Holzauge, sei achtsam!

Jeder, der sich mit dem Versuch herumschlägt, zumindest ein klitzekleines bißchen Krawall und Remmidemmi aus seinem Alltag zu entfernen (oder esohipsterdeutsch “sein Leben zu entschleunigen”) wird früher oder später über den Begriff “Achtsamkeit” stolpern.

Achtsamkeit kommt wohl aus der fernöstlichen Buddhisten-Ecke und bedeutet im Grunde nix weiter, als quasi dem Hier und Jetzt seine ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken – also genau das, wofür Chaoten wie ich im vollgestopften Alltag nie Zeit haben, weil sie immer von einem Vorhaben zum nächsten hampeln und in Gedanken schon beim Abendbrot sind, während sie sich noch den Frühstückskaffee aufbrühen.

Ich bin erfahrungsgemäß der totale Achtsamkeit-Versager – und das ist mir eigentlich gar nicht mal unrecht, weil das Wort auf meiner persönlichen “Igitt!”-Liste ziemlich weit oben anzutreffen ist. Vor meinem inneren Auge formiert sich dann immer gleich ein sanft lächelnder Guru, der eingehüllt in Räucherstäbchen-Nebel in Zeitlupen-Tempo seinen Zeigefinger hebt und “Halte inne, Schwester…und sei achtsam!” raunt. Für so ‘nen Scheiß hab’ ich keine Zeit, ich muss noch Buntwäsche machen und E-Mails beantworten. Und außerdem hab’ ich ein Brot im Ofen und die Katzen schreien nach Fütterung. Aber das versteht so’n achtsamer Buddhinsky natürlich nicht, der sich den lieben langen Tag auf seinem Meditionskissen den Arsch plattsitzt und hin und wieder mal eine Klangschale anstupst oder einen voll-politisch-korrekt-fairtrade Grüntee schlürft.

Andererseits trägt mein Zeitspar-Plan bereits am ersten Tag schon zarte Früchte, und wenn sich jetzt quasi täglich ein Füllhorn voller Zeit über meinen Kopf ergiesst und verjuxt werden darf, dann könnte ich ja zumindest mal so’n klitzekleines bißchen achtsamer sein. Das tut ja keinem weh. Und das es eher dööflich ist, ständig im Kopf schon einen Schritt weiter zu sein und das “Hier und Jetzt” (Achtung, Eso-Alarm!) nicht mit a-haaallen zur Verfügung stehenden Sinnen zu genießen, leuchtet ja auch ein.

Also laufe ich heute morgen mal voll achtsam los und erfreue mich des glitzernden Matsch-Parfaits unter meinen Füßen. Das ich es tatsächlich schaffe, jene Anstiege meines Home-Trails, die ich in den letzten Wochen maximal schnaufend hochspaziert bin, ausnahmsweise mal wieder komplett durchzulaufen in einer dem Laufschritt nicht unähnlichen Fortbewegungsart zu absolvieren, ist auf jeden Fall nicht unerfreulich. Auf dem Gipfel der berüchtigen Aubachtal-Killernordwand angekommen, bewundere ich kurz das weißgepuderte Tal, das optisch in weiter Ferne liegt. Und wenn ich gerade dabei bin, bewundere ich mich gleich mit, schließlich bin ja höchstselbst eigenfüßig hier hochgerannt emporgeschlappt. Und als dann noch ganz viele zarte Puderzuckerflöckchen zwischen den kahlen Baumwipfeln herunterschweben, beschließe ich, dass das jetzt hier schon ein ziemlich geiler Augenblick ist. Der Berg und ich. Und sonst nix und nottich. Horrido.

Später dann, als sich der Weg elegant mit einer leichten Neigung nach unten fädelt, versucht mein Gehirn es mit dem altbekannten Schabernack – “Wenn du ja jetzt wieder mehr Zeit hast, könntest du doch….Häkeln lernen….neues Fotoprojekt….Laufgeschichten-E-Book…vielleicht mal wieder ‘ne Ausstellung….Wanderführer für Trailfans..mit Fotos…und überhaupt…”

Ich muss kichern. Netter Versuch. Was ist mein Hirnkasten doch für ein durchtriebener kleiner Schelm, – ständig versucht der Strolch, mich aufs Streß-Glatteis zu locken. Ich kaue ein bißchen auf meinen eigenen Ideen herum, teste kurz den Geschmack…und spucke sie allesamt mit einem Lächeln in den Schnee. Erstmal nicht. Irgendwann wieder.
Vielleicht.

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