Lost in a forest – “Aber bitte mit Sahne”

Auf einem meiner Lieblingswaldspielplätze begegnet mir sonntags hin und wieder eine Gruppe Läufer, die sich dort regelmässig zum gemeinsamen frühmorgendlichen Rennsporteln einfindet.
Immer zur gleichen Uhrzeit.
Immer die gleiche Strecke.
Jeden.
Sonntag.

Über derart eingefahrene Gewohnheitsviecherei muss ich innerlich immer ein wenig schmunzeln. Warum man sich freiwillig mit drögem Standardstrecken-Marmorkuchen zufriedengibt, während sich das Forstbuffet links und rechts unter den wunderbarsten Trail-Sahnetorten und zuckersüßen Hügel-Obsttörtchen nur so durchbiegt, ist mir schleierhaft. Aber auf der anderen Seite geht mich das merkwürdige Verhalten ambitionierter Rudelläufer im Grunde ‘nen absolut feuchten Kehricht an und überhaupt soll sowieso jeder nach seiner Facon selig werden. Und ich für meinen Teil werde heute beim Pfadfinden fernab des rechten Weges selig, soviel steht schon mal fest.

Beim nichtwirklichlangenverdammtnochmal! Lauf mit Herrn Gaida am vergangenen Sonntag habe ich ein neues Wegstück entdeckt , dessen weiteren Verlauf ich heute erkunden will. Während ich innerlich fröhlich pfeifend und äußerlich fröhlich schnaufend den ersten Anstieg hochtrabe, freue ich mir mehrere melonengrosse Löcher in den Bauch, weil die Landschaft rund ums nicht wirklich zauberhafte Neuwiedropolis als Ausgleich dafür umso zauberhafter ist. Felsige fingerhutgesäumte Pfade, schmale Wege durch dunklen Laubwald, tannennadelgeflieste Singletrails, sonnengeflutete Waldautobahnen – köstlich, her damit, alles zu mir!

Oha, was sieht mein schwitziges Auge: Rechts des Weges tut sich ein wurzeliges Trampelpfädchen auf und lockt ins Waldesinnere. Datt nehm’ ich. Datt sieht jut aus. Nachdem sich der Pfad mehrfach serpentinenartig durchs Unterholz gekräuselt hat, stehe ich plötzlich vor einer blühenden Wiese. Grundsätzlich finde ich blühende Wiesen ja ganz großartig, aber just in diesem Jahr spielte mir Mutter Natur einen perfiden Streich – nicht nur dass mein Heuschnupfen erstmalig nach Jahren mit Nachdruck zurückgekehrt ist und ziemlich nervig an Schleimhäuten und Atemwegen kratzt, ich musste auch noch zu meinem Leidwesen feststellen, dass erstmalig auch meine Haut ziemlich zickig auf Gräserpollen reagiert und beim kleinsten Kontakt tagelang beleidigt vor sich hinjuckt und -schwillt. Weiterlaufen ist also in diesem Fall keine Alternative, wenn ich mir nicht wieder tagelang das Gebein blutig kratzen will. Aber schnurz, dann nehme ich halt den Pfad dahinten. Wir sind ja hier nicht bei armen Leuten und können wegemässig aus den Vollen schöpfen. Es ist noch Suppe da! Quasi.

Hinter einer Kurve türmt sich allerdings erneut eine Wiese auf und fletscht die Pollenzähne. Dammisch nochmal. Dann eben…ähm…da rechts runter. Oder so. Der nächste Versuch endet schon nach einigen hundert Metern unverschämterweise einfach im Nirvana, der idyllisch anmutende Weg löst sich nämlich einfach so mirnixdirnix im Unterholz in Nichtwohlgefallen auf. Sachen gibt’s.

Irritiert laufe ich zurück, aber mittlerweile scheint jemand hinter meinem verschwitzten Rücken den Pfad komplett umgebaut zu haben – so sah das doch eben noch nicht aus hier? Da waren doch vor 2 Minuten noch knorrige Tannen und Fingerhüte noch und nöcher…? Und aus welcher Richtung bin ich eigentlich gekommen? Naja, “driss jätt drupp”, wie der Rheinländer sagt, ich bin ja Trailrunner by nature und wir finden ja bekanntlich nix toller, als uns querwaldein durch Unterholz zu schlagen. Naja, zumindest theoretisch. Also schlag’ ich mal…nur mit der Himmelsrichtung weiß ich jetzt gerade nicht so recht…da hoch? Oder da vorne runter? Oder wie?

So langsam kriecht mir eine leise Irritiation an den mittlerweile ziemlich zerkratzten Beinen hoch – Blondkäppchen hat sich im Wald verlaufen. Aber sowatt von. Das ist ja mal doof. Aber zum Glück sind wir ja hier im Rheinland und nicht in Kanada wo man tagelang durch die Wälder wandern kann ohne auf Zivilisation zu stoßen. Und der Räuber Hotzenplotz ist ja bloss ‘ne Figur aus Kindergeschichten und Wölfe gibt’s hier auch keine..also zumindest nicht so richtig viele. Mir kann also nix passieren. Blöderweise habe ich aber heute noch einen ziemlich vollen Terminkalender und gar keine Zeit für so ‘nen Firlefanz. Und Durst hab ich auch. Und überhaupt hätte ich jetzt doch gerne bitteschön so ein Stück drögen Standardstrecken-Marmorkuchen, wenns recht ist. Stattdessen stehe ich  hier knietief in der verdammten Sahnetorte und lasse mir von den Schokostreuseln die Beine blutig kratzen. Na, vielen Dank, du blödes prallgefülltes Trail-Kuchenbuffet, my ass!

Plötzlich erhellt eine Comic-Glühbirne über meinem Hirn den finsteren Forst…Geistesblitz! Die Forerunnerin hat doch so eine fabulöse “Zurück-zum-Start”-Funktion – wenn nicht jetzt, wann dann? Nach ein wenig schwitzig-hektischem Gefummel finde ich das entsprechende Knöpfchen und kann nun im Display zumindest die Richtung ersehen, in die ich meinen Laufkorpus bewegen muss, um zurück ans rettende Auto zu kommen. Sicherheitshalber halte ich mich gar nicht erst mit umständlicher Pfadsuche auf, sondern stapfe stoisch weiter offroad durchs Gehölz und hangele mich japsend über diverse unwegsame Anstiege, bis der Garmin-Monitor endlich die erlösende Zusammenkunft von Richtungspfeil und Marmorkuchen…ähem…der mir bereits bekannten Strecke anzeigt. Puh. Ich verberge meine Erleichterung gekonnt vor den spöttisch grinsenden Baumwipfeln und trabe zum Auto zurück.

Zumindest für heute hab’ ich die Sahne satt. So’n Marmorkuchen ist ja manchmal auch ganz lecker.

(06.06.13)

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