Ultreya, ultreya! – Der “Rengsdorfer Plätschersteig”

Die süßen Früchte meiner Time-Challenge genieße ich derzeit unter anderem in Form von vielen, leckeren Büchern – ganz besonderen Appetit habe ich derzeit auf Pilger-Erlebnisberichte vom Jakobsweg. Obwohl ich ja selbst nicht an Gott glaube und ihn demzufolge niemals suchen würde – weder auf Pilgerwegen noch in Nachttisch-Schubladen oder unter’m Bett –  mag ich die unterhaltsamen Erzählungen über Camino-Abenteuer immer wieder gerne. Tatsächlich war es auch Kerkelings “Ich bin dann mal weg”, dass mich vor Jahren wieder maximalmotiviert in die Wanderschuhe getrieben hat, nachdem diese Form der Freizeitbeschäftigung aus Kindertagen eher mit “Och nööööö!” und “Ist noch weeeeeit?” behaftet war.

Und seitdem gibt’s für mich eigentlich kaum etwas, dass mich mehr entspannt und “runterholt”, als eine mehrstündige, einsame Wanderung durch hübsche Landschaft. Ich muss mich dafür nicht in spirituelle Gesellschaft sandaliger Pilgerbrüder begeben, brauche keinen hippen “Camino” im fernen Galizien und muss mein Treiben auch nicht “Pilgern” nennen – mir reicht schnödes “Marschieren” im heimischen Forst zum Glück.

Kurz: Wandern iss’ King!
Echt jetzt.

Für mein 40. Wiegenfest im März habe ich wie jedes Jahr einen gemütlichen Lauf mit Freunden geplant, der – Überraschung! – exakt 40 km lang sein soll (wer den Zusammenhang zwischen Streckenlänge und Lebensjahren findet, darf ihn einrahmen und behalten). Und da ich dringend mal damit beginnen sollte, aus meinen Lieblingstrails und -waldautobahnen die Geburtstagstrecke zusammenzustricken und Körper und Gemüt den Wunsch nach “pilgerähnlichem Marschieren” angemeldet haben, sattele ich Schusters Rappen und trabe ins schöne Engelbachtal. Statt des spanischen “Ultreya!” würde man hier in der Gegend wohl eher ein kerniges “Hui Wäller!” plärren, aber das klingt ja doch irgendwie ziemlich uncool – also plärre ich einfach überhaupt nix und latsche einfach vor mich.

MiEngelbachtalr gefällt ja immer der Gedanke, auf langen Wanderungen unfassbar schlaue Dinge zu denken, spontan unter einem Stein den Sinn des Lebens zu finden und zu irgendeiner bedeutsamen kosmischen Erkenntnis zu gelangen. Schließlich scheint das zumindest auf dem Jakobsweg alle Naselang vorzukommen und an Ende ist doch jeder Weg bloß ein Weg.

Stattdessen umkreisen mich Gedanken wie

  • “Mönsch, der Buxenbund kratzt ja ganz schön am Hüftgold. Ob 3 Tafeln Schokolade täglich vielleicht doch ein bißchen zuviel zum Erhalt des perfekten Hardbodies sind?”
  • “Der Baumstumpf sieht fast aus wie ein Nusskuchen mit Schokoraspeln.
    Hmm….Nusskuchen.
    Den könnte ich mal wieder backen.”
  • “Ist ja immer noch ganz schön eisig um die Nase.
    Ist aber auch ganz gut so, die sommerliche Bikinifigur ist eh noch nicht fertig.”
  • “Hab ich eigentlich das Bügeleisen ausgemacht?
    Wobei…Moment mal.. hab ich das Bügeleisen überhaupt BENUTZT in den letzten Tagen?
    Was bin ich doch für ‘ne ungebügelte Schlamperliese.”

ZwergenwegIch fürchte, kosmische Erkenntnisse klingen anders. Aber vermutlich denkt der gemeine Pilgerer an sich auch nichts Anderes oder Gehaltvolleres auf seinen langen Wegen – große spirituelle Weisheiten lesen sich halt nur einfach besser.
Und erhöhen die Verkaufszahlen der Bücher.

Zusätzlich zu meinen im wahrsten Wortsinn “gottlosen” Gedanken an diesem sonnigen Sonntag beschäftigt mich ein wenig die Sorge, mich beim Streckenstricken zu verlaufen und ich versuche, mir jede Abzweigung genauestens in die Hirnwindungen zu brennen, während ich in Gedanken duftende Nusskuchen backe. Das passt ja zumindest thematisch prima zum Geburtstagslauf.

wasserfallNachdem ich nach über 2 Stunden strammen Marschierens den allerliebst plätschernden Melsbacher Wasserfall bestaunt und passiert habe, schiebe ich meinen schnaufenden Korpus den nachfolgenden Anstieg hoch und werde mit einer traumhaften Aussicht ins Wiedtal belohnt, nebst glitzernden Sonnenstrahlen und knatschblauem Himmel und dem ganzen Zipp und Zapp. Wäre ich jetzt spirituell unterwegs, könnte ich mir wohl unter Umständen unter Berücksichtigung des Sauerstoffmangels im Hirnkasten, dem Grad der Ermüdung und Wiedtalder landschaftlichen Schönheit durchaus gerade eine Begegnung mit Gott einbilden – was gar nicht mal so unpraktisch wäre, dann könnte ich den großen Meister gleich mal nach dem richtigen Weg fragen. So stopfe ich mir stattdessen fröhlich eine Erdnussbutterstulle in die Futterluke und versuche mein Pfadfinder-Glück weiterhin auf eigene Faust. Selbst ist die Wandersfrau.
Ultreya, Ultreya, und dreimal schwarzer Kater!

Am Ende des Wandertages zeigt das GPS-o-Meter knapp 23 km, womit zum Wiegenfeste nur noch 17 läppische Kilometerchen fehlen. Und da ich mir zudem noch einen äußerst lieblichen Rundkurs zusammengehäkelt habe, bin ich so frei, ebenjenen als “meinen” Weg zu brandmarken und auf “Rengsdorfer Plätschersteig” zu taufen.

Und jetzt möge man mich entschuldigen.
Ich muss noch Nusskuchen backen.

 

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