Archiv für den Monat: September 2014

Lost in a forest – “Aber bitte mit Sahne”

Auf einem meiner Lieblingswaldspielplätze begegnet mir sonntags hin und wieder eine Gruppe Läufer, die sich dort regelmässig zum gemeinsamen frühmorgendlichen Rennsporteln einfindet.
Immer zur gleichen Uhrzeit.
Immer die gleiche Strecke.
Jeden.
Sonntag.

Über derart eingefahrene Gewohnheitsviecherei muss ich innerlich immer ein wenig schmunzeln. Warum man sich freiwillig mit drögem Standardstrecken-Marmorkuchen zufriedengibt, während sich das Forstbuffet links und rechts unter den wunderbarsten Trail-Sahnetorten und zuckersüßen Hügel-Obsttörtchen nur so durchbiegt, ist mir schleierhaft. Aber auf der anderen Seite geht mich das merkwürdige Verhalten ambitionierter Rudelläufer im Grunde ‘nen absolut feuchten Kehricht an und überhaupt soll sowieso jeder nach seiner Facon selig werden. Und ich für meinen Teil werde heute beim Pfadfinden fernab des rechten Weges selig, soviel steht schon mal fest.

Beim nichtwirklichlangenverdammtnochmal! Lauf mit Herrn Gaida am vergangenen Sonntag habe ich ein neues Wegstück entdeckt , dessen weiteren Verlauf ich heute erkunden will. Während ich innerlich fröhlich pfeifend und äußerlich fröhlich schnaufend den ersten Anstieg hochtrabe, freue ich mir mehrere melonengrosse Löcher in den Bauch, weil die Landschaft rund ums nicht wirklich zauberhafte Neuwiedropolis als Ausgleich dafür umso zauberhafter ist. Felsige fingerhutgesäumte Pfade, schmale Wege durch dunklen Laubwald, tannennadelgeflieste Singletrails, sonnengeflutete Waldautobahnen – köstlich, her damit, alles zu mir!

Oha, was sieht mein schwitziges Auge: Rechts des Weges tut sich ein wurzeliges Trampelpfädchen auf und lockt ins Waldesinnere. Datt nehm’ ich. Datt sieht jut aus. Nachdem sich der Pfad mehrfach serpentinenartig durchs Unterholz gekräuselt hat, stehe ich plötzlich vor einer blühenden Wiese. Grundsätzlich finde ich blühende Wiesen ja ganz großartig, aber just in diesem Jahr spielte mir Mutter Natur einen perfiden Streich – nicht nur dass mein Heuschnupfen erstmalig nach Jahren mit Nachdruck zurückgekehrt ist und ziemlich nervig an Schleimhäuten und Atemwegen kratzt, ich musste auch noch zu meinem Leidwesen feststellen, dass erstmalig auch meine Haut ziemlich zickig auf Gräserpollen reagiert und beim kleinsten Kontakt tagelang beleidigt vor sich hinjuckt und -schwillt. Weiterlaufen ist also in diesem Fall keine Alternative, wenn ich mir nicht wieder tagelang das Gebein blutig kratzen will. Aber schnurz, dann nehme ich halt den Pfad dahinten. Wir sind ja hier nicht bei armen Leuten und können wegemässig aus den Vollen schöpfen. Es ist noch Suppe da! Quasi.

Hinter einer Kurve türmt sich allerdings erneut eine Wiese auf und fletscht die Pollenzähne. Dammisch nochmal. Dann eben…ähm…da rechts runter. Oder so. Der nächste Versuch endet schon nach einigen hundert Metern unverschämterweise einfach im Nirvana, der idyllisch anmutende Weg löst sich nämlich einfach so mirnixdirnix im Unterholz in Nichtwohlgefallen auf. Sachen gibt’s.

Irritiert laufe ich zurück, aber mittlerweile scheint jemand hinter meinem verschwitzten Rücken den Pfad komplett umgebaut zu haben – so sah das doch eben noch nicht aus hier? Da waren doch vor 2 Minuten noch knorrige Tannen und Fingerhüte noch und nöcher…? Und aus welcher Richtung bin ich eigentlich gekommen? Naja, “driss jätt drupp”, wie der Rheinländer sagt, ich bin ja Trailrunner by nature und wir finden ja bekanntlich nix toller, als uns querwaldein durch Unterholz zu schlagen. Naja, zumindest theoretisch. Also schlag’ ich mal…nur mit der Himmelsrichtung weiß ich jetzt gerade nicht so recht…da hoch? Oder da vorne runter? Oder wie?

So langsam kriecht mir eine leise Irritiation an den mittlerweile ziemlich zerkratzten Beinen hoch – Blondkäppchen hat sich im Wald verlaufen. Aber sowatt von. Das ist ja mal doof. Aber zum Glück sind wir ja hier im Rheinland und nicht in Kanada wo man tagelang durch die Wälder wandern kann ohne auf Zivilisation zu stoßen. Und der Räuber Hotzenplotz ist ja bloss ‘ne Figur aus Kindergeschichten und Wölfe gibt’s hier auch keine..also zumindest nicht so richtig viele. Mir kann also nix passieren. Blöderweise habe ich aber heute noch einen ziemlich vollen Terminkalender und gar keine Zeit für so ‘nen Firlefanz. Und Durst hab ich auch. Und überhaupt hätte ich jetzt doch gerne bitteschön so ein Stück drögen Standardstrecken-Marmorkuchen, wenns recht ist. Stattdessen stehe ich  hier knietief in der verdammten Sahnetorte und lasse mir von den Schokostreuseln die Beine blutig kratzen. Na, vielen Dank, du blödes prallgefülltes Trail-Kuchenbuffet, my ass!

