Und täglich grüßt das “Waskannstedenndanochessen”-Tier…

Wenn man sich mal in den Medien umguckt, scheint das Thema “vegane Ernährung” derzeit wortwörtlich in aller Munde zu sein. Attila Hildmann hampelt sich mit Mandelmus und Zucchininudeln durch alle gängigen TV-Formate, entsprechende Koch- und Backbücher stapeln sich in allen Buchhandlungen und selbst der Tante-Emma-Laden in Klein-Tupfingen hat mittlerweile ein gutsortiertes Veggie-Regal.

Überraschenderweise ernte ich dennoch immer wieder aufs Neue schwerstirritierte, maximalverwirrte bis entsetzte Blicke, wenn in einer Runde das Thema auf “tierfreies Futter” kommt.

“Was? Kein Käse, kein Fleisch, keine Eier, keine Butter?? Ja, GEHT das denn?”

“Also, DAS geht doch gar nicht. Ja, da kann man ja GAR nix mehr essen, kann man da!” Nach einem kurzen Innehalten und Rattern des Gedankenapparates folgt dann oft noch ein “Also, für mich wär das nix, ich ess’ doch viel zu gerne um mich SO zu quälen!”

Jawohl – das geht!

Die meisten “Normalköstler” unterliegen hier aber oft einem Denkfehler – sie sehen vor ihrem inneren Auge ihren eigenen Speiseplan und ihre eigenen, persönlichen Lieblingsgerichte und denken sich davon die tierischen Zutaten weg – und übrig bleibt dann meistens tatsächlich ein trauriger, freudloser, trockener Gemüserest oder ein Häuflein Reis/Nudeln ohne Soße.

Nehmen wir als Beispiel mal das, was man so unter einem reichhaltigen und leckeren Frühstück versteht: Eine große Tasse dampfenden Milchkaffee mit ordentlich Milchschaum, dazu ein belegtes Brötchen mit einem französischen Käse, ein Buttercroissant, ein paar Weintrauben oder Erdbeeren, gerne auch noch ein Rührei mit krossem Speck oder ein gekochtes Ei. Und nun denken wir uns aus diesem Bild einfach mal alle tierischen Zutaten weg….übrig bleibt eventuell ein trockenes Brötchen (wenn überhaupt – viele Bäckereien verwenden Backmischungen die Milchbestandteile enthalten) ohne Belag…..schwarzer Kaffee…und äh….ein paar Trauben und Erdbeeren.
Trockenes Brot und eine Handvoll Obst.
Eine traurige Ausbeute.
Das dieses karge Mahl für niemanden verlockend oder gar genußvoll erscheint, verstehe ich sehr wohl. Das wäre “für mich” aber auch so “überhaupt nix”.

Nun ist es aber so, das ich nicht einfach ersatzlos alles Tierische von meinem Speisenzettel streiche und wehmütig bei trocken Brot und Möhrchen darbe, sondern einfach andere Dinge esse als “früher” und wohl auch als der der gemeine Otto Normalmischköstler. Zudem backe und koche ich einen großen Teil von meinem Speiseplan selbst, ohne tierische Produkte zu verwenden.

Ein Frühstück im Hause Mohr sieht dann z.B. so aus: Walnuss-Möhren-Brötchen mit Avocado, getrockneten Tomaten oder gegrillter Paprika. Auch dünn geschnittener Räuchertofu mit Schnittlauch schmeckt sehr gut auf Brot. Dazu ein Obstsalat mit Äpfel, Bananen, Blaubeeren, gerösteten Mandeln und Vanillejoghurt (Soja), Milchkaffee mit Dinkelmilch (die bisher jeden Mischköstler gleich beim ersten Schluck begeistert hat, übrigens). Im Bioladen gibt es mittlerweile schon sehr leckeren Sojafrischkäse und viele kreative Brotaufstriche wie z.B. scharfen Paprika-Nuss-Aufstrich oder Pfeffer-Ingwer….Tomate-Ruccola…..Curry-Ananas.

Oder man/frau/mensch bastelt sich seinen Frischkäse einfach selbst – geht fast noch fixer als zum Supermarkt zu laufen.

