Archiv für den Monat: September 2014

Meet the Rheinsteig-Ripper

“Hast du denn da gar keine Angst, so alleine im Wald?” werde ich oft gefragt und zum Glück kann ich diese Frage jedes Mal aus tiefstem Herzen mit “Nö!” beantworten. Es ist zwar nicht so, dass ich jemals einen psychotischen Serienkiller zu seinen bevorzugten Arbeitsplätzen befragt hätte, aber ich schätze die Wahrscheinlichkeit höher ein, dass jene Spezies ihrer unerfreulichen Tätigkeit auf einsamen Parkplätzen oder ähnlich stark frequentierten Orten nachgeht als das sie stunden- oder tagelang im dunklen, langweiligen Unterholz lauert. Und das einer 0,1%igen Chance, eventuell irgendwann mit viel Glück eine einsame Trampelpfadläuferin erbeuten zu können. Es mag durchaus sein, dass dieser Gedankengang unvorsichtig oder gar naiv ist, aber ich möchte mir den Genuss meiner einsamen langen Waldläufe nicht durch Furcht oder Unsicherheit verleiden lassen.

Und so hüpfe ich auch an diesem Sonntagmorgen arglos durch den Forst und erfreue mich der wunderbaren Einsamkeit, als plötzlich ein zur Kulisse unpassendes Geräusch das Vogelgezwitscher und Bächleingeplätscher unterbricht. Irgendwo pfeift hier jemand das Intro von Rammsteins “Engel”.

Nun ist der schlechte Musikgeschmack meiner Mitmenschen ja nicht unbedingt ein Grund zur Besorgnis – aber doch irritierte es mich, dass ich trotz peniblem visuellen Scan der Umgebung keinen Erzeuger dieser Flötentöne ausmachen kann. Da! Schon wieder! “Tüüü-tütü….tütüüü…tütüüü….”

Meine Nackenhaare proben zaghaft den Aufstand. Schliesslich weiß der erfahrene Horrorfilmkonsument als solcher, dass Melodien jedweder Art oft Blutbäder und abgehackte Gliedmassen nach sich ziehen. Ich sag’ nur “Eins, zwei, Freddy kommt vorbei…” Man kennt das.

“Tüü…tütüüüü….” – erneut tönt die rammsteinsche Melodei durch den idyllischen Wald und lässt mich nun doch ein wenig schaudern. Wer weiß, vielleicht treibt hier ja doch der blutrünstige Rheinsteig-Ripper sein Unwesen und näht nachts im Unterholz kecke Knickerbocker aus der Haut seiner Opfer. Oder gar der Birzenbach-Strangler, der seine morgendliche Käsestulle bevorzugt mit einem Humpen frischem Jungfrauenblut herunterspült…wobei man ja eigentlich weiß, dass gerade die unschuldigen, naiven Jungfrauen in Splatterfilmen fast immer überleben und stattdessen die schwarzhaarigen Flittchen dran glauben müssen. Zum Glück bin ich zumindest blond. Aber kann man sich sicher sein, dass sich ein Westerwälder Karl Manson auch ans Drehbuch hält?

Wachsam lasse ich erhobenen Hauptes mein Augenpaar unaufällig in alle Richtungen schweifen und laufe dabei betont forschen Schrittes weiter – bloss nicht hastig umdrehen oder gar stehenbleiben. Denn mit Serienkillern ist es wie mit Hunden – man darf keine Angst zeigen, das macht dich ratzfatz zum Opfer. Und auf Opfer-Sein hab’ ich heute echt keinen Bock und erst recht keine Zeit, schliesslich wartet zuhause eine Kirschtorte auf mich. Und ich muss noch Buntwäsche machen.