Plötzlich erhellt eine Comic-Glühbirne über meinem Hirn den finsteren Forst…Geistesblitz! Die Forerunnerin hat doch so eine fabulöse “Zurück-zum-Start”-Funktion – wenn nicht jetzt, wann dann? Nach ein wenig schwitzig-hektischem Gefummel finde ich das entsprechende Knöpfchen und kann nun im Display zumindest die Richtung ersehen, in die ich meinen Laufkorpus bewegen muss, um zurück ans rettende Auto zu kommen. Sicherheitshalber halte ich mich gar nicht erst mit umständlicher Pfadsuche auf, sondern stapfe stoisch weiter offroad durchs Gehölz und hangele mich japsend über diverse unwegsame Anstiege, bis der Garmin-Monitor endlich die erlösende Zusammenkunft von Richtungspfeil und Marmorkuchen…ähem…der mir bereits bekannten Strecke anzeigt. Puh. Ich verberge meine Erleichterung gekonnt vor den spöttisch grinsenden Baumwipfeln und trabe zum Auto zurück.

Zumindest für heute hab’ ich die Sahne satt. So’n Marmorkuchen ist ja manchmal auch ganz lecker.

(06.06.13)

Some girls wander by mistake – ein Waldbreitbacher Wied(-Alp)traum

Meinem heutigen To-Wander-Weg wurden durch seine eitle Namensgebung “Waldbreitbacher Wiedtraum” schon einige Vorschußlorbeeren ins Haar geflochten und ich kann mir ein spöttisches Grinsen beim Download des GPS-Tracks nicht verkneifen. Ich bin in der Gegend aufgewachsen und kenne die Region durch unzählige “Mannoissnochweiiiit?”-Wanderungen mit meinen Eltern – und habe das Landschaftsbild aus dieser Zeit als nicht besonders spektakulär, geschweige denn “traumhaft” in der zugegeben leicht verblassten Erinnerung. Aber in über 30 Jahren ändert sich ja gelegentlich der eigene Blickwinkel und so starte ich hochmotiviert in diesen sonnigen Samstagmorgen, um mir anzuschauen, wovon der gemeine Waldbreitbacher so träumt, wenn er vom Wandern träumt.

Erster Pluspunkt – die Tour startet von einem großen, kostenlosen Parkplatz und noch viel pluspunktiger sind die öffentlichen Toiletten direkt daneben, die auch zum Glück in einem “nicht ganz so garstigen” Hygienezustand sind. Läuft.

Zum Warmwandern startet der “Wiedtraum” (die spöttischen Anführungszeichen konnte ich mir nicht verkneifen) mit einem gemächlichen Kilometerchen entlang der plätschendern Namensgeberin, um dann den Wandersmann schnurstracks auf einen steilen Anstieg in den Wald zu schicken. Als ich den Pulsbeschleuniger-Stich hochgeschnauft bin, werde ich für meine Mühen mit bezaubernden Trampelpfaden belohnt, die wie eine schimmernde Perlenkette durch den sonnendurchfluteten Wald aufgefädelt sind. Ich verkneife mir mit Mühe ein innerliches “Traum-haft!”,  aber das Hohnlächeln weicht erstmalig einem verzückten Grinsen.

Also, so dermassen allerliebst waren die Wege hier früher lichttraumnicht – die waren bloss doof und steil und vor allem meistens leider echt “noch wee-heeeeit”.

Auch wenn der Name “Waldbreitbacher Wiedtraum” klingt wie ein Eisbecher mit Sprühsahne in einer angestaubten Dorf-Eisdiele, so scheint der Weg ihn trotzdem mit Fug und Recht zu tragen – ich könnte mir diese Route selbst nicht abwechslungsreicher, knackiger und idyllischer zusammenstricken und trödele mich begeistert durch die Botanik.

Im Dörfchen Roßbach wird gerade von hemdsärmeligen Jungburschen unter äußerst wachsamer Beobachtung von Passanten (und wichtigen Tips eines bierbäuchigen Filzhutträgers) ein riesiger Kirmesbaum aufgestellt und eine kribbelige Aufregung liegt in der Luft.  Weiter oben im Dorf passiere ich ein pompös geschmücktes Haus, bei dem ein unübersehbares Riesenschild mit der Aufschrift “Schützenpaar 2014” auf die hochherrschaftlichen Bewohner hindeutet. Die Dorfkirmes ist hier auf dem Land immer das Top-Event des Jahres und vermutlich wälzen sich die zuständigen Komitee-Mitglieder schon seit Wochen vor Aufregung schlaflos in ihren Betten.

Der Anstieg auf das “Roßbächer Häubchen” treibt mir meinen Zynismus allerdings mit einer gefühlten 90%-Steigung ziemlich flott aus den Hirnwindungen und ich bestaune erneut die frappante landschaftliche Schönheit. Der Name “Roßbächer Häubchen” klingt durchaus vertraut und garantiert führten die sonntäglichen Pflichtwanderungen mit meinen Eltern auch des öfteren über dieses Wegstück, aber ein Dejá-Vu-Gefühl bleibt aus. Vermutlich sass ich an dieser Stelle bereits trotzig auf den Schultern meines Papas, weil ich jetzt aber wirklich mal “kei!-nen! Schritt” mehr weitergehen wollte konnte und mich nur die Aussicht auf einen Trost-Eisbecher gerade noch so am Leben erhielt. Heute jedenfalls kippe ich schier aus den Latschen vor lauter Begeisterung über diesen gigantösen Pfad (und ein bißchen auch vor Anstrengung).

Der Weg zum Häubchen führt über einen “Basaltlehrpfad”, der mich auch gleich wichtige Dinge lehrt – zum Beispiel, das herumliegende, vermooste Basaltbrocken einen fast schon verwunschen-hübschen Anblick bieten, wenn sie von glitzernden Sonnenstreifen verziert werden.

