Meet the Rheinsteig-Ripper

“Hast du denn da gar keine Angst, so alleine im Wald?” werde ich oft gefragt und zum Glück kann ich diese Frage jedes Mal aus tiefstem Herzen mit “Nö!” beantworten. Es ist zwar nicht so, dass ich jemals einen psychotischen Serienkiller zu seinen bevorzugten Arbeitsplätzen befragt hätte, aber ich schätze die Wahrscheinlichkeit höher ein, dass jene Spezies ihrer unerfreulichen Tätigkeit auf einsamen Parkplätzen oder ähnlich stark frequentierten Orten nachgeht als das sie stunden- oder tagelang im dunklen, langweiligen Unterholz lauert. Und das einer 0,1%igen Chance, eventuell irgendwann mit viel Glück eine einsame Trampelpfadläuferin erbeuten zu können. Es mag durchaus sein, dass dieser Gedankengang unvorsichtig oder gar naiv ist, aber ich möchte mir den Genuss meiner einsamen langen Waldläufe nicht durch Furcht oder Unsicherheit verleiden lassen.

Und so hüpfe ich auch an diesem Sonntagmorgen arglos durch den Forst und erfreue mich der wunderbaren Einsamkeit, als plötzlich ein zur Kulisse unpassendes Geräusch das Vogelgezwitscher und Bächleingeplätscher unterbricht. Irgendwo pfeift hier jemand das Intro von Rammsteins “Engel”.

Nun ist der schlechte Musikgeschmack meiner Mitmenschen ja nicht unbedingt ein Grund zur Besorgnis – aber doch irritierte es mich, dass ich trotz peniblem visuellen Scan der Umgebung keinen Erzeuger dieser Flötentöne ausmachen kann. Da! Schon wieder! “Tüüü-tütü….tütüüü…tütüüü….”

Meine Nackenhaare proben zaghaft den Aufstand. Schliesslich weiß der erfahrene Horrorfilmkonsument als solcher, dass Melodien jedweder Art oft Blutbäder und abgehackte Gliedmassen nach sich ziehen. Ich sag’ nur “Eins, zwei, Freddy kommt vorbei…” Man kennt das.

“Tüü…tütüüüü….” – erneut tönt die rammsteinsche Melodei durch den idyllischen Wald und lässt mich nun doch ein wenig schaudern. Wer weiß, vielleicht treibt hier ja doch der blutrünstige Rheinsteig-Ripper sein Unwesen und näht nachts im Unterholz kecke Knickerbocker aus der Haut seiner Opfer. Oder gar der Birzenbach-Strangler, der seine morgendliche Käsestulle bevorzugt mit einem Humpen frischem Jungfrauenblut herunterspült…wobei man ja eigentlich weiß, dass gerade die unschuldigen, naiven Jungfrauen in Splatterfilmen fast immer überleben und stattdessen die schwarzhaarigen Flittchen dran glauben müssen. Zum Glück bin ich zumindest blond. Aber kann man sich sicher sein, dass sich ein Westerwälder Karl Manson auch ans Drehbuch hält?

Wachsam lasse ich erhobenen Hauptes mein Augenpaar unaufällig in alle Richtungen schweifen und laufe dabei betont forschen Schrittes weiter – bloss nicht hastig umdrehen oder gar stehenbleiben. Denn mit Serienkillern ist es wie mit Hunden – man darf keine Angst zeigen, das macht dich ratzfatz zum Opfer. Und auf Opfer-Sein hab’ ich heute echt keinen Bock und erst recht keine Zeit, schliesslich wartet zuhause eine Kirschtorte auf mich. Und ich muss noch Buntwäsche machen.

“Tüüüü…tütüüüü”…plötzlich taucht hinter einem Baumwipfel der Kopf eines älteren Herren auf, der – wie sich nach genauerem Hinsehen zeigt – auf einem dicken Pferd gemütlich und gedankenverloren auf einem schmalen Weg ein Stückchen über mir den Anstieg hinauftrottet…und dabei gedankenverloren vor sich hin pfeift. Obwohl ich mir selbst keine Furcht eingestanden habe, macht sich nun doch Erleichterung breit – wie ein Serienkiller sieht der gemächliche Reiter nicht aus, trägt er doch statt weißer Schlachterschürze eine gediegene Strickjoppe und statt Hannibal-Lecter-Maske einen braunen Filzhut. Wie ein typischer Rammsteinproll mutet er allerdings auch nicht an, aber das kann mir auch wurscht sein. Vermutlich hat er die Melodie bei einem Enkelkind aufgeschnappt und reitet nun ohrwurmgeplagt durch die Wälder.

Ich für meinen Teil bin recht erfreut darüber, heute doch nicht auf der Speisekarte eines örtlichen Psychopaten gelandet zu sein. Diese doofe Melodie werde ich allerdings bis zum Ende des Läufchens nicht mehr los…”Tüüü..tüüüdüüüüü”….aber irgendwas ist ja immer.

(26.05.14)

Foto: Photo by Bradley Davis on Unsplash

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