“Tüüüü…tütüüüü”…plötzlich taucht hinter einem Baumwipfel der Kopf eines älteren Herren auf, der – wie sich nach genauerem Hinsehen zeigt – auf einem dicken Pferd gemütlich und gedankenverloren auf einem schmalen Weg ein Stückchen über mir den Anstieg hinauftrottet…und dabei gedankenverloren vor sich hin pfeift. Obwohl ich mir selbst keine Furcht eingestanden habe, macht sich nun doch Erleichterung breit – wie ein Serienkiller sieht der gemächliche Reiter nicht aus, trägt er doch statt weißer Schlachterschürze eine gediegene Strickjoppe und statt Hannibal-Lecter-Maske einen braunen Filzhut. Wie ein typischer Rammsteinproll mutet er allerdings auch nicht an, aber das kann mir auch wurscht sein. Vermutlich hat er die Melodie bei einem Enkelkind aufgeschnappt und reitet nun ohrwurmgeplagt durch die Wälder.

Ich für meinen Teil bin recht erfreut darüber, heute doch nicht auf der Speisekarte eines örtlichen Psychopaten gelandet zu sein. Diese doofe Melodie werde ich allerdings bis zum Ende des Läufchens nicht mehr los…”Tüüü..tüüüdüüüüü”….aber irgendwas ist ja immer.

(26.05.14)

Foto: Photo by Bradley Davis on Unsplash

Des Wahnsinns fette Beute – Nebenwirkungen des Ausdauersports

Man liest und hört ja vielerorten von dem positiven Nutzen der läuferischen Betätigung an der frischen Luft – ich hingegen möchte heute mal eine gutgemeinte Warnung an alle Nichtläufer aussprechen: Lasst das mit dem Laufen lieber sein – an ganz besonders schönen Sommertagen wird man nämlich gelegentlich schlichtweg wahnsinnig. Und ernsthaft…Wahnsinnig-Werden kann doch nicht gesund sein.

An diesem harmlosen Frühlingssonntag mache ich mich auf, um meine neuerworbenen designierten 24-Stunden-Laufschuhe zugegebenerweise nicht ganz asphaltschlappenartgerecht auf idyllischen Forstwegen einzutraben. Das meine Füsse deutlich später als angedacht den Waldboden berühren, hat den Vorteil, dass der typische Neuwiedropolis-Bäh!-Morgennebel bereits unbekannt verzogen ist und die Sonne sich vor Lachen bereits den güldenen Bauch hält. Ich trabe los und meine neuen grottenhässlich-neongrünen Laufschläppchen erweisen sich als ultrafluffige Wegbegleiter.

Die Vöglein tschilpen sich ‘nen Wolf und zwischen den Baumwipfeln ringen die Sonnenstrahlen mit den letzten Nebelfetzen betörend schön um die Vorherrschaft am Firmament. Das leise plätschernde Bächlein in seinem grünbemoosten Bett setzt dem Leckofatz!-Faktor die Krone auf  – Laufen ist ‘ne coole Sau! Echt jetzt mal!
Und wie unfassbar! schön doch der Frühlingswald ist und wie unfassbar! toll es ist, dass ich (zumindest phyisch) gesund und fit bin und hier so einfach mirnixdirnix herumlaufen kann. Und das alles für total umsonst. Kost’ nix. Für umme. Wenn man mal bedenkt, welche Unsummen Menschen für irgendwelche affigen Designerdrogen ausgeben, die am Ende nur schmerzende Schädel, kaputte Nieren und perforierte Nasenscheidewände hervorbringen – und hier im Forst ist der ganze Drogenrausch kostenfrei und jederzeit verfügbar.Warum sacht denen datt nich’ mal einer?

Kurz gesagt: – “Woah, ALTER, iss datt HAMMER!”

Während der nächsten Kilometer flippe ich beinahe sekündlich aus vor lauter Begeisterung über mein eigenes Waldläuferdasein. Würde ich auch nur den Hauch einer Chance sehen, ohne Genickbruch aus der Sache rauszkommen – ich würde flic-flac-end, radschlagend und handstandmachend durchs Unterholz und über die unfassbar! grüne Frühlingswiese springen oder mich wie meine Miezekatzen auf dem Rücken rollend schnurrend übers Laub wälzen.