Doll.
Wieder was gelernt.

wiedtraumOben angekommen wird mein Bauch mit einer leicht angedötschen Klappstulle und meine Netzhaut mit einer sa-haaaagenhaften Aussicht belohnt. Wiedtraum, galore. Ich aaah!-e und oooooh!-e nach Leibeskräften in alle Himmelsrichtungen. Und weiter geht’s.

Hinab, hinauf, Tannenwald, Trampelpfade, Aussicht, Idylle, schön, leckofatz.

Später dann hinter dem Dorf Elsbach kommt eine Stelle, die zum Glück im GPS-Track als “knifflig” markiert wurde, (worauf mich die Forerunnerin am Handgelenk auch nachdrücklich piepsend hinweist)- der Übergang eines Baches hat sich einen perfekten Tarnumhang übergestreift und auch der Singletrail, der den Wiedtraum weiterführt, ist eigentlich noch nicht mal mit gutem Willen als solcher zu erkennen. Devot und stoische stapfe ich folgsam der schwarzen Linie auf meinem Display hinterher durchs Laub, obwohl sich das hier schon sehr nach “offroad” anfühlt – aber nach wenigen Metern stoße ich wieder auf einen unzweifelhaft als solchen zu identifizierenen Forstweg und alles ist Wölken, bzw. Träumchen.

Bei Kilometer 14 kurz hinter Hochscheid mutiert der Wiedtraum dann kurzfristig zum Alptraum – an einer Weggabelung mit 3 Möglichkeiten beschließt die Forerunnerin, mich mal spontan kräftig zum Äffchen zu machen…die schwarze Linie mitsamt Pfeil springt munter hin und her und lässt sich auf keine Marschrichtung festlegen. Vermutlich hat sie Stunk mit irgendeinem Satelliten angefangen und verschränkt gerade trotzig die Empfangsärmchen. So eine GPS-Zickerei ist mir nicht ganz unbekannt, meistens ist die Garmina aber nicht nachtragend und schnell wieder einsatzbereit. Heute hingegen scheint sie unwillig und kreischt unablässig “Kursabweichung. KURSABWEICHUNG”, egal wohin ich mich auch drehe und wende. Ich hab’ keine Ahnung, in welche Richtung ich weitermarschieren soll/kann/darf. Nach kurzer innerer Beratung enscheide ich mich für “rechts die Wiese runter”, weil dieser Weg am schönsten anmutet. Mein Richtungspfeil zappelt auf dem Display wie ein Fisch auf dem Trockenen.

Kurze Zeit später stehe ich im wahrsten Wortsinn im Wald und suche vergebens nach einer Wegmarkierung…und noch ein Weilchen später ist sogar der Weg verschwunden und hat sich im belaubten Unterholz in Unwohlgefallen aufgelöst. Dafür zeigt die Forerunnerin immerhin wieder gönnerhaft eine Route an, die allerdings ca. 100 m von meinem Standpunkt entfernt winkt. Folgsam stapfe ich in die bepfeilte Richtung – so ein Weg ist ja keine Nadel im Laubhaufen, der muss ja zu finden sein. Meistens hat der Wald ja aufgeräumt und findet alles wieder.

Mein Zweckoptimismus weicht leiser Irritation, als ich feststelle, dass es rings um mich herum nun doch ziemlich steil, moosig und rutschig wird. “Das kann so nicht richtig sein” bemerkt mein Verstand folgerichtig und dann registriert das Auge “Das geht ganz schön steil runter hier”. Alle inneren Warnungen zum Trotz entschliesse ich mich, zumindest noch ein Stück weiter nach unten zu kraxeln, der schwarze Pfeil lockt verheissungsvoll und ich erhoffe ihn in greifbarer Nähe. Letztlich habe ich ohnehin nicht den Hauch einer Ahnung, wo ich gerade bin – da kann ich auch noch ein Stückchen den Abhang runterrutschen.
Wieder später stelle ich fest, dass das “hier”nicht nur “nicht richtig sein kann”, sondern dass es wirklich VERDAMMT steil nach unten geht, und das die schwarze Linie wohl irgendwo da unten im Tal liegt. Ein Blick nach oben zeigt schnell, das “zurück” auch keine brauchbare Option ist, denn angesichts dieser rutschigen, grünschimmernden Felsen frage ich mich ohnehin, wie ich da überhaupt heilen Halses runtergekommen bin. Ich hänge also fest. Schöner Scheiss.

Das wilde, panische Aufpochen meines Herzens ignorierend scanne ich das Umfeld nach Lösungsmöglichkeiten – wenn ich mich langsam auf dem Pobbes rechts runterhangele, könnte ich zumindest von diesem Baum da aufgehalten werden, wenn ich ins Rutschen komme – und von da aus kann ich mich an der Wurzel festhalten und bis zu dem Felsbrocken links manövrieren. Hat was von Real-Life-Tetris. Bänglich arbeite ich mich in Zentimeter-Schrittchen nach unten. Neben mir löst sich ein Stein und hüpft in die Tiefe. Großartig.
Nach einer Weile höre ich durch mein hysterisch hämmerndes Herz ein entferntes Wasserplätschern unter meinen Füßen, vermutlich ein Bach. “Bach ist gut” verkündet mein Verstand kurz und knapp.

Bach heißt Tal.
Tal ist gut.

Leider plätschert das Wässerchen nicht so nah wie ich es gerne hätte, und ich hangele mich weiter in die Tiefe, halb rutschend, halb an Wurzeln und Äste geklammert und eskortiert von lustig hüpfenden Steinchen, die mir den Weg nach unten weisen. Leckofatz. Schöner Scheiss. Mann, Mann, Mann. Datt kann man doch keinem erzählen, datt hier.