Manchmal backe ich auch Früchte- oder Nussbrot zum Frühstück, was mit diversen Nusscremes und Marmeladen bestrichen ziemlich schnell den anwesenden Schlündern verschwindet. Pudding, Kuchen, Pfannkuchen, Waffeln und Törtchen lassen sich sehr leicht in tierfreier Ausführung mit Pflanzenmilch und Margarine statt Kuhmilch und Butter herstellen, Eier lassen sich (mit ein bißchen Übung) leicht ersetzen oder werden einfach weggelassen. Und wenn mir der Sinn nach etwas Herzhaft-Deftigem steht, brate ich zerkrümelten Tofu mit Zwiebeln, Sojasoße, Pfeffer und Salz in der Pfanne knusprig, eventuell gebe ich noch frische Champignons dazu, streue frischen Schnittlauch darüber und schaufele das Ganze auf eine frische Scheibe Roggenbrot. Das klingt doch schon deutlich verlockender als trocken Brot und Kaffee, woll?

Bei Mittag- oder Abendessen stellt es sich ähnlich dar. Wenn man einfach aus den klassischen gewohnten Gerichten alles Tierische weglässt, wird es meist ganz schön freudlos. Manchmal denkt der Om-nom-nivore leider trotz allem Vegan-Input aus den Medien noch recht unkreativ.
Ein Beispiel: Ich war zu Besuch bei Bekannten. Normalerweise frage ich vorher nach was es zu essen gibt und biete gerne an mir selbst was mitzubringen (und tue das auch wirklich gerne, dann weiß ich wenigstens das es schmeckt und ich nicht auf irgendwelchen merkwürdigen “Fleischalternativen” wie Tofu-Würstchen oder Sojaschnitzel herumkauen muss)….in dem Fall kam aber “Nee, nee, kein Problem, ich mach’ Dir was!” Ende vom Lied: Es gab für die Normalköstler Schweinefilet in Pilzrahmsoße, dazu Kartoffelgratin und Salat (mit Schinken und Käse). Für mich wurde dann vollkommen kreativ und hilfsbereit ein Teller trockene Kartoffeln beiseite gestellt und es gab ein paar grüne Salatblätter mit Essig, Öl und ‘ner fertigen Mischung aus feinsten Geschmacksverstärken aus dem (un-)beliebten Hause N***tlé. Und die mitleidigen Blicke und Sprüche wie “Also, nee…..datt mit dem veganischen Essen, datt wär’ ja nix für mich, ich bin ja Genießer!” gab’s gleich kostenlos dazu.
Verständlicherweise.
Wenn ich mir vorstellen würde, das es Leute gäbe, die von trockenen Kartoffeln und langweiligem Kopfsalat mit Fertigsoße leben, würde ich vor Mitleid zerfließen.

Aber – zum Glück kommt mir so ein freudloser, unkreativer Kram nicht auf den Teller. Puh. Ich liebe scharf gewürzte Gemüsecurrys oder indische Dhals mit selbstgebackenem Naan-Brot, Pizza mit frischen Tomaten, Oliven, Mais und sonstigem Gemüse und einer Kruste aus Cashewsahne, exotische Eintöpfe, Rosmarinkartoffeln mit Paprikagemüse, Gemüsetartes und -quiches, Bohnensalsa mit Nachos und Guacamole, und ja – auch der gerne-belächelte Tofu lässt sich sehr köstlich und vielseitig einsetzen…..scharf gewürzt mit Nusskruste, oder knusprig gebraten mit Sesam-Panade….in Zitronen-Ingwer-Marinade eingelegt, oder gegrillt, gebacken, gekocht, püriert und zu Dips verarbeitet, in Kuchen verbacken. Reis- Nudel- oder Kartoffelsalate sind prima fürs Büro oder als Beilage zum Grillen.

“Wobei…Grillen? “Was kann man als Veganer schon großartig grillen – Maiskolben?”

Stimmt – Maiskolben mit Salz und Kräutern eignen sich prima, ebenso wie Backkartoffeln, gefüllte Champignons oder Tomaten, Paprika oder Tofu-Spiesse mit Ananas und Bananen. Mittlerweile ist auch das “Fertig-Pflanzenfleisch” nicht mehr so schlecht wie sein Ruf und es gibt sogar Seitanwürstchen, -steaks und -bratlinge, die so richtig prima schmecken. (Wenn ich da an die freudlosen Tofurollen in Plastikhülle denke, die es vor Jahren als einzige vegetarische Grillalternative im Reformhaus zu kaufen gab….aber das ist wieder ‘ne andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll. Oder – lieber gar nicht.)

