Some girls wander by mistake – ein Waldbreitbacher Wied(-Alp)traum

Meinem heutigen To-Wander-Weg wurden durch seine eitle Namensgebung “Waldbreitbacher Wiedtraum” schon einige Vorschußlorbeeren ins Haar geflochten und ich kann mir ein spöttisches Grinsen beim Download des GPS-Tracks nicht verkneifen. Ich bin in der Gegend aufgewachsen und kenne die Region durch unzählige “Mannoissnochweiiiit?”-Wanderungen mit meinen Eltern – und habe das Landschaftsbild aus dieser Zeit als nicht besonders spektakulär, geschweige denn “traumhaft” in der zugegeben leicht verblassten Erinnerung. Aber in über 30 Jahren ändert sich ja gelegentlich der eigene Blickwinkel und so starte ich hochmotiviert in diesen sonnigen Samstagmorgen, um mir anzuschauen, wovon der gemeine Waldbreitbacher so träumt, wenn er vom Wandern träumt.

Erster Pluspunkt – die Tour startet von einem großen, kostenlosen Parkplatz und noch viel pluspunktiger sind die öffentlichen Toiletten direkt daneben, die auch zum Glück in einem “nicht ganz so garstigen” Hygienezustand sind. Läuft.

Zum Warmwandern startet der “Wiedtraum” (die spöttischen Anführungszeichen konnte ich mir nicht verkneifen) mit einem gemächlichen Kilometerchen entlang der plätschendern Namensgeberin, um dann den Wandersmann schnurstracks auf einen steilen Anstieg in den Wald zu schicken. Als ich den Pulsbeschleuniger-Stich hochgeschnauft bin, werde ich für meine Mühen mit bezaubernden Trampelpfaden belohnt, die wie eine schimmernde Perlenkette durch den sonnendurchfluteten Wald aufgefädelt sind. Ich verkneife mir mit Mühe ein innerliches “Traum-haft!”,  aber das Hohnlächeln weicht erstmalig einem verzückten Grinsen.

Also, so dermassen allerliebst waren die Wege hier früher lichttraumnicht – die waren bloss doof und steil und vor allem meistens leider echt “noch wee-heeeeit”.

Auch wenn der Name “Waldbreitbacher Wiedtraum” klingt wie ein Eisbecher mit Sprühsahne in einer angestaubten Dorf-Eisdiele, so scheint der Weg ihn trotzdem mit Fug und Recht zu tragen – ich könnte mir diese Route selbst nicht abwechslungsreicher, knackiger und idyllischer zusammenstricken und trödele mich begeistert durch die Botanik.

Im Dörfchen Roßbach wird gerade von hemdsärmeligen Jungburschen unter äußerst wachsamer Beobachtung von Passanten (und wichtigen Tips eines bierbäuchigen Filzhutträgers) ein riesiger Kirmesbaum aufgestellt und eine kribbelige Aufregung liegt in der Luft.  Weiter oben im Dorf passiere ich ein pompös geschmücktes Haus, bei dem ein unübersehbares Riesenschild mit der Aufschrift “Schützenpaar 2014” auf die hochherrschaftlichen Bewohner hindeutet. Die Dorfkirmes ist hier auf dem Land immer das Top-Event des Jahres und vermutlich wälzen sich die zuständigen Komitee-Mitglieder schon seit Wochen vor Aufregung schlaflos in ihren Betten.

Der Anstieg auf das “Roßbächer Häubchen” treibt mir meinen Zynismus allerdings mit einer gefühlten 90%-Steigung ziemlich flott aus den Hirnwindungen und ich bestaune erneut die frappante landschaftliche Schönheit. Der Name “Roßbächer Häubchen” klingt durchaus vertraut und garantiert führten die sonntäglichen Pflichtwanderungen mit meinen Eltern auch des öfteren über dieses Wegstück, aber ein Dejá-Vu-Gefühl bleibt aus. Vermutlich sass ich an dieser Stelle bereits trotzig auf den Schultern meines Papas, weil ich jetzt aber wirklich mal “kei!-nen! Schritt” mehr weitergehen wollte konnte und mich nur die Aussicht auf einen Trost-Eisbecher gerade noch so am Leben erhielt. Heute jedenfalls kippe ich schier aus den Latschen vor lauter Begeisterung über diesen gigantösen Pfad (und ein bißchen auch vor Anstrengung).

Der Weg zum Häubchen führt über einen “Basaltlehrpfad”, der mich auch gleich wichtige Dinge lehrt – zum Beispiel, das herumliegende, vermooste Basaltbrocken einen fast schon verwunschen-hübschen Anblick bieten, wenn sie von glitzernden Sonnenstreifen verziert werden.