Gefühlte 5-6 Stunden später sehe ich den Bachlauf dann auch endlich und muss nur noch über einen klitschnassen Felsen rutschen und einmal durch das nasse Laub schliddern und wumms! lande ich unversehrt auf sicherem Boden. “Meine Fresse” kommentiere ich dieses Erlebnis und ich setze mich erstmal in den Matsch, um meine zitternden Beine zu restabilisieren. “Kurs gefunden!” quakt die Forerunnerin triumphierend. Na, schönen Dank aber auch, du dämliche Kuh.

Durch die Ast- und Wurzelklimmzüge schlottern meine Oberarm- und Brustmuskeln so sehr, dass ich kaum meine Wasserflasche anheben kann, ich atme tief durch und stapfe weiter. Ein befestiger, richtiger, echter Weg! Welch Wonne.

makroEin paar zitternde Meter weiter dröseln sich links und rechts zarte Trailfäden vom Hauptweg ab, die ich aber stur ignoriere. “Kursabweichung!” krakeelt die Forerunnerin empört, aber ich zeige ihr bockig den Mittelfinger. Jetzt wo ich einen begehbaren Weg gefunden habe, geb’ ich den freiwillig nicht mehr her! Ich habe zwar immernoch keinen Schimmer, wo ich gerade bin, aber erfahrungsgemäß führen die meisten Wege ja irgendwo hin. Und so ist es dann auch und ich stoße auf eine Hauptstraße. Zivilisation, komm’ an meine Brust!

Unschuldig lachend weist die Sonne mir die Richtung über einen asphaltierten Fußweg (den ich normalerweise als “Schönwetterspaziergänger-Autobahn” abtun würde, der mir in diesem Moment aber wohltuend gefällig erscheint) entlang der plätschernden Wied zurück zu meinem Auto und erfreue mich der schlichten Tatsache, dass ich noch heile bin.

Nachdem ich den Schrecken abgeschüttelt habe und nur noch meine schmerzenden Arme an diese unschöne Schlitterpartie erinnern, beschliesse ich gönnerhaft und huldvoll, die hinter mir liegende Wandertour dennoch ganz schön großartig und auf jeden Fall wiederholenswert zu finden – außerdem liegen da irgendwo im Wald bei Hochscheid noch einige ungewanderte Kilometer, die ich durch meine Schlitterschleife verloren habe.
Nicht das an die noch was drankommt.

03.10.14 – Fortsetzung folgt:
“Kaum macht man’s richtig, schon geht’s” – Waldbreitbacher Wiedtraum, 2. Versuch

Das schönste Ziel der Welt liegt in Schmiedefeld – Rennsteiglauf 2013

24.05.13 – irgendwo in Neuwiedrockcity – 11.00 Uhr vormittags
….noch einmal den Faden durch die Metallöse des kleinen Blümchens ziehen und einen richtig festen Knoten machen…..Faden abschneiden….dann sitzt mein Glücksbringer, den mir Ruth zum Geburtstag geschenkt hat, bombenfest und absolut ultrasicher an meinem Lieblings-Haarband. Mit Abschluss dieser Handlung hake ich gedanklich den letzten Punkt “An Glücksbringer-Edelweiß denken” von Ruths perfekt durchdachter Pack-und-To-Do-Liste fürs kommende Wochenende ab und atme tief durch. Was getan werden konnte, ist getan. Der Rennsteig kann kommen. Ich bin bereit…

25.05.13 – irgendwo in der Nähe von Schmiedefeld – 03.00 Uhr morgens
Mein Wecker schreit mich empört aus meinem Dämmerzustand und mein Hirn schaltet nach einem kurzen “Drei Uhr morgens, hast Du ‘nen KNALL?”-Aufschrei widerwillig in den Betriebsmodus. Rennsteigmorgen. Leckofatz!

Nachdem die Wettergötter zeitweise irgendwas von Schneefall und ähnlichem Horrorwetter orakelt haben, habe ich, Ruths Anweisungen zum Trotz, bloss eine lange Laufbuxe im Gepäck, aber nach Sichtung der Wettersituation vor Ort zaubert meine Tourmanagerin wie selbstverständlich eine perfekt sitzende 3/4-Hose aus ihrem eigenen Fundus. Somit steht einem perfektem Ultra-Abenteuer nichts mehr im Wege.

Eisenach, 05.30 Uhr, pünktlichster reibungsloser Anflug auf den Startbereich. Hose und Frisur sitzen. Inga und Markus befinden sich auch schon absolut tiefenentspannt am vereinbarten Treffpunkt, auch Steffen ist die Ruhe selbst und so bleibt wohl wieder das ganze nervöse “Vor-Startschuss-Gehampel und Gestöhne” an mir hängen. Einer muss es ja tun.

Den Startschuss scheine ich wohl überhört zu haben, denn plötzlich zupft mich Inga am Ärmel und mahnt “Jetzt mal los hier”. Der Läuferpulk setzt sich schwerfällig wie immer bei Laufveranstaltungen mit hoher Teilnehmerzahl in Bewegung und wir schieben uns tippelnd und gehend durch Eisenach. “Super, schon 2 km, läuft doch!” witzelt Markus zu meiner Rechten und ich warte darauf, dass sich das Ganze “irgendwie” anfühlt. Ich horche in mich hinein und finde statt Nervosität und Vorfreude bloss irgendwas Uneindeutiges zwischen Bänglichkeit und Staunen. Und naja, ein bißchen Aufregung ist wohl auch dabei, jedenfalls ziept es im Magenbereich zaghaft vor sich hin. Na, dann wolle mer mal. Volle Rennsteigkraft voraus, die zukünftige Ultrakönigin kommt, schafft Platz!

