Brex, brex – hurra!

Aus diversen blöden Gründen stehen meine Wanderschuhe nun schon viel zu lange in der Schuh-Garage und schnauben mittlerweile ungeduldig am Garagentor wie nervöse Pferde – und davon abgesehen wird es dringend mal wieder Zeit für ein paar Stunden ganz alleine für mich, in kontemplativer Stille zum Hirnrinden-Großputz und Auffüllen der Sauerstoff-Depots. Eigentlich hatte ich mir für diesen Novembersonntag den Förstersteig auf die To-Wander-Liste geschrieben, aber auf mysteriöse Weise hat sich der GPS-Track für den Brexbachschluchtweg auf meine Forerunnerin eingeschlichen. Und wenn er eh schon mal da ist, kann der auch gewandert werden. Iss’ ja gehüppt wie gesprungen.

Unerfreulicherweise beginnt mein Tag mit einem ziemlich toten Kaninchen, das sich mein ach!-so-süßes Katzenmädchen von draußen mitgebracht und als zweites Frühstück auf dem Wohnzimmerteppich angerichtet hat. Das darauffolgende Tauziehen um den toten Kanickelkörper und das ausgiebige hysterische Gekreische meinerseits schubst den anvisierten Startzeitpunkt ziemlich unsanft nach hinten. Zudem eskortiert mich ein Zahlendreher bei der Eingabe des Startkoordinaten in eine steile, enge Nebengasse eines Mini-Ortes names “Kammerforst” und frisst unnötig Zeit, aber letztlich gelingt mir dann noch die gewünschte Landung am Fuße der Burgruine Grenzau, und dann kann das dann auch endlich mal losgehen hier. Entspannung ist befohlen, aber dalli!

brexGleich zu Beginn geht es stramm bergan zu besagter Burgruine, der ich aber ignorant die kalte Schulter zeige – mit Sehenswürdigkeiten und Kultur kann ich ja nicht so. Mit Waldidyll und charmanten Licht- und Schattenspielen kann ich hingegen voll gut und davon gibt’s hier gleich ‘ne volle Schippe auf die Augen. Kost’ nix, nehm ich.

Ein kurzes Stückchen später geht es nicht minder idyllisch und zauberhaft, aber auch reichlich steil über wurzelige Serpentinen hinunter ins Brexbachtal. “Für’n Winter wär’ das aber nix!” vermerke ich innerlich und lege mich erstmal herzhaft mit einem fluchuntermalten “Wumms!” auf den Hosenboden. Na, dann hätten wir den Tagesordnungspunkt “Sich-Dumm-Anstellen” ja auch gleich zu Beginn schon abgehakt, wie praktisch.

Obwohl sich der Forst wirklich größte Mühe gibt und mit buntem Laub, vernebelten Sonnenstrahlen und glitzernden Farnen fuchtelt, will sich der Wanderflow bei mir nicht so richtig einstellen. Mein Gedankenzug ist überfüllt mit plappernden Passagieren, die sich schlechtgelaunt in die Abteile quetschen, ruppig mit der Schulter anrempeln und gegenseitig zu übertönen versuchen – und über allem schwebt das traurige Bild des toten Kaninchens auf meinem Wohnzimmerteppich. Zudem sind die Wege am heutigen Tag für meinen Misantrophengusto viel zu stark frequentiert mit Läufern, Wanderern, Bikern und ähnlichem Gemensche – aber wenn man an einem sonnigen Sonntag zur allerbesten Festtagsbratenzeit losmarschiert, darf man sich da wohl kaum beschweren und muss sich ein dickes “Selbst schuld!” auf die Launen-Fahne schreiben.

Zudem kristallisiert sich recht schnell heraus, dass eine Route, die die Worte “Bach” und “Schlucht” in ihrem Namen führt, nicht unbedingt die allerbeste Wahl ist, wenn es der Wandersfrau danach gelüstet, auf lauschigen Trampelpfädchen möglichst viele spätherbstliche Sonnenstrahlen aufzusaugen. Denn Bäche sind bekanntermassen eher kühl und feucht und Schluchten schattig. Weiß man doch. Auch hier gilt: Selbst schuld (Zusatz: Ich Dämel aber auch. Ich meine…hey…BrexBACH-SCHLUCHTweg!)

brex1jpgZugegeben, auch wenn er popokalt und ziemlich klamm ist, ist dieser Weg dennoch allerliebst – plätschernde Bächlein, tiefrote Blätter und sattgrünes Moos sind ja ohnehin immer ein Garant für Wandersfrauenseligkeit. Trotzdem schiele ich des öfteren sehnsüchtig auf die sonnigen Baumkronen, zumal so langsam auch ein dumpfes Grollen aus der Leibesmitte “Hunger!” signalisiert. Aber am feuchten Bächlein rasten will ich nicht, da fällt mir ja die Klappstulle aus den steifgeforenen Griffeln. Echt, ey.

“Teufelsberg 1 km” frohlockt der Wegweiser und ich frohlocke mit – “Berg” bedeutet ja bekanntlich “ruff!” und das wiederum bedeutet “wech vom feuchtkalten Bachtal”. Mit jedem Höhenmeterchen steigen Temperatur, Laune und Magenknurren und alsbald finde ich mich verzückt feixend auf einem Hochsitz in der Sonne wieder, wo ich mir unter innerlichem “Hmmmm!” und “Oooh!” meine köstlich belegte Klappstulle ins Gesicht stopfe.

Sonniger Wald, lecker Stulle und Traubensaftschorle sind schon ‘ne ziemlich geile Mischung. Besser als Drogen.
Lasst es euch gesagt sein, Kinder.

Ein paar Kilometer weiter trifft mich die stimmungsfördernde Wirkung der “Ausdauertätigkeit an frischer Luft” mit voller Wucht und – BÄM! – breitgrinsend marschiere ich leise pfeifend durch den Forst. Hach, watt iss datt Leben doch plötzlich wieder schön. Trotz aller Gedankenzüge und toter Kaninchen.

ich lasse mich in meiner Euphorie sogar großmütig dazu herab, ein paar höfliche Worte mit einem Wanderpaar zu wechseln. Im Nachhinein betrachten haben wohl die Schutzengel verpeilter Wandersfrauen diesen Kontakt organisiert, denn eben jenes Paar rettet mich ein Stündchen später vor dem Verlaufen. Aber das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll.
Oder gar nicht.

 

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