Hin und wieder höre ich dann auch Sprüche wie “Das ist aber nur halbherzig….wenn man so nachgemachte Frikadellen ißt, das ist ja gar nicht konsequent”. Interessant. Bislang wußte ich allerdings nicht, dass das Recht zum Zusammenmischen diverser Zutaten zu einem bratfähigen Klops allein der Fleischindustrie vorbehalten ist und…ach, im Grunde ist es mir dann doch wieder viel zu egal, für wie “konsequent” oder “halbherzig” man mich hält.

Unterwegs essen ist auch deutlich unkompliziertes als “man” denken mag. In nahezu jedem Dönerladen gibt’s Falafel, die in den meisten Fällen ohne tierische Zutaten auskommt. Ein Falafel-Sandwich mit Salat z.B. ist als flotter Mittagssnack absolut lecker und ausreichend. Indische oder asiatisches Restaurants haben meist von Haus aus schon tierfreie Speisen auf der Karte, und sind ansonsten auf Nachfrage immer gerne bereit, Butter durch Öl zu ersetzen, oder den Käse wegzulassen. Eine frische Gemüsepizza beim Italiener schmeckt im übrigen durchaus ohne Käsekruste, Nudeln sind auch mit Tomaten- oder Gemüsesoße schmackhaft – und man hängt hinterher magenmässig auch nicht so in den Seilen wie nach einem Teller Tortellini ala panna oder einer Combinazione.

Was gibt’s noch? Kuchen? Wenn jemand der Meinung ist, die tierfreie Backstube gibt maximal bröselige Vollkorngugelhüpfe her, den sollte mal eine Whiskey-Trüffel-Tarte, einer Erdbeertorte mit Cremefüllung, diverse Mohn- oder Nusshefezöpfe oder Schokoladen-Törtchen kosten. Und danach gibt’s noch Schoko-Chili-Creme mit Himbeerhäubchen, Mandelpudding, Bananen-Eis oder Kirschhütchen obendrauf. Wer dann noch nicht vor lauter Genuß und Begeisterung geplatzt ist, könnte sich noch Trüffelschokolade oder Vanillepralinès hinterschieben.

Und dann sollte doch eigentlich Ruhe im “Waskannmandanochessen!”-Karton sein.

(Nachtrag: Natürlich stehe ich nicht jeden Tag in der Küche und koche und backe….ich esse auch (und vor allem im Moment leider viel zu viel) Fastfood wie Pommes mit Ketchup, oder Nudeln mit Fertigsoße, Chips oder ein einfaches Tomatenbrot zum Abendessen. Genau wie jeder Otto Normalköstler das auch tut – nur mit dem Unterschied, dass mein Fastfood ohne “Muh” und Mäh!” auskommt.
Denn mal ehrlich…das mit dem tierischen Kram auf dem Teller…also für mich wär’ das ja nix….)

7 thoughts on “Und täglich grüßt das “Waskannstedenndanochessen”-Tier…

  1. Marlene

    Ja, diese Denkmuster … der Kopf kann einen manchmal ganz wirre Storys eintrichtern 😉

    Selber verzichten wir nicht darauf, jedoch täglich Fleisch/Fisch gibt es bei uns Zweibeinern auch nicht.
    Fällt mir da auch nicht sonderlich schwer, da ich gerne Käse esse.

    Zum Denkmuster: wie eine Bekannte uns im Freundeskreis erzählte, sie will sich nur noch fleischlos ernähren ging bei uns anderen die Grübelei los. Wir hatten alle bestimmt jeder sein eigenes Kopfkino. Erste Frage war von einer anderen Bekannte: ‘nie wieder grillen ohne dich’ Da dachte ich auch -> hääää, da kommt ja nicht zu Fleisch drauf 😉 Naja, irgendwie hat sich das dann alles im Laufe der Zeit eingespielt und wenn sie dann mal zum Essen einlädt -> ich liebe ihre Wok-Gerichte 😉 .

    Bei Vegan ist es bestimmt von der Umstellung noch anders. Da wäre ich auch erst einmal überfordert. ABER, fragen kostet ja nichts 😉

    LG
    Marlene

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    1. mohrblog Beitragsautor

      Naja, wir sind halt alles Gewohnheitstiere und in vielen Bereichen geht’s mir ja gar nicht anders…
      “Was, du hast kein AUTO?” Ja, aber das geht doch gar nicht!”
      Oder…”Wie jetzt, glutenfrei? Da kannst du ja gar nix mehr essen!”
      😉
      Trotzdem schadet es ja nicht, sich selbst und seine Denkmuster ab und an mal zu hinterfragen.