Während sich der Läuferwurm um mich herum geschmeidig durch den Wald windet, beginnt es ganz plötzlich in meiner unteren Körperhälfte im Bereich “irgendwo um den Bauchnabel herum” diffus zu zwicken. Nanu, was hammer denn da? Nach wenigen Schritten wird aus dem zarten Zwicken ein krampfartiger Schmerz und in meinem Hirn macht sich eine leise Irritation breit. Magenkrämpfe? What the fuck? Trotz umgehendem Scan der letzten Stunden finde ich keine Begründung für die Existenz dieses unangenehmen Störenfrieds in meiner Bauchgegend. Ich habe nichts gegessen oder getrunken was ich nicht sonst auch bestens vertragen würde und überhaupt hat mein Magen grundsätzlich eher ein robustes Naturell und macht fast nie Probleme. Na gut, der Kaffee heute war zwar von der Sorte “Resurrection-Fix” und ob ich davon unbedingt gleich 3 große Pötte in meinen Schlund hätte kippen müssen sei dahingestellt, aber von teerartiger Koffeinplörre bekommt man doch keine Krämpfe? Und von Hirsebrei schon mal gleich dreimal nicht, den hab’ ich schon mindestens 529mal vor langen Läufen gegessen. Und mehr als Hirse, Kaffeeplörre und Wasser hab’ ich nicht im Ranzen.

Also schliesst sie messerscharf das nicht sein kann, was nicht darf. Ruhe im Gebälk.

Leider interessiert sich das Gebälk nicht die Bohne für meine klare Ansage, meine komplette untere Region mutiert zu einem glühlenden Schmerzball und lässt meinen elegant-dynamischen Laufstil zu einem unästhetischen Quasimodo-Style mutieren. Auch ein gründlicher gedanklicher Innenraum-Scan bringt keine hilfreichen Erkenntnisse, ich kann beim besten Willen nicht definieren, was genau diese störenden Schmerzen verursacht – Magen? Gebärmutter? Eierstöcke? Was hat man denn da unten noch so im Organ-Sortiment, die Milz vielleicht? Zwerchfell? Oder gar Blinddarm? Aber der Blinddarm sitzt ja nicht mittig, soweit ich weiß, der ist also raus.

Einen Kriech-und-Stöhn-Kilometer später mutieren aus dem Schmerzball in meiner Körpermitte zwei diabolische Greifarme, die bis in die Oberschenkel ziehen und mich leise aufjaulen lassen. What the verdammtnochmal fuck?! Zur quälenden Pein im Körper gesellt sich alsbald eine ungläubige Fassungslosigkeit im Kopf, ich kann einfach nicht glauben was hier gerade passiert. Nur fürs Protokoll – ich schlurfe gerade über Kilometer 6 (in Worten: SECHS!), es sind noch 66,7 km bis zum Ziel und mir fahren gerade bei jedem Schritt rotglühende Schmerzpfeile in alle nur erdenklichen Extremitäten.

Ich habe in den letzten Jahren so ziemlich jedes Buch und jeden Bericht über Ultraläufe und ähnliche Abenteuer gelesen und weiß daher, dass es durchaus Menschen gibt, die sich unter schlimmsten Bedingungen über weitaus längere Strecken schleppen können, aber, aber…ich will das nicht. Ich will mich nicht mit zusammengebissenen Zähnen für die Dauer eines langen Arbeitstages über den Rennsteig humpeln und leiden und mich quälen, so war das nicht bestellt.

Inga und Markus, beide erfahrene Ultraläufer, reden beruhigend auf mich ein – “Das geht bestimmt bald wieder weg, beim Ultra kommt und geht alles Mögliche an Schmerzen und Problemen, aber irgendwann geht auch alles wieder weg…” Die Kunde hör’ ich wohl, allein, mir fehlt der Glaube.

Aber Glaube hin oder her, letztlich ist Weiterlaufen ohnehin die einzige Option – ob ich nun die 6 Kilometer zum Ziel zurückstapfe und mich dort von Ruth abholen lasse oder stattdessen einfach in die andere Richtung schlurfe und darauf hoffe, dass der Dämon “untenrum” irgendwann von mir ablässt, macht rein vom Ablauf ja nun keinen Unterschied.

Meine Gedanken schwirren durch das vergangene Jahr und die fast schon mühelose Vorbereitung auf mein Rennsteig-Abenteuer, die zahlreichen Menschen die mir gerade zuhause die Daumen drücken und an Ruth, seit Wochen für mich geplant und organsiert hat und just in diesem Moment vermutlich schweissgebadet im Ultra-Mobil über Thüringer Landstrassen brettert und sämtliche Polizisten zusammenprügelt, um mich pünklich wie versprochen auf dem Inselberg bei Kilometer 26,8 mit Kartoffeln und Kuchen zu verpflegen. Und das soll jetzt alles umsonst sein?

Nein, verdammt nochmal! – ich akzeptiere einfach nicht, dass mein Abenteuer hier an dieser Stelle schon vorbei sein soll, nicht bei Kilometer 6, nicht wegen irgendeinem diffusen “Untenrum”-Scheiss, für den es überhaupt keinen Grund gibt. Das ist doch affig, da mach’ ich nicht mit. Punkt. Fick’ Dich, verdammter Schmerzscheissdämon!

Allerdings scheint mein Körper andere Pläne zur Gestaltung des heutigen Tages zu haben als ich, zu der ominösen Unterbauchnabelpein gesellen sich alsbald ein dubioses Kreislaufgeflatter mit Flimmern im Blickfeld und heisskalte Schauer über die Rückseite. Und wieder – what the FUCK? Im Allgemeinen ist mein Kreislauf jederzeit von äußerster Stabilität, und mein Immunsystem ist absolut resistent gegen virale Attacken jedweder Art. Sowas hab’ ich NIE! Was zur Hölle soll dieser Mist jetzt bitteschön hier?

