30-Tage-Kuschelkurs-Challenge – “Drum führe mich nicht in Versuchung”

Nun dümpele ich schon knapp 5 Tage mehr oder weniger erfolgreich durch meine Challenge und bemerke immer wieder ziemlich deutliche Parallelen zu meinem Nikotin-Entzug vor 10 Jahren. Nicht genug damit, dass sich mein eigener Kopf ständig gegen meine Groll-und Fluchgewohnheiten stemmen und quasi dauerhaft auf der Hut sein muss um nicht der Versuchung zu erliegen, nur “mal schnell eine zu schimpfen” oder “nur mal einen Zug zu motzen” – ich bekomme auch zusätzlich noch ständig von meinen Mitmenschen Mecker- und Schimpftiraden angeboten und fühle mich fast schon unhöflich und -gemütlich, weil ich nichts vom Aufreger-Büffet essen möchte.

Ich erinnere mich an meine ersten Partybesuche als “Noch-nicht-so-ganz-Nichtraucher” – die Raucher kuschelten sich gemütlich auf Balkons und in Vorgärten zusammen, um ihrem Laster zu frönen und ich konnte mich dann wahlweise schmachtend ins Rund gesellen und sabbernd den Rauchschwaden hinterherstarren oder alleine auf der Couch hockenbleiben und mit den Fingern Kreise in den Chips-Staub auf dem Glastisch ziehen. Ähnlich fühlte ich mich beim gemeinsamen Abendessen mit Freunden, als zu späterer Stunde “kollektives Geläster” garniert mit “frischgepflückten Bosheiten” auf den Tisch kommt. Grundsätzlich versuche ich ohnehin so gut wie irgend möglich, mich aus sinnlosem Gequatsche über andere Leute herauszuhalten, aber letztlich bin ich unleugbar Sternzeichen Lästerziege und lasse mich oft nur allzu gerne vom Spott-Strom mitreissen, bzw. übernehme auch gerne mal die Führung in Sachen “Klatsch und Tratsch”.

“Na klar, erst groß rumtönen was sie alles kann und am Ende müssen andere wieder ihre Scheisse ausbaden” echauffiert man sich über eine gemeinsame Bekannte und ich schlucke beschämt. “Große Fresse, nix dahinter, kennt man doch von ihr!” wird ihm von allen Seiten beigepflichtet. Ich schaue in die zusammengekniffenen Augen um mich herum wie in einen Spiegel – das da könnte ich sein. Schlimmer noch – genau das war ich in den letzten Monaten…zusammengekniffene Augen, gedämpfte zischelnde Stimme und darauf brennend, auch meinen Teil des geheimen Insiderwissens über diese delikate Geschichte auf den Tisch zu schmeissen und mich kollektiv aufzuregen bis die Halsschlagader tanzt.

Oh Mann.
Was für ‘ne sinnlose Zeitverschwendung.

Ich versuche, maximalunbeteiligt aus der Wäsche zu gucken und meine oberste Zahnreihe zu einem freundlichen Lächeln zu blecken, merke aber nach einer Weile, dass mich “krampfhaftes Nicht-Aufregen” fast noch mehr aufregt als beim Lästerspiel mitzumachen. Am liebsten würde ich allen Anwesenden ein Glas Wasser über die Omme kippen. Nach ein paar halbherzigen Versuchen, das Thema zu wechseln, gähne ich demonstrativ und entschwinde Richtung heimatlicher Bettenburg. Für die Zukunft habe ich mich allerdings vorgenommen, statt still zu leiden einfach klar zu sagen, dass ich gerade echt keinen Bock auf dieses Gelästere habe oder – die höflichere Variante – “doch da zur Zeit diese Challenge mache und momentan nicht so richtig schlimme Sachen sagen darf”. Da können sich meine Mitmenschen dann wenigstens drüber lustig machen und fühlen sich nicht gleich vor den Kopf gestossen.

Aber die Feststellung, dass meine Freunde, obwohl sie allesamt wirklich herzliche und liebe Menschen sind, ebenfalls irrsinnig viel Zeit mit Boshaftigkeiten und Schimpftiraden verbringen, gruselt mich ein wenig an. Ich dachte doch, ich wäre der einzige miesepetrige Meckerkopp in unseren Reihen.

Ähnlich ergeht es mir beim ersten Waldläufchen mit meinem Kumpel für dieses Jahr. Während ich so meditativ vor mich hin hechele und schnaufe, ärgert sich der Herr neben mir lautstark über seine Chefin. “Und du glaubst es nicht – da tut die doch wirklich so, als wäre das ihre Idee gewesen, und dabei hab ICH doch wochenlang”…die Stimme wird schärfer und der Tonfall rauher. “Ey, ich könnte so kotzen! Und am Ende bin ich wieder der Blöde, wenn’s nicht klappt!”
Zur Anstrengung des Bergauflaufens gesellt sich die Anstrengung des “Nicht-Mitreissen-Lassens”…was, wie ich gerade feststelle, genauso viel Mühe kostet wie schlichtes Ignorieren. Im Normalfall vor Beginn der Challenge hätte ich ihm natürlich längst kräftig beigepflichtet und sicher auch noch eine ähnliche Anekdote von meinem eigenen Brötchengeber dazugelegt und am Ende hätten wir gemeinsam gift-und-galle-spuckend unter Absingen von übelsten Flüchen unsere ach!-so-hundsgemeinen Vorgesetzten verteufelt. Und bei der Gelegenheit in einem Abwasch noch das gesamte menschliche Kroppzeug gleich mit, das so um uns herum kreucht und fleucht.
Aber heute ja nicht.
Weil, heute iss’ ja Challenge, verstehste.

Während ich in meinen Gehörgängen hilflos nach der Durchzugs-Funktion suche, beleuchte ich das, was hier gerade passiert. Man sollte ja eigentlich annehmen, dass es der Psychohygiene eher zuträglich ist, wenn man anderen davon erzählt, was einen geärgert oder genervt hat und das man sich damit Luft macht und Dampf ablässt und hassenichtgesehen (vor allem letzteres. Echt ey.)
Aber bei Licht betrachtet kocht man durch diese Aprés-Aufreger und Was-ich-heute-doof-fand-Erzählstunden nur längst vergangenen Mist wieder auf und ist am Ende meist wieder genauso angepisst wie vorher.

Und eigentlich habe ich gerade so überhaupt keinen Bock mehr, mir dieses Gemosere anzuhören. “So! Schluss damit!” bricht es aus mir heraus – mein Kumpel hält irritiert inne, schaut mich an…”Hast ja recht. Bringt ja alles nix!” und wir laufen fröhlich weiter durch den Wald und erfreuen uns des plätschernden Bächleins, der tschilpenden Vöglein und unserer gegenseitigen angenehmen Gesellschaft.
So geht’s also auch.

Licht und Liebe, ihr Säcke!

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