Nach einer heiteren Weile begegnet mir ein wanderndes Paar – und auf dem Tuch, das den Schädel des männlichen Wandersmannes ziert, entdecke ich verzückt den Schriftzug eines mir sehr am Herzen liegenden Trampelpfadläufer-Printmagazins. Ich widerstehe dem Impuls, die beiden Fremden freudig kreischend an meine verschwitzte Brust zu reissen und plärre stattdessen mit vermutlich vor Euphorie hektisch flackerndem Blick “TRAILMAGAZIN! SUPER!” Das mir auf den Zunge liegende “Da bin ich nämlich die Rezeptetussi, JAWOHL!” schlucke ich sicherheitshalber runter, da der Blick der Wandernden mir ein wenig irritiert scheint und so beschränke ich mich auf überschwängliches Doppel-Thumbs-up und zügigem Weiterlaufen. “Frollein, jetzt benimm’ dich mal, watt sollen denn die Leute denken!” massregele ich mich selbst, um mich nur eine Minute später wieder dem absoluten Endorphinwahnsinn hinzugeben. Alter Schwede, was ist der Wald heute hübsch!

Und die Sonne. Die Sonne!

Jede einzelne Zelle meines Körper fühlt sich so unglaublich lebendig an, dass mein Hirn überhaupt nicht mehr weiß, wie es seiner Begeisterung Ausdruck verleihen soll und sich irgendwann einfach abschaltet. Ich singe ein wenig vor mich hin, ungeachtet der Tatsache, dass hauptsächlich russischer und türkischer Punkrock aus meinen Ohrstöpseln ins Hirn fliesst und ich weder der einen noch der anderen Sprache mächtig bin. “Hoooheeeooo…sssütschmalaaaaa…sssüüütschmalaktaaaa…”…Für meine eigenen Ohren zumindest klingt mein Türkisch an diesem wunderbaren Tag absolut per-fekt. “Hassmajaa..ödüüüruüüüm…”….

Eine beschwing-heitere Kilometerchen später sehe ich erneut das trailmag-bebuffte Wanderspaar am Horizont und kann nun doch noch im Vorbeilaufen die wichtige Information loslassen, dass iiii-hiiiiiiich! iiiiiimmer! die Rezepte fürs Magazin schreibe. Nur raus damit. An Unausgesprochenem kann man schliesslich ersticken oder Magengeschwüre bekommen. Die Fremden mimem überzeugend höfliches Interesse und wünschen mir noch viel Spass beim Lauf, was böse Zungen wohl mit “Und jetzt hau ab, du irre Angeberin!” übersetzen könnten, aber ich bin meinen inneren Stimmen gegenüber heute extrem wohlgesonnen und lasse mich nicht verunsichern. Und überhaupt – watt iss’ der Wald heute schön. Und all’ das kost’ keinen Cent. Leckofatz, hier!

Tippi-toppi. Und dreimal schwarzer Kater.

Nach knapp 1,5 Stunden Waldlaufparty habe ich Muskelkater in den Mundwinkeln vor lauter Dauergrinsen, mein Zahnfleisch ist aus dem selben Grund komplett ausgetrocknet und ich bin nur noch zu albernstem Kichern fähig. Und bis zum Wieder-Erreichen dessen, was man als “Normalzustand” bezeichnen könnte, ziehen locker ein paar Stunden ins Land.

Mal ehrlich – solche Begleiterscheinungen sind doch wirklich unheimlich. Das sollte man wirklich besser lassen, das mit dem Laufen.

Ähem.
Nicht.

(06.04.14)

Aufzucht und Pflege eines Brauchtums

Ein “Brauch” ist per Definition “eine innerhalb einer festen sozialen Gemeinschaft erwachsene Gewohnheit” – somit ist es wohl  “Brauch”, dass ich  zu meinem Wiegenfeste die Anzahl der Jahre auf meinem Buckel in zu laufende Kilometer umsetze.

Habe ich letztes Jahr schon gemacht und mache es in diesem Jahr wieder, somit sind alle Kriterien erfüllt, um meinem Geburtstagslauf den Brauchtums-Stempel draufzuklatschen.