Eine tiefe Traurigkeit kriecht mir über den Hosenbund Richtung Herzkammer und kitzelt an den Tränendrüsen. War’s das tatsächlich? Zerplatzt mein Traum hier einfach so mir-nix-dir-nix im Thüringer Matsch, nach nur läppischen 7 Kilometern? Ich meine…das geht doch nicht? Oder? Geht das?

“Würde Dir eine Aspirin helfen?” fragt Markus und beginnt in diversen Jacken- und Hosentaschen zu kramen “ich hab’ eine dabei, glaube ich…” Hm, ich hab’ keinen Schimmer was mir helfen würde, weil ich keinen Schimmer hab’ was mit mir los ist, aber schlimmer kann’s wohl nicht werden. Im günstigsten Fall sogar besser, das wäre ja schon schön so…also her mit dem Zeug und ab innen Hals damit. Während Inga und Markus in angemessenem Abstand vorneweg laufen, versuche ich Körper und Geist laufend zu entspannen und gehe in Gedanken sämtliche Möglichkeiten durch….entweder ich hab’ mir tatsächlich aus irgendeinem Grund den Magen verkorkst, dann sollte das Drama doch eigentlich spätestens dann ein Ende finden, wenn der Korksauslöser den Magen verlassen hat, in welche Richtung auch immer. Wenn andererseits die Schmerzen durch irgenwelche unautorisierten prämenstruellen Organspinnereien ausgelöst werden, dürfte auch hier davon auszugehen sein, dass sich das Ganze irgendwann wieder entspannt. Und Laufen lockert ja auch oft so einiges an wie-auch-immer-gearteten Verkrampfungsmalässen…also atmen. Und Laufen. Beides kann ich ja eigentlich ganz gut.

Und sollte ich mir wider Erwarten irgendeinen obskuren Virus eingefangen haben, der sich just den heutigen Tag zum Ausbruch ausgesucht hat, dann…ja, dann ist das wohl einfach Pech und nicht zu ändern. Dann sollte es halt einfach nicht sein. Also – ruhig Blut. Weiterlaufen. Atmen. Ruhe bewahren. Inga und Markus sind jederzeit in Sichtweite und behalten mich im Auge, und auf der Innenseite meiner Startnummer steht Ruths Handynummer für Notfälle. Und nach allem, was ich in den letzten Tagen an Improvisationstalent und Ideenreichtum meiner “Tourmanagerin” mitbekommen habe, habe ich nicht den geringsten Zweifel daran, dass Ruth in case of ultra-emergency gnadenlos irgendeinen Forstarbeiter niederstrecken und ihm sein Auto entreissen würde, um durchs Unterholz zu preschen und mich aus meiner Notlage zu erretten. Also – alles wird gut. Bestimmt. Linker Fuss, rechter Fuss, das kann ich, das hab’ ich geübt. Normalerweise tut’s zwar nicht so weh wie heute, aber ett nützt ja nix.

Inga und Markus lassen sich trotz hartnäckigem “Ich schaff’ das schon, wi-hiiiirklich…ihr könnt ruhig in eurem Tempo laufen” nicht verjagen und letztlich tut’s meinem Kopf trotz schlechten Gewissen wegen dieser Bremsklotzfunktion doch ziemlich gut, ein zwei vertraute Gesichter in der Nähe zu haben.

Nach einer Weile entspannen sich Körper und Geist zumindest dahingegend, dass ich die wirklich zauberhafte Landschaft zumindest ein klitzekleines bißchen bewundern kann. Die frechen Sonnenstrahlen die sich allen Wetterprognosen-Unkenrufen zum Trotz gelegentlich durch die Baumwipfel zwängen, lassen das Moos in leuchtendem Grün erstrahlen und wärmen mein verzagtes Herzchen ein bißchen auf. Das hier ist der Rennsteig. Der Rennsteig. Und ich bin dabei. Unfuckingfassbar! Autsch! Kackschmerzteufel, jetzt verpiss’ Dich endlich, ich will Dich nicht.

Nach ungefähr 15 km ergibt streckt das schummerige Kreislaufgeflatter die Flügel und mein Blickfeld wird wieder klarer. Jetzt sind’s noch gut 57 km bis zum schönsten Ziel der Welt, aber vor allem nur noch 2 Kilometer bis zur nächsten Verpflegungstelle, wo mir Inga mit sanftem Nachdruck ein paar Stücke Weißmehltoast mit Margarine und Salz aufnötigt. Mama, ich will das nicht, das ist FIES! “Doch, probier’ mal, das wird Dir guttun!” Zusammen mit etwas Cola (hach, wie erfrischend! Was für ein köstliches Getränk!) spüle ich den Labbertoast runter und fühle mich tatsächlich alles in allem deutlich lebendiger als vor 10 Kilometern. Weit entfernt von “grossartig”, aber alles in allem “ganz ok”. Könnte wohl klappen, das mit dem Ultra heute. Heureka!margarine

Meine beiden Mitlaufsamariter bestätigen mir einhellig, dass ich mittlerweile deutlich besser und frischer aussehe und ich freue mich. Gutes Aussehen ist schliesslich wichtig, aber noch besser ist “gutes Befinden”, und selbiges scheint sich gerade peu-a-peu wieder einzustellen. Das Unterbauchtheater hat zwar seine Vorstellung noch nicht komplett beendet, scheint sich aber gerade auf ein erträgliches Schmerzmaß einzupendeln und das begleitende Kreislaufgedöns hat sich offenbar verabschiedet. Hoffentlich auf Nimmerwiedersehen. Vor lauter Erleichterung schniefe ich noch unauffällig ein paar kleine Tränchen in meine Haute-Couture und weiter geht’s, auf auf zum Inselberg. Ab da sind’s dann nur noch knapp 46 km und….na klar, 46 km kann ich. Wenn nix dazwischenkommt. Jetzt bloss nicht ungebärdig werden, Frollein, theoretisch können Dir hier noch unzählige Stolpersteine zwischen die Haxen knallen. Aber eine leise zaghafte Hoffnung aufs Finish sollte hier schon erlaubt sein, und die gönne ich mir jetzt einfach mal.

