Heilige Misantrophia!

P1000254Getreu dem Motto “Think global, hike lokal” habe ich mir für heute vorgenommen, auf einer netten kleinen Wanderung durch die regionale Botanik nicht nur meine zugegebenermassen reichlich dürftigen Ortskenntnisse zu verbessern, sondern auch den letzten hartnäckigen Rest-Rotz der just überstandenen Erkältung aus Lungenflügeln und Nebenhöhlen zu vertreiben. Die 16 km-Runde, die ich mir zu diesem Zwecke von Herrn Gpies ausgeborgt habe, liest sich angenehm gefällig und vor allem verlaufsicher, also sattele ich Schusters Rappen, schultere den Rucksack und stapfe los in den Morgennebel.

Der erste flache KilomP1000261eter leitet mich durch ein Wohngebiet über einen asphaltierten Fahradweg und sogleich offenbaren sich die Schattenseiten einer “gefälligen” Wegführung – zahlreiche Mit-Spaziergänger nämlich, die mich mit ihrer unautorisierter “Jemorje!”-Grüßerei ständig aus meiner kontemplativen Geistesstille reißen. “Knipsen’se für de Rheinzeitung?” begehrt ein grauhaariger Herr in Begleitung einer bemützten Dame zu wissen, als ich im nassen Gras kniend meine Linse auf eine blühende Wegwarte richte. “Nee, nur für meine innere Zeitung!” brummele ich dezent unfreundlich und der Herr antwortet verständnisvoll “Och, datt iss ja ooch ma schün, jä?” Wider Willen muss ich grinsen. Jenau. Datt iss’ nämlich ooch ma schün. Noch schüner wäre allerdings so’n bißchen Wandersfrauen-Einsamkeit, aber irgendwas ist ja immer.

Scheinbar hat die Zeitumstellung alles aus den Betten geschmissen, was 2 und/oder 4 Beine hat und ich “jemorje!” mich unwillig über die ersten Kilometer. Noli turbare circulos meos, verflixt nochmal. Das hat man nun von einer “gefälligen” Strecke – Sonntagsspaziergänger galore. Wenig später wird die Strecke matschiger und in Folge dessen weniger frequentiert, denn “matschig “mag der gemeine Sonntagsspaziergänger nicht so gerne. Glück für mich.

P1000270Die Gesellschaft einer riesigen Schafsherde, die mir plötzlich laut blökend im Weg steht, stört mich im Gegenzug nicht die Bohne. “Jemorje!” blöke ich den wolligen Vierbeinern entgegen und “Böö-hööööö!” tönt es zurück. Grasfresser unter sich verstehen sich halt.

Der dazugehörige Schäfer grüsst freundlich mit einem angedeuteten Nicken und ich überlege kurz, ihn zu fragen, ob er noch einen Lehrling braucht und ich mich ihm anschliessen darf.  Mit einer Herde blökender Schafe und zwei riesigen schwarzen Hunden pfeiferauchend und filzbehütet durch die Botanik zu schlendern erscheint mir im Vergleich zu dem drohenden Montagmorgen im Büro gerade äußerst verlockend. Aber angesichts des kommenden Winters entscheide ich mich dann doch für die luxuriöse Büro-Heizung und marschiere weiter.

Ich muss gestehen, so langsam macht mir die stark ansteigende Menschenphobie der letzten Wochen ein wenig Sorgen. Ob es nun eine Art Alterserscheinung ist oder ob meine Sozial-Allergie daher rührt, dass mein Leben außerhalb meiner einsamen Outdoor-Aktivitäten so nervig-hektisch und unerträglich menschenvoll ist, kann ich derzeit noch nicht einschätzen – aber auch heute stöhne ich innerlich jedesmal entnervt auf, wenn ich irgendwo durch die Bäume menschenfleischbefüllte Anoraks ausmache oder Wandersvolk erblicke. Heranwabernde Gesprächsfetzen empfinde ich ausnahmslos als “dämliches Geschwätz” und lästige Spaziergänger-Erscheinungen finden nur dann meine innere Gnade, wenn sie in vierbeiniger Gesellschaft sind, der ich zumindest kurz durchs nebelfeuchte Fell streicheln darf.

Nachdem ich mich ums SchlossP1000272 Monrepos herum durch Kinderfahrräder und zockelnde Rentner gewunden habe, wird der Weg erneut ein Stück weit einsamer und mein innerer Misantroph atmet erleichtert auf. Zum Dank für meine Tapferkeit (immerhin habe ich niemandem meiner Mitmenschen die Zunge rausgestreckt oder “Igitt, geh’ aus meinem Sichtfeld!” gebrüllt) spendiert mir der Forst nochmal eine volle Dröhnung Elfenwald-Lichtstimmung. Und sobald ich daheim bin, werd’ ich mich mal im Netz über die Karrieremöglichkeiten und Arbeitszeiten von Schäfern erkundigen. Kann ja bestimmt nicht schaden.

 

Ein Gedanke zu „Heilige Misantrophia!

  1. Elke

    Aus meiner Sicht ist dein Wunsch nach Einsamkeit und Elfenwäldern mehr als verständlich 🙂
    Seit ein paar Monaten darf ich daheim arbeiten, vollkommen ungestört von Lärm durch Mensch und Maschine und nur durch meinen Vierbeiner bereichert.
    Welche Wonne!
    Trotzdem genieße ich die Stille in Wald und Feld, möglichst ohne Wanderlawinen.

    Monrepos war heut früh um 8:45 h mein Startpunkt. Bei meiner Rückkehr mittags war der Parkplatz rappelvoll. 🙁

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*