Eine Bordsteinschwalbe macht noch keinen Sommer

(Zugegebenermassen passt der Titel nicht so wirklich zum Text – aber ich fands witzisch. Man möge mir nachsehen.)

Es ist Freitagmorgen (wobei die dezente Betonung dabei auf dem ersten Teil des Wortes liegt), die Vöglein tschilpen sich ‘nen Wolf und die Frühlingssonne lacht sich krumm und schief. Und ich? Starre missmutig aus dem Fenster und ziehe ‘nen Flunsch.

Die Tatsache, dass mein Auto heute ein Date mit dem TÜV hat, ist schon allein aufgrund der bloßen Sache an sich ein Grund für brummiges Augenbrauen-Zusammenziehen – denn die abgewohnten Blechkutschen, die ich durch die Gegend lenke, stehen ohnehin immer schon mit einem Reifen im Schrottpressengrab und die Beziehung zu meinen Autos wurde nicht nur einmal durch den gestrengen technischen Überwachungsverein schmerzlich beendet.

Zusätzlich zum leisen Bangen um Luigi (meinen klapprigen Fiat) verstimmt mich die Tatsache, dass ich ohne Auto nun mal nicht in den Wald brettern kann und somit drauf verzichten muss, die frühlingssonnengefluteten örtlichen Trails umzupflügen.

Och Mönsch,
Und das bei dem schönen Wetter.

Wäre meine Kondition in der Verfassung, in der sie eigentlich zu diesem Zeitpunkt des Jahres zu sein geplant war, könnte ich natürlich höchst lockerflockig die erforderlichen 4-5 Kilometer bis zum Waldrand laufen, dann dort fröhliche meine Kilometerchen abrutschen und wieder zurück trimmtraben, aber – iss ja nich’. Die Kondition glänzt durch unentschuldigtes Fehlen.

Ich bedauere mich ausgiebigst nach Strich und Faden und beschließe seufzend, stattdessen dann halt eben niedere Hausarbeit zu verrichten. Das eingestaubte Fensterglas taucht unsere Zimmer schon länger in den freudlosen muffgrauen Farbton einer Tatort-Szenerie und könnte sicher mal ‘nen feuchten Lappen vertragen.

Och Mönsch.
Und das bei dem schönen Wetter.

Plötzlich tippt mir mein Verstand von hinten zaghaft mit dem Finger auf die Schulter.
“Sag mal, versteh’ ich das richtig? Du nölst gerade rum, dass du nicht LAUFEN kannst weil du kein AUTO hast?”
“Nnnjaaaaa! Und dabei ist so schönes Wetter!”
Mein Verstand kratzt sich irritiert am Kopf.
“Ich will dir ja nicht zu nahe treten, aber hast du schon mal aus dem Fenster geguckt?”
“Jaaa…voll der Sonnenschein und so! Voll doof. Und ich kann nicht laufen!”

Der Verstand setzt nach: “Aber da draußen, da ist ja nicht nur das Wetter…weiter unten im Blickfeld sind ja nun auch Wege. Die fangen sogar direkt vor deiner Haustür an.”
Mein muffiger Blick folgt dem ausgestreckten Finger des Verstandes durchs Fenster.
“Ja, aber das sind doch bloss so Bordsteine und so. Voll blödes Asphalt-Zeugs. Ich lauf’ doch freitags immer im Waaald. Verstehste?”

“Aber dass das total bescheuert ist, merkste aber selbst, oder? Weil du nicht im Wald laufen kannst, läufste lieber gar nicht und flennst stattdessen selbstmitleidig rum?”
Ich fühle mich ertappt und zeichne beschämt mit dem Finger kleine Kreise in die Staubschicht auf meinem Schreibtisch.
“Hm. Jaaaa. So ist das wohl.”

Mein Verstand lässt sich leicht entnervt in den Schreibtisch-Stuhl plumpsen:
“Also zusammengefasst lautet das Problem also wie folgt:
Mimimimiiiiiii!”

Naja, bei Licht betrachtet (von dem durch laufschuhedie trüben Fenster nicht gerade viel hereindringt) , hat der hirneigene Klugscheißer natürlich recht. Auch wenn Neuwiedropolis nicht gerade durch seine liebliche Landschaft besticht, haben wir hier immerhin so ‘n Zeugs wie ein “Rheinufer” und sogar ‘nen Schloßpark. So richtig scheiße ist das ja nun auch nicht. Und ohnehin werd’ ich Ende April 24 Stunden lang auf ziemlich unhügeligem Asphalt laufen, da kann ein bißchen üben vorher nicht schaden.

Ich sattele die Straßenlaufschläppchen und schlurfe los, tappe über Bordseine, bewundere frischgeknospte Krokusse und Narzissen in den Vorgärten, überquere Straßen und lasse mich huldvoll dazu herab, das Ganze trotz aller ashaltierten Widrigkeiten nicht gänzlich unangenehm zu finden – großherzig, wie ich nun mal bin.
Auf die müffelnden Autos und nervigen Ampeln könnte ich zwar locker verzichten, aber der frische Wind am Ufer des Gevatter Rhein pustet mir die Abgase recht schnell wieder aus dem Haarspitzen und der berühmte Fluß legt sich auch idylletechnisch im Rahmen seiner Möglichkeiten doch ganz schön ins Zeug. Und trotz der unkoordinierten Hundegassiführer und der überquellenden Mülleimer gibt sich der Schloßpark heute auch mal weitestgehend liebreizend. Läuft. Kann man nicht meckern.

Als ich schwitzig und frohgemut vom Asphalt-Auslauf zurückkehre, sitzt mein Verstand schmunzelnd mit einer Tasse Tee und einem Kitschroman auf der Couch und feixt “Na, war doch besser als Fensterputzen, oder?”

Wo er recht hat, hat er recht.
Wäre auch jammerschade gewesen, den Morgen mit Schmollen zu verbringen – ich meine, bei DEM schönen Wetter.

 


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2 Gedanken zu „Eine Bordsteinschwalbe macht noch keinen Sommer

  1. Frau Fröhlich

    *lol* kommt mir irgendwie bekannt vor. Erst mal nölen, weil irgendwas einfach nicht so ist, wie man das gerne hätte. Andere Möglichkeiten werden geflissentlich ausgeblendet … ist eben nicht das, was man wollte 😉

    Ich gehe ja auch gerne spazieren, aber bitteschön nicht vor der Haustür … voll öde. Dafür muss man schon irgendwo hinfahren. Idiotisch eigentlich … ist ja nicht so, als würden wir in der Stadt wohnen, da hätte ich wirklich keinen Drang vor der Tür zu spazieren 😉

    LG Frauke

    Antworten
  2. Eddy

    Nett, wenn man so einen klugscheißenden Verstand im Hirn beheimatet. Aber wie trickst Du den am Wochenende aus? Da ist echt kein schönes Wetter vorher gesagt… :-/

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