Auf dem Inselberg gibt’s erneut Labbertoast mit Margarine und Salz…köstlich. Ein Gedicht. Das ess’ ich ab jetzt immer! Ruth ist pünktlichst eingetroffen und begrüsst uns mit Kamera und einem kleinen Verpflegungsbauchladen im Kofferaum, aus dem ich sogleich eine dicke Pellkartoffel mit Salz verspachtele. Auf die Frage, wie ich mich fühle, kann ich endlich, endlich mit “Gut!” antworten….und mit “Den Laufgöttern sei Dank, dass Du nicht schon früher an der Strecke warst, sonst wäre ich mit Dir mitgekommen!” “Ach was, wärst Du bestimmt NICHT!” winkt Ruth ab, aber ich bin mir nicht sicher…egal. Ist ja jetzt auch wurscht. Hätte, hätte, Fahrradkette. Mir geht’s gut, das Wetter ist toll, die Strecke ist toll, und Inga und Markus sind auch toll… und so langsam flimmert in meinem Hirnkasten der Gedanke auf, dass ich es vermutlich schaffen werde, hier und heute ins Schmiedefelder Ziel zu laufen. Nachdem ich meine Ultra-Felle vor meinem inneren Augen schon so deutlich habe davonschwimmen sehe, fühle ich mich jetzt doppelt beschenkt. Vermutlich backen die Thüringer in ihre dubiosen Labbertoastbrote gleich eine Riesenportion Zuversicht mit ein. Unfuckingfassbar.unterwegs

Beim Laufen liegt’s ja in der Natur der Sache, dass man schon zwangsläufig eher noch vorne statt nach hinten blickt, und so ist der doch ziemlich suboptimale Beginn meines Abenteuers kurze Zeit später auch fast vergessen. Schliesslich bin ich hier um den Rennsteig zu rocken und nicht um medizinisches Halbwissen und Was-wäre-wenn-Gedöns in meinem Kopf hin- und herzuschaufeln. Vorbei ist vorbei und juckt mich nicht mehr. Einzig die untere Region schmerzt nach wie vor konsequent (aber mittlerweile gut erträglich) und ich nehme diesen Umstand einfach mal als leise Erinnerung an, jetzt bloss nicht übermütig zu werden. Schliesslich liegen noch gut 40 km vor mir und die müssen erstmal gelaufen werden, aller Labbertoastzuversicht zum Trotz.

Am Verpflegungspunkt Ebertswiese verkündet ein grosses Schild, dass nun die Hälfte geschafft ist. Bergfest. Leckofatz, ey! Ich nehme mir vor, irgendwann später (wenn mein Gehirn wieder entsprechend sauerstoffdurchflutet und aufnahmefähig ist) mal ausgiebig darüber nachzudenken, warum die Hälfte von 72,7 hier in Thüringen 37,5 sein soll – für den Moment sauge ich diese Zahl aber unreflektiert und fröhlich in mich auf und mampfe mich motiviert durch die Auslagen der Verpflegungsstelle. Der Sprecher verkündet enthusiastisch, aber nicht sehr charmant, dass von “beinahe 2400 Läuferinnen und Läufern schon bereits über 2.000 diesen Streckenpunkt passiert haben” und er uns “trotzdem herzlich willkommen” heisst. Trotzdem? Ich hau’ Dir gleich ‘ne Wendeltreppe innen Hals, Alter! Ich blöke empört “Arschloch!” ins Off und stopfe mir flott noch ein Äpfelchen in den Schlund, während Markus mit seiner Bockwurst in der Hand zusammenzuckt. “Aber das sagt man doch nicht” ermahnt er leise. “Aber TROTZDEM sagt man auch nicht!” entgegne ich bockig und er spült seinen Schreck umgehend mit einem Becher Schwarzbier herunter. Und weiter geht’s – TROTZDEM mit allerbester Laune und Spass anne Backen.

Nachdem wir die 50 km-Markierung passiert haben, krakele ich nachdrücklich, dass ich noch niemals in meinem Leben SO weit gelaufen bin wie jetzt. Inga und Markus mache eine La-Ola-Welle, ein paar wildfremde Mitläufer in Hörweite be-“ooooh!”-en  und be-“aaaaah!”-en dieses denkwürdige Ereignis pflichtschuldigst und weiter gehts in läuferische Neuland. To baldly go where no woman has gone before. Nur noch knapp 22 km to go. Datt schaff’ ich! Sicherheitshalber weine ich noch vor lauter stiller Begeisterung ein bißchen vor mich hin – nicht dass am Ende noch die emotionale Komponente zu kurz kommt hier.

Als das 55-Schild in Sichtweite kommt, überlege ich kurz, mein wasserdicht verschnürtes Smartphone aus dem Rucksack zu friemeln, um eins dieser klassischen “Das Kilometerschild und ich”-Fotos zu schiessen, lasse es aber bleiben. Vermutlich kennt jeder Hobbyfotograf das Problem, dass man oft vor lauter konzentrierter Suche nach dem perfekten Motiv oder dem perfekten Augenlick versäumt, den perfekten Augenblick auch mal einfach zu geniessen…und ich will lieber geniessen. Ich weiß ja schliesslich, dass ich hier war, dazu braucht’s keinen digitalen Beleg. Einzig ein Foto bei KM 70 fände ich dann doch cool, weil diese Zahl so schick ist.

