Olle Liebe rostet nicht

“Die Liebe kann, wie das Feuer, nicht ohne ständigen Antrieb bestehen;
sie hört auf zu leben, sobald sie aufhört zu hoffen oder zu fürchten.

(Francois de la Rochefoucauld)

Für mein Läufer-Ich war das Jahr 2013 ein wirklich spektakuläres….nicht nur, dass ich die wunderbarsten Laufkumpels der Welt getroffen und die grandiosesten Strecken der Region belaufen habe, ich hab’ mir auch bereits in der ersten Jahreshälfte öfter eine Ultrakerbe in meinen Athletentürrahmen geritzt als Halbmarathonmarken in der gesamten Zeit meines laufsportlichen Daseins.

Doch wenige Wochen nach dem Überfliegen der Rennsteiglauf-Ziellinie geraten mein innerer Laufteufel und und ich nach über 10 gemeinsamen Jahren in eine tiefe Krise. Im Nachhinein betrachtet hätte ich wohl nach dem Rennsteig einfach mal eine Weile Ultrafünfe gerade sein lassen und Seele und Körper baumeln lassen sollen. Stattdessen haben mich die Endorphine umgehenst zu einer Anmeldung beim Pfalztrail genötigt. Statt 72 nun 86 km! Höher! Schneller! Weiter!

Eine gar nicht allzu lange Weile später jedoch, als die Anmeldebestätigung längst in meinem Postfach einstaubt und der Pfalztrail-Trainingsplan schon mit den Hufen scharrt, sitze ich  meinem inneren Laufteufel am Frühstückstisch gegenüber und stelle mit Erstaunen, dass der Typ und ich uns irgendwie so überhaupt nix mehr zu sagen haben. Und das nach all’ den Jahren. Mehr noch, der gehörnte Mistkerl geht mir richtiggehend auf den Sack (metaphorisch gesehen). Nicht nur, dass mir jede Motivation zum Laufschuhschnüren fehlt, ich finde selbst perfekte Läufe auf wunderschönen Sommertrails einfach nur noch zum Kotzen. Aber so richtig.

Nachdem ich bei einem samstagsmorgendlichen Rheinsteigläufchen nach nur 3 mickrigen Kilometerchen beinahe einen Tobsuchtsanfall bekomme bei dem puren Gedanken daran, auch nur noch einen einzigen verfluchten Scheißdreckskilometer weiterlaufen zu MÜSSEN, und wutschschnaubend und frustheulend zurück zum Auto stapfe, komme ich zur traurigen Erkenntis, dass mein innerer Laufteufel und ich wohl mal eine Pause voneinander brauchen. Vielleicht haben wir einfach zu sehr aneinander geklebt in den letzten Monaten – und “alles, was man übertreibt, verwandelt sich in Traurigkeit”. Sagt man ja so. Und wenn ich Laufen nun mal scheisse finde, dann laufe ich halt jetzt nicht mehr. Punkt. So einfach ist das.

In den folgenden Wochen laufe ich also NICHT – und finde es genauso scheisse. Der leere Platz am Frühstückstisch, an dem mein innerer Laufteufel immer seinen Getreidekaffee geschlürft und mit der Zeitung geraschelt hat, starrt mich hämisch an und meine Hirnwindungen quietschen vor lauter Sauerstoffmangel. Hin und wieder lasse ich mich von meinem Laufpartner zu ein bißchen Kurzstreckengerenne überreden, aber der Funke springt nicht über. Es fühlt sich an, als wenn mein allerliebstes Lieblingsgericht…plötzlich nach gar nix mehr schmeckt.

Ganz davon abgesehen, dass mich die fehlende Bewegung körperlich und geistig ziemlich rammdösig macht und meine Kondition so langsam anfängt ihre Koffer zu packen, ärgere ich mich selbst tiefschwarz über meine Dämlichkeit, mir für eine ausgemachte Laufkrise ausgerechnet die letzten sonnigen hellen Tage des Jahres ausgesucht zu haben. Im kalten dunklen Winter lässt es sich doch viel besser herumkriseln. Blödes Gehirn, blödes.

Eines sonnigen Urlaubstages bekomme ich hohen Besuch von Herrn Göricke – eigentlich zu Fotozwecken, aber wenn mal schon mal ‘nen Läufer im Haus hat, dann könnte man ja auch laufen. So ein bißchen Kurzstrecke, zumindest.
In der Forstparfümerie steht schon die Herbstkollektion in den Regalen und erfreut die Nasen mit dem Duft von Morgensonne, frischgeschnittenem Holz, Tannennadeln und feuchtem Herbstlaub. Meine unteren Extremitäten fühlen sich zwar an, als hätte sie jemand mit Blei ausgegossen und auch die Lungenflügel ächzen schwer ob der mittlerweile ungewohnten Betätigung, aber Wald + Jens als kongeniales Duo lenken ganz wunderbar vom Umstand ab, dass ich ja eigentlich gar nicht mehr laufen kann. Mit einer Prise Entdeckerstolz präsentiere ich einige ganz besonders feine Trailperlchen, die ich erst kürzlich im heimischen Gehölz aufgestöbert habe und wir springen über Hügel, durchpflügen wurzelige Trails und  hüpfen über kleine Gräben.

“Ist das nicht grandios hier?” japse ich schnaufend und Jens grinst begeistert. “High-Five!”

Zurück auf der Waldautobahn jammere ich (zum wiederholten Male) darüber, dass ich sowas von empört darüber bin, dass mir mein Läufer-Mojo abhanden gekommen ist und wie doof sich das anfühlt, das mir das Laufen sowas von ü-ber-haupt keinen Spass mehr macht. Dem geneigten Leser wird die Absurdität der Situation vermutlich längst ins Auge gefallen sein und vermutlich wird sich auch Herr Göricke innerlich irritiert am Kopf gekratzt haben, denn Fakt ist: Während ich vor lauter Laufvergnügen fast aus der Bux springen könnte, nöle ich darüber, dass ich Laufen scheisse finde. Bekloppt? Bekloppt.

Aber bei mir fällt der Groschen bekanntermassen oft pfennigweise und so geht mir erst am Abend auf der Couch auf, dass mir der Morgenlauf doch tatsächlich so richtig dolles Vergnügen bereitet hat. Leckofatz!
Und überhaupt…riecht’s hier nicht nach Schwefel? Vorsichtig luge ich in die Küche und sehe dort meinen Laufteufel mit breitem Grinsen vor einer Tasse Kräutertee am Tisch sitzen und mit den Hörnern wackeln.

In den nächsten Tage teste ich zaghaft auf eher gemütlichen Wegen im Herbsthain an, ob das zart flackernde Läuferflämmchen eine realistische Überlebenschance hat, und so langsam beginnt es zu wieder zu lodern. Mein Laufteufel und sind wieder Kumpels. Na dann hopp, zurück ins Unterholz mit ihnen, Madame! Wurzeln! Matsch! Goldenes Herbstlaub! Und Hügel, Hügel! Regen! Heureka!

Es wird wohl noch ein Trailweilchen dauern, bis die Kondition ihre Koffer wieder in meinen Lungenflügeln ausgepackt hat, aber dann…wer weiß. Da draußen im Wald warten noch jede Menge Ultratrampelpfade darauf, von mir belaufen zu werden. Rock’n Roll!

(11.10.13)

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