnkasten ein zaghaftes “Ach, Rennsteiglauf. Das wäre ja schon schön…” breit, und ein kurzes Telefonat später (dessen Inhalt ich so oder so nicht mehr wiedergeben kann, da der Pfälzerwaldläufer irgendeine krude Mischung aus Klingonisch und Suaheli als “Muttersprache” bezeichnet, aber ich habe mich bei dem Gespräch aus irgendeinem Grund zur Anmeldung motiviert gefühlt. Vielleicht hat Martin mir auch in Wirklichkeit vollkommen entgeistert abgeraten, man weiß es nicht.) klickt mein zitternder Finger auf “Registrieren”.

Und dann hatte ich ihn, den Ultrasalat. Horrido und fette Beute, was für ein Abenteuer!

Im Nachhinein betrachtet vermutlich ein wenig naiv, war ich der Ansicht, dass so ein Ultratraining mich zu einem besseren und stärkeren Menschen formen würde. Mehr Selbstvertrauen, mehr Biss, mehr Kampfgeist wollte ich mir erlaufen und dabei jegliche Selbstzweifel und Ängste für immer in Grund und Boden rennen.

Heute, ein Jahr später, stelle ich fest…alles Mumpitz. “Besserer Mensch”, my ass. Ich bin noch dieselbe wie vor einem Jahr, ich kann bloss länger laufen. Aber Spass hatte ich und viele tolle Menschen habe ich getroffen, von denen einige sich eine Dauerkarte in meiner Herzarena gesichert haben.

Und jetzt sind’s nur noch 4 Tage bis zum grossen Abenteuer und ich krame in meinem Innersten nach den handelsüblichen Emotionen wie Vorfreude, Kribbeln, Euphorie, Spannung – und finde nix. Tut uns leid, meine Damen und Herren, Vorfreude und Kribbeln sind heute leider aus, schaun’se doch morgen nochmal vorbei.

Nachdem die Endorphine vom grandiosen Westerwaldlauf abgebaut sind, macht sich eine Form von Gleichgültigkeit in mir breit….Rennsteiglauf, Abenteuer, meine Güte, ist doch bloss ein Lauf. Da fährste hin, dann läufste, dann biste im Ziel und dann ist alles vorbei und vergessen und irgendwie ist das doch alles total unwichtig. Von wegen “Nervenkitzel”…am liebsten würde ich einfach bloss daheim auf der Couch bleiben oder gemütlich mit meinem Laufbrüderchen einen charmanten Fuffziger durch die heimische Botanik hinlegen.

Aber nützt ja nix, wenn ich schon mal angemeldet bin, kann ich ja auch mal hinfahren, da zum Rennsteig. Zum ach!-so-grossen Abenteuer. Pah.

Auf dem Weg zum letzteren längeren Läufchen vor dem Tag X kriecht aber dann doch tatsächlich sowas wie “Ausgelassenheit” an meinen Knöcheln hoch, die Sonne lacht sich kaputt und meine Beine kribbeln in Vorfreude auf die “irgendwas um die 25 km mit’n bißchen Hügel”, die im satten Frühlingswiesengrün auf mich warten. Und überhaupt, der Rennsteig wird super. Rock’n Roll und Spass und Sahne obendrauf!

Statt grüner Wiesen erstreckt sich erstmal eine grüne Ampel vor meiner Netzhaut, danach ein cognacfarbener Mercedes von rechts, mein Fuss knallt auf die Bremse statt auf watteweiche Trails und es kracht. Fassungslose Blicke beiderseits. Alter, die Ampel war GRÜN! Was machst Du bitteschön hier in der Front meiner Blechkutsche, Du gehörst rechts hinter die rote Ampel!

Whatever, Polizei, Abschleppwagen, schöner langer letzter Lauf, my ass. Und vermutlich auch “Bye bye Luigi”…meinen kleinen Italiener hat’s mächtig erwischt. Mich zum Glück nicht, und auch der aufdringliche Mercedes-Fahrer erfreut sich bester Gesundheit. Wie immer im Leben – ett hätt’ schlimmer kommen können. Hätte trotzdem nicht sein müssen. So what.

Am nächsten Morgen wache ich auf und muss leider feststellen, dass mir jemand über Nacht meinen Hals in ein knirschendes Stahlkorsett geschraubt hat, was für eine bodenlose Frechheit. Wer tut denn sowas? Steifer Nacken galore, wie unangenehm.

Angesicht der zu belaufenden 72 km in der näheren Zukunft schaue ich sicherheitshalber heute morgen kurz beim Medizinmann des Vertrauens vorbei, der mir nach ein wenig Betasten und Drehen des Schädels einen rosa Zettel mit der Aufschrift “Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung” in die Hand drückt.

Zum Glück ist der Doc ein verständiger Mann, empfiehlt mir Wärme und Entspannung in Kombination mit Ibuprofen und hält den Rennsteiglauf grundsätzlich trotzdem für machbar. “Da müssen sie halt einfach selber schauen, mit Schmerzen sollten sie nicht starten und im Zweifelsfall halt aufhören”.

Nun denn, Wärme sollte ja nicht das Problem sein, schliesslich isses am Rennsteig immer wunderbar sonnig. Ein Blick in die Wettervorhersage lässt mich allerdings gequält aufstöhnen…”6 Grad und SCHNEESCHAUER”? What the fuckin’ fuck?! Schnee?!

Meine Gleichgültigkeit gegenüber des anstehenden Laufs wandelt sich schlagartig in leise Panik. 72 km im Schnee. Regen. Vermutlich sogar alleine, weil die meisten meiner Laufkumpels ein deutlich flotteres Tempo veranschlagen als ich Ultra-Neuling. Mit steifem Genick. Und ohne Vorfreude und Euphorie. Wie soll ich DAS denn bitte schaffen? Jesusfuckingchrist, SO habe ich mir das alles aber nicht gewünscht! Das sollte doch alles toll werden und sonnig und mühelos und spassig!

“Ultralaufen ist vor allen Dingen Krisenmanagement” hat mir mal ein erfahrener Läufer (Hallo Frank!) gesagt, und vermutlich ist es genau das, worauf es ankommt. Ett kütt wie ett kütt, nichts ist planbar und irgendwie muss man ja immer aus allem das Beste machen.
In diesem Sinne – aufstehen, Krönchen richten, weiterlaufen.

Auf nach Schmiedefeld!

(21.05.13)

Schreibe einen Kommentar