Während sich die Kilometerzahlen auf dem Display der Forerunnerin stetig erhöhen, bin ich absolut fasziniert von dem Umstand, dass wir tatsächlich noch laufen, also so richtig-richtig LAUFEN und nicht nur “irgendwie in Bewegung” sind. Die Anstiege werden natürlich von Anfang an wandernd bewältigt und an den Verpflegungspunkten gammeln wir vermutlich deutlich länger herum, als es ein ambitionierter Läufer tun würde, aber die flachen oder abschüssigen Passagen laufen wir tatsächlich in für mich unglaublich erscheinenden Tempos…Tempi…ähm…ZEITEN zwischen 6.30-6.00 Min./km. Und es fühlt sich absolut grossartig an, wenn man mal von dem konstant ansteigenden “Da war wohl was”-Schmerz in den unteren Extremitäten absieht. Diese Schmerzform kenne ich allerdings schon in schwächer ausgeprägter Form von meinen Trainingsläufen, die macht mir keine Angst. Auf ‘ne Art mag ich das sogar, das ist ein “Ich hab’s ja so gewollt!”-Schmerz. Und der hat sich schliesslich nicht ungefragt und heimtückisch eingeschlichen um mich zu quälen wie dieser Fiesling zwischen KM 6 – KM 20, sondern ich hab’ ihn mir selbst und eigenbeinig erlaufen und deswegen ist der mein Kumpel. Ultraschmerz, ich will’n Kind von Dir! Ich mag Dich. Auch wenn jedes Anlaufen nach einer Geh- oder Mampfpause inzwischen mit einem gestöhnten “Au, au, AU!” untermalt wird.

An der Sommerswiese bei KM 56,8 begrüsst uns der Sprecher schon von weitem maximaleuphorisch mit der Information, dass extra für uns hier ein “riesiges OOOOOOBSTbüfett” aufgebaut wurde. Na also, geht doch! Das ist doch mal was Anderes als “Wir begrüssen euch TROTZDEM, auch wenn wir extra wegen euch hier so ewig lange in der Pampa ausharren müssen, weil ihr zu faul seid euch zu beeilen!” Zum Dank lange ich herzhaft beim Ooooooobstbüfett zu und darf mich als Erinnerung daran für den Rest des Laufs mit apfelsaftverklebten Fingern herumärgern. Aber irgendwas ist ja immer.

Der dramatisch angekündigte letzte grosse Anstieg führt uns zum höchsten Punkt des gesamten Laufs und auch hier verzichte ich auf ein “Ich-und-das-Schild”-Foto, ich ritze bloss eine “Ich war hier”-Kerbe in meine Hirnrinde. 13 km-to-go. Mir tut nichts weh außer besagtem All-over-Ultraschmerz. Ich fühle mich grossartig und hab’ immernoch Bock, aber dennoch grundsätzlich nix dagegen, so langsam mal die Zielmatte unter den Füssen zu fühlen. Nicht dass ich keine Lust mehr hätte zu laufen, aber ich will das Finish nun endlich ganz sicher und unwiderbringlich in der inneren Hand halten, ich will’s nun einfach endlich HABEN.

Und ich will ein Foto am KM 70-Schild haben. Aber auch noch gründlichstem Scannen der Umgebung mit 3 Augenpaaren will diese imposante Markierung partout nicht auftauchen. Eine Läuferin bemerkt unsere Suchbemühungen und meint lakonisch “Das Schild wurde bestimmt wieder geklaut. Das passiert fast jedes Jahr!” Diebische Schweinebande! Naja, man kann nicht alles haben.

Wie Inga schon Stunden vorher berichtete, gibt’s in Schmiedefeld ein emsigen Anwohner in Zielnähe,  der jedes Jahr riesige Boxen vor seinem Haus aufhängt und die einfliegenden Läufer mit AC/DC-Hits in Endlosschleife bedröhnt, und da werden wir auch schon mit den wummernden Klängen von “Thunderstruck” begrüsst.

“THUNDER!”
Mir läuft es eiskalt den Rücken runter, und dieses Mal ist das kein unautorisiertes Kreislaufgeschwader….”
THUNDER!”
Gänsehäute in verschiedensten Schichten und Ausprägungen legen sich über meinen gesamten Körper….ich bin kurz vor dem Ziel. Unglaublich Ich bin kurz vor dem Ziel.

“THUNDER!”

Und dann sehe ich es, das Zielbanner mit der legendären Aufschrift “Das schönste Ziel der Welt liegt in Schmiedefeld”…da flattert es im Wind und nix und niemand kann mich jetzt mehr davon abhalten, genau da durchzulaufen. Nach 72,7 km. Unfuckingfassbar!ziel

Und just in dem Moment in dem wir in der Zielgeraden einlaufen, reisst der Himmel seine Schleusen auf und schüttet die Regensturzbäche über uns aus, die die Wetterfrösche eigentlich für den gesamten Tag herbei-orakelt hatten. Punktlandung. Ich bin im Ziel. Es ist un-glaub-lich, ich bin im Ziel!

Angekommen.

Unfuckingfassbar.

26.05.13 – irgendwo in Neuwiedrockcity – gegen 16.00 Uhr nachmittags
Müde und glücklich stehe ich im heimischen Badezimmer, als ich plötzlich ein leises “Pling” von unten höre…beim Umziehen ist die Metallöse meines Glücksbringer-Edelweiss gebrochen und das Blümchen liegt zu meinen Füssen auf den Kacheln. Punktlandung.

(Fotos: “Holy” Ruth Urban u. Frank Nicklisch)
(23.05.13)