“Kaum macht man’s richtig, schon geht’s” – Waldbreitbacher Wiedtraum, 2. Versuch

(Teil 1 gibt’s hier! )

Mein Gehirn ist ein Sonntagsmodell und daher erfreulicherweise mit der Sonderfunktion ausgestattet, die positiven Aspekte von Erlebtem in der Erinnerungsablage ganz oben abzuheften und den Negativkram in irgendeiner hirneigenen Abstellkammer verstauben zu lassen. Daher liegt meine letzte Wanderung im Wiedtal trotz dramatischer Steilhangeinlage am Ende auch im Karteikasten mit der Aufschrift “Traumhafte Herbsttage” – aber es kratzt dennoch an der Wandersfrauen-Ehre, dass ich die wirklich zauberhaft schöne Strecke nicht komplett durchmarschiert und kennengelernt habe. Also nehme ich gleiche eine Woche später wieder Kurs aufs Wiedtal – diesmal mit Freundin Fritzi, einer ausgedruckten Wanderkarte nebst Streckenbeschreibung und dem GPS-Track von Outdooractive im Gepäck. Ein zweites Mal gebe ich dem GPS-Bermudadreieck in Hochscheid keine Chance, mich ins Verderben zu leiten!

wandersfrauenAuf dem Parkplatz am Startpunkt werden wir diesmal nicht von gähnender Leere begrüßt, sondern müssen uns erstmal im Autogewimmel ein freies Plätzchen suchen. Ich bin dezent konsterniert, und als wir beim Aussteigen auch noch von dem rhythmischen Getrommel einer Samba-Combo begrüsst werden, fällt mir wieder ein, dass ja heute und hier der Waldbreitbacher Staffelmarathon stattfindet. Schon kommen auch die ersten gehetzten Läuferlein mit Startnummernbeflaggung vorbeigehechtet.

Wir verspüren leises Mitleid mit den Teilnehmern, die hier unter Zeitdruck öde Runden durchs Wohngebiet drehen müssen, während links und rechts ein abwechslungsreiches Landschaftsbuffet wartet. Aber wir sehen ein, dass die Jungs und Mädels das vermutlich ganz genauso haben möchten und es dem ein oder anderen Vorbeirasenden sogar wohl auch ein bißchen Spass macht. Soll uns ja auch woscht sein.

Auf den ersten Kilometern werden wir bis tief in den Wald vom Sambagetrommel und anderweitigem Getröte eskortiert, wohingegen die Sonne sich heute erstmal bitten lässt. Erst beim Anstieg zum Minidörfchen mit dem merkwürdigen Namen “Gasbitze” kitzeln uns erste goldene Strahlen die Nasen warm und enthüllen beim erneuten Einmarsch in den Herbstwald einen entzückenden Anblick: Der Morgennebel hat sich in unzähligen winzigen Spinnennetzen gefangen, die in Bäumen, Sträuchen und sogar im Moos am Boden gespannt sind.

elfenwaldWir staunen und fragen uns, wie groß die Spinnen-Armee wohl gewesen sein muss, die diese dekorative Arbeit geleistet hat. Nach kurzer Beratung kommen wir zum Entschluß, dass die wirklich unglaublich vielen Mini-Netzchen in Wirklichkeit kleine Sprungtücher für Elfen- und Feenkinder sind, die (wie man ja aus einschlägiger Fachliteratur weiß) in Nestern auf Bäumen wohnen und – ebenfalls bekanntlich – zum Herbst hin flügge werden. Und diese silbrigschimmernden Sicherheitsnetze schützen tolpatschige Elfchen bei ihren ersten Flatterversuchen davor, sich gleich die filigranen Flügelchen zu brechen. Klingt schlüssig – und genauso wird’s wohl sein.

Das gigantische Ausmaß, in dem die Sprungtüchlein über die gesamten Wege gesponnen wurden, deutet auf eine außerordentliche Elfenpopulation in diesem Jahr hin. Da gibt’s vermutlich bald ‘ne Elfenplage.