Und natürlich verlangt der Brauch, dass ich in diesem Jahr noch einen Kilometer anhänge, somit stehen also 39 km auf dem Plan. Im Gegensatz zu letztem Jahr, wo ich mit Herrn Gaida fluchend und schimpfend (also ich jetzt – der Herr Gaida schimpft ja nie) über Schnee und Eis gerutscht bin, hatten die Wettergötter diesmal ein Herz für untrainierte Ultraläuferinnen a.D. kurz vor der W40 und haben mir und meinen Mitstreitern einen unglaublich schönen Frühlingstag kredenzt.

Vor Laufstart lasse ich mich dem Anlass entsprechend huldigen und hofieren, dann geht’s auch schon los in den vögelbezwitscherten bächleinbeplätscherten Frühlingsforst, dessen Anblick und Duft den Li-La-Launenpegel umgehend in schwindelerregende Höhen schubst. Sprich: Der per!-fek!-te Frühlingsanfang. Perfektererer wäre schier unmöglich.

Die Sonne kugelt sich vor Lachen über den Waldboden und der Himmel strahlt blitzeblau mit fluffigen Wolkentupfen auf uns her ab – Inga (auch bekannnt als die “Colagöttin”, aber dies ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll…oder gar nicht) und Sascha nebst Traildog Bonni leisten mir angenehmste Gesellschaft. Wie immer wird “am Berg gegangen!”, worauf ich diesmal besonders vehement und unter ständigem Pochen auf mein Geburtstagskind-Sonderrecht poche. “It’s my party, and I walk if I want to….”

Saschas Außenwelt-Kommunikator in Brusthöhe piept und hupt in regelmässigen Abständen vor sich hin, was mich nach ca. 3 Stunden zum empörten Ausruf  “Jetzt IST aber mal genug, schliesslich hab’ ICH heute Geburtstag!” verleitet. “Aber ich doch auch.” murmelt der Ruppinator beiläufig und nestelt an seinem Mobiltelefon herum. “WATT?” ertönt es überrascht aus zwei weiblichen Kehlen “echt jetzt?”

Der Ruppinator betont glaubhaft, am heutigen Tage vor genau 33 Jahren geboren worden zu sein, und im Nachhinein ergeben dann Äußerungen wie “Ich komm’ mit bei deinem Geburtstagslauf, aber ich bleib’ dann bei Kilometer 33 stehen, weiter muss ich ja nicht” doch Sinn – aber letztlich habe ich wohl jede Andeutung und Information über ein eventuelles Wiegenfest meines Mitläufers konsequent egoistisch und unaufmerksam überhört. Umgehend plärren Inga und ich ein ganz und gar formidables Geburtstagsständchen in den Frühlingswald hinaus und ich schäme mich ein bißchen in mich rein, denn ich meine mich zart zu erinnern, dass Sascha wohl auch schon im letzten Jahr am selben Tag wie ich Geburtstag hatte und dies auch erwähnt hatte. Schande über mein Haupt.

“Wäre ja auch ein bißchen anmassend zu glauben, dass du die Einzige bist, die am 20. März geboren ist, eh?” grinst der Ruppinator wenig nachtragend und weiter geht’s…die Kilometer läppern sich beschwingt zusammen und trotz mangelnder Fitness und Form meinerseits halten sich die Ermüdungserscheinungen an Körper und Geist in erträglichen Grenzen.
Bei Kilometer 36 biegt das männliche Geburtstagskind Richtung Parkplatz ab, denn zum einen hat er sein Jahres-Soll mehr als erfüllt, zum anderen drängen familiäre Termine. Inga und ich schieben uns müde und matt aber maximalfröhlich in einer letzten Runde um den idyllisch-glitzernden See und gönnen uns zum krönenden Abschluss ein kühles Weizenbier in der Mittagssonne. Und bemerken (fürs Protokoll), dass das Leben echt schön ist. Zumindest jetzt gerade in diesem wohlig erschöpften, frühlingshaften Moment.
Das machen wir nächstes Jahr wieder, ne?

(20.03.14)