Doll.
Wieder was gelernt.

wiedtraumOben angekommen wird mein Bauch mit einer leicht angedötschen Klappstulle und meine Netzhaut mit einer sa-haaaagenhaften Aussicht belohnt. Wiedtraum, galore. Ich aaah!-e und oooooh!-e nach Leibeskräften in alle Himmelsrichtungen. Und weiter geht’s.

Hinab, hinauf, Tannenwald, Trampelpfade, Aussicht, Idylle, schön, leckofatz.

Später dann hinter dem Dorf Elsbach kommt eine Stelle, die zum Glück im GPS-Track als “knifflig” markiert wurde, (worauf mich die Forerunnerin am Handgelenk auch nachdrücklich piepsend hinweist)- der Übergang eines Baches hat sich einen perfekten Tarnumhang übergestreift und auch der Singletrail, der den Wiedtraum weiterführt, ist eigentlich noch nicht mal mit gutem Willen als solcher zu erkennen. Devot und stoische stapfe ich folgsam der schwarzen Linie auf meinem Display hinterher durchs Laub, obwohl sich das hier schon sehr nach “offroad” anfühlt – aber nach wenigen Metern stoße ich wieder auf einen unzweifelhaft als solchen zu identifizierenen Forstweg und alles ist Wölken, bzw. Träumchen.

Bei Kilometer 14 kurz hinter Hochscheid mutiert der Wiedtraum dann kurzfristig zum Alptraum – an einer Weggabelung mit 3 Möglichkeiten beschließt die Forerunnerin, mich mal spontan kräftig zum Äffchen zu machen…die schwarze Linie mitsamt Pfeil springt munter hin und her und lässt sich auf keine Marschrichtung festlegen. Vermutlich hat sie Stunk mit irgendeinem Satelliten angefangen und verschränkt gerade trotzig die Empfangsärmchen. So eine GPS-Zickerei ist mir nicht ganz unbekannt, meistens ist die Garmina aber nicht nachtragend und schnell wieder einsatzbereit. Heute hingegen scheint sie unwillig und kreischt unablässig “Kursabweichung. KURSABWEICHUNG”, egal wohin ich mich auch drehe und wende. Ich hab’ keine Ahnung, in welche Richtung ich weitermarschieren soll/kann/darf. Nach kurzer innerer Beratung enscheide ich mich für “rechts die Wiese runter”, weil dieser Weg am schönsten anmutet. Mein Richtungspfeil zappelt auf dem Display wie ein Fisch auf dem Trockenen.

Kurze Zeit später stehe ich im wahrsten Wortsinn im Wald und suche vergebens nach einer Wegmarkierung…und noch ein Weilchen später ist sogar der Weg verschwunden und hat sich im belaubten Unterholz in Unwohlgefallen aufgelöst. Dafür zeigt die Forerunnerin immerhin wieder gönnerhaft eine Route an, die allerdings ca. 100 m von meinem Standpunkt entfernt winkt. Folgsam stapfe ich in die bepfeilte Richtung – so ein Weg ist ja keine Nadel im Laubhaufen, der muss ja zu finden sein. Meistens hat der Wald ja aufgeräumt und findet alles wieder.

Mein Zweckoptimismus weicht leiser Irritation, als ich feststelle, dass es rings um mich herum nun doch ziemlich steil, moosig und rutschig wird. “Das kann so nicht richtig sein” bemerkt mein Verstand folgerichtig und dann registriert das Auge “Das geht ganz schön steil runter hier”. Alle inneren Warnungen zum Trotz entschliesse ich mich, zumindest noch ein Stück weiter nach unten zu kraxeln, der schwarze Pfeil lockt verheissungsvoll und ich erhoffe ihn in greifbarer Nähe. Letztlich habe ich ohnehin nicht den Hauch einer Ahnung, wo ich gerade bin – da kann ich auch noch ein Stückchen den Abhang runterrutschen.
Wieder später stelle ich fest, dass das “hier”nicht nur “nicht richtig sein kann”, sondern dass es wirklich VERDAMMT steil nach unten geht, und das die schwarze Linie wohl irgendwo da unten im Tal liegt. Ein Blick nach oben zeigt schnell, das “zurück” auch keine brauchbare Option ist, denn angesichts dieser rutschigen, grünschimmernden Felsen frage ich mich ohnehin, wie ich da überhaupt heilen Halses runtergekommen bin. Ich hänge also fest. Schöner Scheiss.