Fasziniert marschieren wir durch den Zauberwald, staunen links und rechts und saugen Stille und Schönheit der Landschaft in uns auf wie andernorts die Läuferlein ihre überteuerten High-Tech-Energy-Drinks.

aussichtVor allem der Aufstieg zum Roßbacher Häubchen und die gi-gan-töse Aussicht vom Plateau runter ins Wiedtal haut mich erneut und Fritzi erstmalig von den Funktionssocken. Fritzis Begeisterung ist ungetrübt und unbekümmert, mir selbst hat die leise Bänglichkeit vor dem “bösen Kilometer 14” den Arm auf den Rücken gedreht und mit zarter Nervosität beobachte ich das Display der Forerunnerin.

“Wer hat Angst vor der schwarzen Linie?”
“Niemaaaand!”
“Und wenn sie nicht kommt?”
“Dann rutschen wir!”

Unschuldig windet sich die schmale  Straße durch eine Ferienhaussiedlung in Hochscheid – und als könnten sie kein GPS-Wässerchen trüben, schmiegen sich zwei Wege in verschiedene Richtungen durch saftiggrüne Weiden. “So, jetzt geht’s los, jetzt wird’s tricky!” orakele ich unheilverkündend und beäuge misstrauisch den Navigationsspfeil an meinem Handgelenk. Aber heureka! – wenn die Forerunnerin Augen hätte, würden mich diese jetzt wohl riesengroß und unschuldig anschauen….denn – als hätte das Drama vor einer Woche nie stattgefunden – Madame Garmine zeigt hier sowas von eindeutig in Richtung eines kleinen Pfades, der über eine Wiese vorbei an Obstgärten führt. Die Sicherheit, mit der die Forerunnerin uns hier auf den rechten Weg führt, würde auf einer Skala von 1-10 wohl eine glatte 11 erhalten. Leckofatz!

Hochscheid“Und wo war jetzt das Problem?” fragt Fritzi zaghaft und ich kann die Frage nur mit einem eindeutigen “Ja, hm…weiß auch nicht…irgendwie, ähem, keine Ahnung!” beantworten. Heute jedenfalls sind uns die Navi-Götter hold und geleiten uns durch ein hübsches kleines Wäldchen und vorbei an Obstwiesen. Der Weg ist kuschelig und allerliebst und mir plumpst ein bemooster Felsbrocken vom Herzen.

Sollte sich irgendwo in meinem nachtragenden Herzen noch eine Spur von Restgroll gegenüber dem fiesen, hinterhältigen Weg meiner eigenen Orientierungsdusseligkeit festgebissen haben, so wird diese sanft durch den Anblick von goldschimmernen Tannenwaldboden weggespült.

bachtalWir erreichen das Bachtal, das mir letzte Woche als akkustische Orierungshilfe diente und ich finde sogar die Stelle wieder, an der ich letzte Woche über eine schlammige Rutschbahn wie ein zitternder, schwitziger Sack aus dem Hang herabgeplumpst bin.  Also, so über einen bekömmlichen breiten Weg zu flanieren ist da doch irgendwie um Längen angenehmer als popo-lings durch den Matsch zu rutschen.

Heute gibt’s auch keinen Grund, das zarte Singletrailchen, das links hinter einer Holzbrücke lockt, bockig zu ignorieren, im Gegenteil – hier wird die Wanderseele nochmal so richtig mit moosgrünen Bilderbuchpfaden gestreichelt und auch die Wadenmuskeln dürfen nochmal ein bißchen malochen. Am Ende kommen wir dümmlich glückselig grinsend überein, das dieser Tag uneingeschränkt und umgehend von den fleissigen Hirnstuben-Helferlein in der Erinnerungs-Ablage “Maximalperfekte Herbsttage” einsortiert werden kann.

“Kaum macht man’s richtig, schon geht’s.”

Sag’ ich ja immer.

4 thoughts on ““Kaum macht man’s richtig, schon geht’s” – Waldbreitbacher Wiedtraum, 2. Versuch

  1. Pingback: Frau Mohr und Herr eTrex – „The Beginning“mohrblog | mohrblog

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  3. Susanne Klabunde

    Ja. Sprungtüchlein für die überbordende Elfenpopulation dieses Jahr. Je nee. Muss man auch erstmal drauf kommen 😀 Ansonsten bin ich wie immer voller Freude über die schönen Bilder!

  4. Pingback: Some girls wander by mistake – ein Waldbreitbacher Wied(-Alp)traummohrblog | mohrblog

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