Des Wahnsinns fette Beute – Nebenwirkungen des Ausdauersports

Man liest und hört ja vielerorten von dem positiven Nutzen der läuferischen Betätigung an der frischen Luft – ich hingegen möchte heute mal eine gutgemeinte Warnung an alle Nichtläufer aussprechen: Lasst das mit dem Laufen lieber sein – an ganz besonders schönen Sommertagen wird man nämlich gelegentlich schlichtweg wahnsinnig. Und ernsthaft…Wahnsinnig-Werden kann doch nicht gesund sein.

An diesem harmlosen Frühlingssonntag mache ich mich auf, um meine neuerworbenen designierten 24-Stunden-Laufschuhe zugegebenerweise nicht ganz asphaltschlappenartgerecht auf idyllischen Forstwegen einzutraben. Das meine Füsse deutlich später als angedacht den Waldboden berühren, hat den Vorteil, dass der typische Neuwiedropolis-Bäh!-Morgennebel bereits unbekannt verzogen ist und die Sonne sich vor Lachen bereits den güldenen Bauch hält. Ich trabe los und meine neuen grottenhässlich-neongrünen Laufschläppchen erweisen sich als ultrafluffige Wegbegleiter.

Die Vöglein tschilpen sich ‘nen Wolf und zwischen den Baumwipfeln ringen die Sonnenstrahlen mit den letzten Nebelfetzen betörend schön um die Vorherrschaft am Firmament. Das leise plätschernde Bächlein in seinem grünbemoosten Bett setzt dem Leckofatz!-Faktor die Krone auf  – Laufen ist ‘ne coole Sau! Echt jetzt mal!
Und wie unfassbar! schön doch der Frühlingswald ist und wie unfassbar! toll es ist, dass ich (zumindest phyisch) gesund und fit bin und hier so einfach mirnixdirnix herumlaufen kann. Und das alles für total umsonst. Kost’ nix. Für umme. Wenn man mal bedenkt, welche Unsummen Menschen für irgendwelche affigen Designerdrogen ausgeben, die am Ende nur schmerzende Schädel, kaputte Nieren und perforierte Nasenscheidewände hervorbringen – und hier im Forst ist der ganze Drogenrausch kostenfrei und jederzeit verfügbar.Warum sacht denen datt nich’ mal einer?

Kurz gesagt: – “Woah, ALTER, iss datt HAMMER!”

Während der nächsten Kilometer flippe ich beinahe sekündlich aus vor lauter Begeisterung über mein eigenes Waldläuferdasein. Würde ich auch nur den Hauch einer Chance sehen, ohne Genickbruch aus der Sache rauszkommen – ich würde flic-flac-end, radschlagend und handstandmachend durchs Unterholz und über die unfassbar! grüne Frühlingswiese springen oder mich wie meine Miezekatzen auf dem Rücken rollend schnurrend übers Laub wälzen.

Nach einer heiteren Weile begegnet mir ein wanderndes Paar – und auf dem Tuch, das den Schädel des männlichen Wandersmannes ziert, entdecke ich verzückt den Schriftzug eines mir sehr am Herzen liegenden Trampelpfadläufer-Printmagazins. Ich widerstehe dem Impuls, die beiden Fremden freudig kreischend an meine verschwitzte Brust zu reissen und plärre stattdessen mit vermutlich vor Euphorie hektisch flackerndem Blick “TRAILMAGAZIN! SUPER!” Das mir auf den Zunge liegende “Da bin ich nämlich die Rezeptetussi, JAWOHL!” schlucke ich sicherheitshalber runter, da der Blick der Wandernden mir ein wenig irritiert scheint und so beschränke ich mich auf überschwängliches Doppel-Thumbs-up und zügigem Weiterlaufen. “Frollein, jetzt benimm’ dich mal, watt sollen denn die Leute denken!” massregele ich mich selbst, um mich nur eine Minute später wieder dem absoluten Endorphinwahnsinn hinzugeben. Alter Schwede, was ist der Wald heute hübsch!

Und die Sonne. Die Sonne!

Jede einzelne Zelle meines Körper fühlt sich so unglaublich lebendig an, dass mein Hirn überhaupt nicht mehr weiß, wie es seiner Begeisterung Ausdruck verleihen soll und sich irgendwann einfach abschaltet. Ich singe ein wenig vor mich hin, ungeachtet der Tatsache, dass hauptsächlich russischer und türkischer Punkrock aus meinen Ohrstöpseln ins Hirn fliesst und ich weder der einen noch der anderen Sprache mächtig bin. “Hoooheeeooo…sssütschmalaaaaa…sssüüütschmalaktaaaa…”…Für meine eigenen Ohren zumindest klingt mein Türkisch an diesem wunderbaren Tag absolut per-fekt. “Hassmajaa..ödüüüruüüüm…”….

Eine beschwing-heitere Kilometerchen später sehe ich erneut das trailmag-bebuffte Wanderspaar am Horizont und kann nun doch noch im Vorbeilaufen die wichtige Information loslassen, dass iiii-hiiiiiiich! iiiiiimmer! die Rezepte fürs Magazin schreibe. Nur raus damit. An Unausgesprochenem kann man schliesslich ersticken oder Magengeschwüre bekommen. Die Fremden mimem überzeugend höfliches Interesse und wünschen mir noch viel Spass beim Lauf, was böse Zungen wohl mit “Und jetzt hau ab, du irre Angeberin!” übersetzen könnten, aber ich bin meinen inneren Stimmen gegenüber heute extrem wohlgesonnen und lasse mich nicht verunsichern. Und überhaupt – watt iss’ der Wald heute schön. Und all’ das kost’ keinen Cent. Leckofatz, hier!

Tippi-toppi. Und dreimal schwarzer Kater.

Nach knapp 1,5 Stunden Waldlaufparty habe ich Muskelkater in den Mundwinkeln vor lauter Dauergrinsen, mein Zahnfleisch ist aus dem selben Grund komplett ausgetrocknet und ich bin nur noch zu albernstem Kichern fähig. Und bis zum Wieder-Erreichen dessen, was man als “Normalzustand” bezeichnen könnte, ziehen locker ein paar Stunden ins Land.

Mal ehrlich – solche Begleiterscheinungen sind doch wirklich unheimlich. Das sollte man wirklich besser lassen, das mit dem Laufen.

Ähem.
Nicht.

(06.04.14)

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