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  2. Frau Fröhlich

    Hut ab ! Ich finde es bewundernswert, wenn jemand das so durchziehen kann.
    Vegetarisch fällt mir schon schwer, aber vegan … *wow*
    Ich muss auch nicht jeden Tag Fleisch haben, aber so manchmal habe ich tatsächlich so richtig Verlangen danach. So ein schönes Steak und dann ist auch wieder gut und ich könnte ein paar Tage ohne auskommen. Zumindest auf dem Teller. Bei Wurst hört es dann schon wieder auf. Die habe ich tatsächlich täglich auf meinem Brot.

    Ich stelle mir das mit dem vegan leben einfach zeitlich sehr intensiv vor. Selbst Brot backen, Aufstriche selbst machen etc.. Die Zeit habe ich im Moment einfach nicht bzw. die wenige freie Zeit, die ich habe, da setze ich gerade andere Prioritäten, als Kochen und Co.. Das was du erzählst klingt alles super lecker, aber hat eben auch viel mit Vorbereitung und Zeit zu tun.

    LG Frauke

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    1. mohrblog Beitragsautor

      Ach, ganz ehrlich – wenn allzu aufwändig und kompliziert wäre, würd’ ich’s vermutlich nicht tun – trotz aller Tierliebe bin ich nämlich in der Hauptsache ‘ne faule Wutz 😉
      Letztlich ist am Ende doch viel Gewohnheit und Routine dabei – in den ersten Wochen fand ich das tierfreie Essen auch irrsinnig kompliziert und umständlich, aber nach einer Weile spielt sich alles ein und ich verbringe sicher nicht mehr Zeit in der Küche als die meisten om-nom-nivoren Schleckermäuler.
      Mein Brot backe ich meistens mit dem Brotbackautomaten, das geht fix und die Küche bleibt sauber..und ich koche auch oft sonntags Kompanieportionen für die Arbeitswoche vor, irgendwas Eintopfiges z.B. – dann gibt’s unter der Woche abends eben Linsenbolognese mit Nudeln am Montag / Linsensuppe mit Tofuwoscht am Mittwoch / Linsenbolognese mit Kartoffeln am Mittwoch…naja, und sowas eben. Mittags gibts oft Klappstulle und zum Frühstück Chia- oder Hirsepudding, den kann man auch gut für mehrere Portionen vorbereiten und im Kühlschrank parken.

      Alles ‘ne Sache der Übung 😉

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  3. Juja

    Danke für den Artikel! Ich verbringe grad die Fastenzeit vegetarisch, und ich muss sagen, es fällt mir ziemlich schwer. Man ist tatsächlich so drin in den eingefahrenen Denkmustern, dass man immer erstmal überlegen muss, welches Essen jetzt noch “geht”… Erlebnis auch bei mir: neulich war eine Feier bei meinen Großeltern, ich wies darauf hin, dass ich gern ein Gericht ohne Fleisch essen würde, und meine Oma war völlig ratlos, was man da im Restaurant bestellen könnte. Klöße mit Bratensoße vielleicht? 😉
    Deine Fotos sehen jedenfalls wahnsinnig lecker aus, bringen mich auf Ideen und machen Lust auf Nachkochen! Gerne mehr davon!

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    1. mohrblog Beitragsautor

      Ja, anfänglich kann das Ganze schon arg verwirrend sein und es bestätigt sich wieder, dass der Mensch ja irgendwie doch ein Gewohnheitstier ist 😉 Aber ganz bald kommst du sicher besser klar und entdeckst zig leckere Sachen, die du vorher noch nicht kanntest. Ich z.B. hatte vor meiner Umstellung auf “tierfrei” noch nie was von Quinoa oder Amaranth gehört oder wäre auf die Idee gekommen, ein Curry mit grünen Brechbohnen zu kochen oder sowas Ekliges wie “Rote Bete” mit Pasta zu essen 😉

      Schau dich ruhig gründlich in meiner Rezeptesammlung um, vielleicht findest du ja noch Inspirationen:
      https://danielamohr.com/mohrblog/mohrkochen/

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