Aufzucht und Pflege eines Brauchtums

Ein “Brauch” ist per Definition “eine innerhalb einer festen sozialen Gemeinschaft erwachsene Gewohnheit” – somit ist es wohl  “Brauch”, dass ich  zu meinem Wiegenfeste die Anzahl der Jahre auf meinem Buckel in zu laufende Kilometer umsetze.

Habe ich letztes Jahr schon gemacht und mache es in diesem Jahr wieder, somit sind alle Kriterien erfüllt, um meinem Geburtstagslauf den Brauchtums-Stempel draufzuklatschen.

Und natürlich verlangt der Brauch, dass ich in diesem Jahr noch einen Kilometer anhänge, somit stehen also 39 km auf dem Plan. Im Gegensatz zu letztem Jahr, wo ich mit Herrn Gaida fluchend und schimpfend (also ich jetzt – der Herr Gaida schimpft ja nie) über Schnee und Eis gerutscht bin, hatten die Wettergötter diesmal ein Herz für untrainierte Ultraläuferinnen a.D. kurz vor der W40 und haben mir und meinen Mitstreitern einen unglaublich schönen Frühlingstag kredenzt.

Vor Laufstart lasse ich mich dem Anlass entsprechend huldigen und hofieren, dann geht’s auch schon los in den vögelbezwitscherten bächleinbeplätscherten Frühlingsforst, dessen Anblick und Duft den Li-La-Launenpegel umgehend in schwindelerregende Höhen schubst. Sprich: Der per!-fek!-te Frühlingsanfang. Perfektererer wäre schier unmöglich.

Die Sonne kugelt sich vor Lachen über den Waldboden und der Himmel strahlt blitzeblau mit fluffigen Wolkentupfen auf uns her ab – Inga (auch bekannnt als die “Colagöttin”, aber dies ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll…oder gar nicht) und Sascha nebst Traildog Bonni leisten mir angenehmste Gesellschaft. Wie immer wird “am Berg gegangen!”, worauf ich diesmal besonders vehement und unter ständigem Pochen auf mein Geburtstagskind-Sonderrecht poche. “It’s my party, and I walk if I want to….”

Saschas Außenwelt-Kommunikator in Brusthöhe piept und hupt in regelmässigen Abständen vor sich hin, was mich nach ca. 3 Stunden zum empörten Ausruf  “Jetzt IST aber mal genug, schliesslich hab’ ICH heute Geburtstag!” verleitet. “Aber ich doch auch.” murmelt der Ruppinator beiläufig und nestelt an seinem Mobiltelefon herum. “WATT?” ertönt es überrascht aus zwei weiblichen Kehlen “echt jetzt?”

Der Ruppinator betont glaubhaft, am heutigen Tage vor genau 33 Jahren geboren worden zu sein, und im Nachhinein ergeben dann Äußerungen wie “Ich komm’ mit bei deinem Geburtstagslauf, aber ich bleib’ dann bei Kilometer 33 stehen, weiter muss ich ja nicht” doch Sinn – aber letztlich habe ich wohl jede Andeutung und Information über ein eventuelles Wiegenfest meines Mitläufers konsequent egoistisch und unaufmerksam überhört. Umgehend plärren Inga und ich ein ganz und gar formidables Geburtstagsständchen in den Frühlingswald hinaus und ich schäme mich ein bißchen in mich rein, denn ich meine mich zart zu erinnern, dass Sascha wohl auch schon im letzten Jahr am selben Tag wie ich Geburtstag hatte und dies auch erwähnt hatte. Schande über mein Haupt.

“Wäre ja auch ein bißchen anmassend zu glauben, dass du die Einzige bist, die am 20. März geboren ist, eh?” grinst der Ruppinator wenig nachtragend und weiter geht’s…die Kilometer läppern sich beschwingt zusammen und trotz mangelnder Fitness und Form meinerseits halten sich die Ermüdungserscheinungen an Körper und Geist in erträglichen Grenzen.
Bei Kilometer 36 biegt das männliche Geburtstagskind Richtung Parkplatz ab, denn zum einen hat er sein Jahres-Soll mehr als erfüllt, zum anderen drängen familiäre Termine. Inga und ich schieben uns müde und matt aber maximalfröhlich in einer letzten Runde um den idyllisch-glitzernden See und gönnen uns zum krönenden Abschluss ein kühles Weizenbier in der Mittagssonne. Und bemerken (fürs Protokoll), dass das Leben echt schön ist. Zumindest jetzt gerade in diesem wohlig erschöpften, frühlingshaften Moment.
Das machen wir nächstes Jahr wieder, ne?

(20.03.14)

Ein Gedanke zu „Aufzucht und Pflege eines Brauchtums

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