Das wilde, panische Aufpochen meines Herzens ignorierend scanne ich das Umfeld nach Lösungsmöglichkeiten – wenn ich mich langsam auf dem Pobbes rechts runterhangele, könnte ich zumindest von diesem Baum da aufgehalten werden, wenn ich ins Rutschen komme – und von da aus kann ich mich an der Wurzel festhalten und bis zu dem Felsbrocken links manövrieren. Hat was von Real-Life-Tetris. Bänglich arbeite ich mich in Zentimeter-Schrittchen nach unten. Neben mir löst sich ein Stein und hüpft in die Tiefe. Großartig.
Nach einer Weile höre ich durch mein hysterisch hämmerndes Herz ein entferntes Wasserplätschern unter meinen Füßen, vermutlich ein Bach. “Bach ist gut” verkündet mein Verstand kurz und knapp.

Bach heißt Tal.
Tal ist gut.

Leider plätschert das Wässerchen nicht so nah wie ich es gerne hätte, und ich hangele mich weiter in die Tiefe, halb rutschend, halb an Wurzeln und Äste geklammert und eskortiert von lustig hüpfenden Steinchen, die mir den Weg nach unten weisen. Leckofatz. Schöner Scheiss. Mann, Mann, Mann. Datt kann man doch keinem erzählen, datt hier.

Gefühlte 5-6 Stunden später sehe ich den Bachlauf dann auch endlich und muss nur noch über einen klitschnassen Felsen rutschen und einmal durch das nasse Laub schliddern und wumms! lande ich unversehrt auf sicherem Boden. “Meine Fresse” kommentiere ich dieses Erlebnis und ich setze mich erstmal in den Matsch, um meine zitternden Beine zu restabilisieren. “Kurs gefunden!” quakt die Forerunnerin triumphierend. Na, schönen Dank aber auch, du dämliche Kuh.

Durch die Ast- und Wurzelklimmzüge schlottern meine Oberarm- und Brustmuskeln so sehr, dass ich kaum meine Wasserflasche anheben kann, ich atme tief durch und stapfe weiter. Ein befestiger, richtiger, echter Weg! Welch Wonne.

makroEin paar zitternde Meter weiter dröseln sich links und rechts zarte Trailfäden vom Hauptweg ab, die ich aber stur ignoriere. “Kursabweichung!” krakeelt die Forerunnerin empört, aber ich zeige ihr bockig den Mittelfinger. Jetzt wo ich einen begehbaren Weg gefunden habe, geb’ ich den freiwillig nicht mehr her! Ich habe zwar immernoch keinen Schimmer, wo ich gerade bin, aber erfahrungsgemäß führen die meisten Wege ja irgendwo hin. Und so ist es dann auch und ich stoße auf eine Hauptstraße. Zivilisation, komm’ an meine Brust!

Unschuldig lachend weist die Sonne mir die Richtung über einen asphaltierten Fußweg (den ich normalerweise als “Schönwetterspaziergänger-Autobahn” abtun würde, der mir in diesem Moment aber wohltuend gefällig erscheint) entlang der plätschernden Wied zurück zu meinem Auto und erfreue mich der schlichten Tatsache, dass ich noch heile bin.

Nachdem ich den Schrecken abgeschüttelt habe und nur noch meine schmerzenden Arme an diese unschöne Schlitterpartie erinnern, beschliesse ich gönnerhaft und huldvoll, die hinter mir liegende Wandertour dennoch ganz schön großartig und auf jeden Fall wiederholenswert zu finden – außerdem liegen da irgendwo im Wald bei Hochscheid noch einige ungewanderte Kilometer, die ich durch meine Schlitterschleife verloren habe.
Nicht das an die noch was drankommt.

03.10.14 – Fortsetzung folgt:
“Kaum macht man’s richtig, schon geht’s” – Waldbreitbacher Wiedtraum, 2. Versuch

4 thoughts on “Some girls wander by mistake – ein Waldbreitbacher Wied(-Alp)traum

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  2. Jörg

    Wir hatten gestern auch einen Track auf unserem Garmin den wir nachwandern wollte. Und aufgrund von solchen “Kursabweichungen” haben wir uns nur sehr grob daran orientiert.

    Gut, dass dir nichts passiert ist!

    Viele Grüße aus Limburg, Jörg

  3. Elke

    Puh dein Erlebnis erinnert mich sehr an meine selbst gebastelten Touren, die oft auf ähnliche, aber wohl doch meist nicht so dramatische Weise unterbrochen wurden.

    Das war dann zeitweise wohl eher ein Wiedalbtraum 🙂 aber wohl spannender als die Wanderungen in der Kindheit 🙂

    Auf ein Neues, vielleicht mit einem anständigen Outdoornavi???

    Viele Grüße
    Elke

    1. mohrblog Beitragsautor

      So im Nachhinein betrachtet war alles halb so wild – ich versuch’s vermutlich gleich am kommenden Wochenende wieder, diesmal hoffentlich ohne alpine Einlagen 😉
      Und bisher bin ich mit der Forerunnerin eigentlich ganz gut klargekommen…keine Ahnung was da los war. Mal schauen!

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